Montag, 8. September 2014

Teil 28


Es ist Nachmittag, wir alle sind in unseren Suiten und einige von uns ziemlich hungrig. Wir beraten ob wir etwas essen gehen oder nicht. Geplant ist, dass wir später in die Wüste zum Picknicken gehen. Bloß, wann das stattfindet, wissen wir nicht genau. Unser Big-Boss aus Kanada und der Filipino, haben uns abgesetzt und sind irgendwohin gefahren und wir wissen nicht wo die sind. Einer von uns nimmt sein Handy und versucht den Filipino zu erreichen. Leider geht er nicht ran. Dann versucht er es beim Big-Boss. Erst nach einer Weile geht er ran und gibt uns eine wage Antwort ohne Zeitangabe. Wir übersetzen seine Worte folgendermaßen: Es wird lange dauern bis wir zurück sind. So beschließen wir zum nächstgelegenen Laden zu laufen und uns was zu Essen zu kaufen.

In der Tat, es dauert sehr, sehr lange bis der Big-Boss und der Filipino wieder auftauchen. Zuerst kommt der Big-Boss und einige Zeit später der Filipino. Wir steigen endlich in die Autos ein, (ich in meiner Araberkluft die beim Personal und bei den anderen Gästen ganz gut ankommt, es wurden viele Fotos von mir und mit mir gemacht) und freuen uns, dass wir endlich in die Wüste fahren. Doch was passiert nach zwei Minuten? Wir fahren auf dem Parkplatz des nächsten Carrefour und parken dort. Der Filipino verschwindet im Laden und kommt nach einer halben Stunde wieder. Dann geht’s endlich weiter.

Wir fahren ca. eine halbe Stunde und biegen irgendwo ab. Dort wartet ein anderes Auto auf uns. Die Fahrer steigen aus, begrüßen sich und steigen nach zwei Minuten wieder ein. Dann fahren wir ein wenig im Sand und kommen zum Stehen. Wir sind da. Wir steigen aus, machen uns mit dem Fahrer des anderen Autos bekannt, er ist ein Freund unseres Big-Bosses und des Filipinos, laden alles aus und gehen ein paar Meter. Erst dann wird uns bewusst wo wir eigentlich sind und bleiben alle auf einmal stehen. Die Aussicht ist phänomenal! Wir sind nicht nur in der Wüste, wir sind auf einem Hügel von dem man eine grandiose Sicht über Riad hat. Die Aussicht ist atemberaubend. Wir gehen bis zum Ende des Hügels und breiten alles aus. Es wird Feuer gemacht, Decken ausgebreitet, Teller, Becher, Gläser, Essen, etc. ausgepackt. Das Fleisch wird auf den Grill geworfen, Salat und Reis sind schon fertig und liegen vor uns. Wir ziehen die Schuhe aus und setzen uns auf die Decken. Ein frischer Wind weht uns um die Nasen, gut, dass ich auch eine Jacke mitgenommen habe.

Dann wird endlich gegessen. Es ist schon Mitternacht und mein Magen knurrt wie verrückt. Da es wie immer kein Besteck gibt, haben wir einen Kanister mit Wasser um uns die Hände zu waschen. Dann wird reingelangt was das Zeug hält. Die Atmosphäre ist magisch, ich bin völlig weg von der Aussicht, den Lichtern in der Ferne, dem Geräusch des Wüstenwindes, dem Feuer, dem Geruch des Essens. Ein bisschen Melancholie ist auch mit im Spiel, weil wir uns morgen in alle Winde zerstreuen werden. Schade, dass unser ägyptischer Kollege nicht da ist. Ich hätte ihn gerne dabei gehabt.

Nach dem Essen gibt es arabischen Kaffee. Die Kanne wird rausgeholt und auf dem Feuer gestellt. Jetzt kommt jemand auf die Idee etwas zu singen. Ui, toll! Sagt eine kindliche Stimme in mir. Mist, sagt eine andere. Wahrscheinlich werde auch ich singen müssen und ich bin nicht gerade berühmt für meine gewaltige Acht-Oktaven-Stimme.

Die Kollegen beraten sich was sie singen möchten, während ich in die Ferne schaue. Dann wird es auf einmal ganz ruhig und einer fängt zu singen an. Es ist, wie bei den Moslems meistens üblich ein religiöses Lied. Ein wunderschönes Lied. Dann singt ein anderer Kollege ein Liebeslied. Sie haben schöne, warme Stimmen die mich in eine andere Welt entführen. Ich schaue abwechselnd ins Feuer, in die Ferne und den Kollegen zu. Dann schließe ich die Augen und schwebe im sternenvollen Wüstenhimmel. Irgendwann als das Lied zu ende geht und alle applaudieren, berührt mich einer am Arm und meint, los, jetzt bist du an der Reihe!

Ich will aber nicht. Ich versuche mich rauszureden, dass ich eine grässliche Stimme habe, usw. Die Kollegen lassen aber nicht locker und plötzlich meint einer, ich solle als letzter singen. Dann geht es reihum und die Atmosphäre wird noch magischer. Es knistert förmlich, es ist elektrisierend.

Durch das ganze Gesänge bin ich müde geworden und fühle mich kraftlos. Leider bin ich jetzt an der Reihe etwas zu singen. Was soll ich nur Singen? Die Bairische Nationalhymne? Inbrünstig? Hmm… Oder die Europäische? Ich nehme mein iPhone aus der Tasche und suche mir auf Youtube eine Karaokeversion aus.

O Freunde, nicht diese Töne!
Sondern lasst uns angenehmere anstimmen,
und Freudenvollere.

Die Kollegen schauen mich ratlos an. Ich öle kurz meine Stimmbänder und singe kraftvoll und unbeirrt weiter.

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
wir betreten feuertrunken,
himmlische, dein Heiligtum!
Deine Zauber binden wieder,
was die Mode streng geteilt,
alle Menschen werden Brüder,
wo dein sanfter Flügel weiht…

Oh, das ist Magie, ich liebe diese Hymne! Egal ob ich nicht die richtige Stimme dafür habe, ich singe trotzdem weiter bis zum Schluss. Gott sei Dank sind die Kollegen begeistert und ich froh, dass es vorbei ist.

Kurz danach, als alle voll, satt und müde sind und der Wüstenwind noch stärker uns um die Nase bläst, beschließen wir alles einzupacken und zu gehen. Dann brauchen wir wieder eine halbe Stunde bis nach Hause. Die Straßen sind leer und mein Blick schweift über die vorbeirasenden Lichter der Stadt.

Endlich daheim, falle ich hundemüde ins Bett.

                                Mitternachtspicknick über Riad






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