Montag, 24. Februar 2014

Teil 4


Teil 4

 

Irgendwann mache ich die Augen auf, weil draußen auf dem Gang einer eine Tür ins Schloss haut und sie einen sehr großen Lärm macht. Da es im Zimmer stockdunkel ist, weiß ich nicht ob es Tag oder Nacht ist. Greife nach meinem iPad um nach der Zeit zu schauen. Es ist schon Vormittag, aber ich fühle mich immer noch müde. Die Bilder der Reise und des ersten Tages in Arabien schwirren vor meinem geistigen Auge und ich schlafe wieder ein.

Anes meinte, dass es am Freitag sinnlos ist früh raus zu fahren, weil vor 16 Uhr alles dicht ist. Freitag ist in der Islamischen Welt was der Sonntag für uns Christen ist, der Tag des Betens. An jedem anderen Tag, aber auch am Freitag wird fünf Mal am Tag gebetet. Dafür geht man jedes Mal in eine nahe Moschee für ca. eine Viertelstunde. Am Freitag jedoch verbringt man den größten Teil des Vormittags in der Moschee und kommt so gegen 14 Uhr raus. Dann geht’s nach Hause zum Essen und erst danach beginnt das Leben bis spät in die Nacht. Bis vor kurzem war das Wochenende in der Islamischen Welt Donnerstag und Freitag, wurde aber auf Freitag und Samstag verschoben um einen Tag mehr zur Verfügung zu haben um mit der westlichen Welt Handel zu betreiben und um Geldtransfers schneller zu machen. Die Läden jedoch sind in Saudi Arabien jeden Tag geöffnet, auch am Freitag, was technisch ein Sonntag ist. Bei uns gehen die Gewerkschaften auf die Barrikaden deswegen. Die Ladensöffnungszeiten hier sind extrem lang. Von irgendwann in der Früh, kommt auf die Art des Geschäfts an, bis um 23 Uhr. Geschlossen wird nur zur Betenszeit. Banken öffnen sogar auch am Samstag.

Deswegen mache ich mir keine Sorgen und schlafe selig weiter. Irgendwann fängt auch der Muezzin an die Leute zum Gebet, also zur Moschee zu rufen und eine Viertelstunde später hört man die Stimme des Imam. Vor jeder Betenszeit ruft der Muezzin die Gläubigen vom Minarett zu und ca. eine Viertelstunde später fängt der Imam mit seiner Predigt an. Dauert meistens ca. 15 Minuten. Außer freitags, da dauert es Stunden. Jede Moschee ist mit einer Anlage ausgestattet auf die Musikgruppen neidisch werden könnten. So kriegt die nähere Umgebung die Predigt mit.  

Als die berauschende Predigt zu ende geht, wache ich auf. Taste nach dem Lichtschalter überm Bett und stehe auf. Erst jetzt bemerke ich den Aufkleber (Fotogalerie Riad) über dem Fernseher. Irgendwann habe ich mal gelesen, dass die Muslime in Richtung Mekka beten und damit die Gläubigen wissen wo Mekka sich befindet gibt es solche Aufkleber. Bei BMW, bei einer Werksführung und bei Siemens wo ich mal gearbeitet habe, habe ich ähnliche Aufkleber gesehen.

Ich gehe nach unten zum Frühstücken und danach vor die Tür. Der Empfangsherr folgt mir und versucht sein Englisch aufzufrischen. Wir stellen uns gegenseitig Fragen während er eine raucht. Gegenüber dasselbe Bild wie am Tag davor. Leute die joggen, Leute die Spazierengehen, darunter viele Frauen. Die Luft ist klar und erfrischend kühl und trocken. Warum ist sie so trocken, frage ich? Durch die Wüste gibt es so gut wie keine Luftfeuchtigkeit, sagt er. Ich merke an meiner Hand, an der die Haut anfängt rissig zu werden. Der Empfangsherr zaubert eine Handcreme aus seiner Tasche und reicht sie mir. Ich frage nach einer Bank oder Geldautomaten, aber die Gegend hier ist noch neu und es gibt weder das eine, noch das andere. Mist. Muss ich später Anes sagen, dass ich Geld brauche.

Ich gehe ein wenig spazieren in den Straßen des Wohngebietes und merke, dass a) die Straßen sehr breit sind, b) es keine Bürgersteige gibt, c) die Häuser meistens nicht über den ersten Stock hinaus-, dafür ziemlich in die Breite gehen und rundherum eine Mauer haben und d) vor der Tür lauter Luxusautos parken, viele von denen sind nicht mal verschlossen. Außerdem habe ich bemerkt, dass die Fenster klein sind und es keine Balkone gibt.

Als ich mich wieder verlaufe treffe ich auf dieselben Kinder wie am Tag davor. „Yunani!“ rufen die. Gott sei dank! Ich zücke wieder mit der Visitenkarte des Hotels und sie bringen mich wieder zurück.

Kurze Zeit später ist Anes da. Auf dem Beifahrersitz sitzt seine Frau – voll verschleiert. Was mich wundert. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er sie mitbringt und habe nicht erwartet, dass sie voll verschleiert wäre. Wir fahren zum Kingdom Tower, einen überdimensionalen Flaschenöffner, wahrscheinlich der berühmteste der Welt. Anes möchte uns den Sonnenuntergang von oben zeigen. Leider wird es nicht dazu kommen. Wir sind ein wenig spät dran, kommen in einem Stau rein, finden dann im Parkhaus (parken umsonst!) schwer einen Parkplatz und als wir endlich im Gebäude, im Einkaufszentrum sind, ist Betenszeit.

Wir schlendern herum um die Zeit tot zu schlagen. Ich schaue mich ganz genau um und löchre Anes mit Fragen. Er antwortet ganz brav. Wieder stimmt vieles nicht, was ich vorher gelesen habe. Eines davon ist, dass wenn man sich in einem Laden befindet, man einfach nicht bedient wird, weil alle auf dem Boden fallen um zu beten. Schwachsinn! Wenn der Muezzin ruft, werden alle Leute die an den Kassen stehen schnell bedient und der Rest wird gebeten das Geschäft zu verlassen. Da man aber weiß, wann Betenszeit ist, wartet man nicht bis der Muezzin ruft, sondern macht eine Durchsage und bietet die Menschen sich zu den Kassen oder zum Ausgang zu begeben. Dann wird der Laden abgesperrt. Bei Zuwiderhandlung gibt es Geldstrafen und eventuell Lizenzentzug.

Obwohl das Beten gesetzlich vorgeschrieben ist, halten sich nicht alle daran. Das sehen wir auch im Einkaufszentrum. Sehr viele Menschen warten vor verschlossenen Türen darauf, dass die Geschäfte wieder aufmachen. Wer aber beten will, kann eine der sehr vielen Moscheen besuchen, Alle zwei Blocks oder so gibt es eine, kleinere schlichte, sowie größere schicke.

Dass ausländische Frauen nicht verpflichtet sind Kopftuch zu tragen und ihr Gesicht zu verbergen habe ich gelesen, hier sehe ich es Live und in Farbe. Es gibt viele Ausländerinnen die zwar mit Abaya, aber ohne Kopfverdeckung herumlaufen. Die fallen sofort auf. Auch ich falle auf, nicht weil ich kein traditionelles Gewand anhabe, sondern weil ich größer als die Araber bin, hellhäutig und blond. Irgendwie komme ich mir vor wie Sting neben Cheb Mami im Video ‚Desert Rose’. Dass die Araber im Gewand rumlaufen stimmt auch nicht ganz. Sehr viele kleiden sich normal an. Obwohl ausländische Frauen eine Abaya tragen müssen, müssen ausländische Männer kein Gewand tragen. Die Araber sind der Meinung, dass es bei Ausländern lächerlich ausschaut. Wieder eine Gemeinsamkeit zu Bayern.

„Wieso ist aber deine Frau voll verschleiert?“ frage ich. „Um nicht aufzufallen und angestarrt zu werden“ sagt Anes. Recht hat er. Der Blick, auch meiner, fällt sofort auf die Ausländerinnen, die Araberinnen nimmt man kaum war. Auch deswegen, weil sie schwarz gekleidet sind.

Als die Betenszeit um ist reihen wir uns in eine lange Schlange ein um den Fahrstuhl nach oben zu nehmen. Im Fahrstuhl gehen die Frauen nach hinten, Männer stehen vorne. Irgendwo in der Mitte müssen wir den Fahrstuhl wechseln. Dort gibt es ein nobles Restaurant mit herrlichem Blick über die Stadt, das wir einmal durchqueren. Es gibt auch eine sehr kleine Moschee die wir besuchen und ich darf sogar Bilder machen. Außerdem gibt es eine Bildergalerie mit Fotos vom Kingdom Tower.

Dann nehmen wir den zweiten Fahrstuhl und kommen auf 300 Meter über dem Boden raus. Vor uns spannt sich die Brücke. Dort zückt jeder seine Kamera oder Handy und fotografiert auf Teufel kommt raus. Wie war das noch mal mit dem Fotografierverbot? Scheint nicht ganz zu gelten. Die Sicht ist phänomenal! Ganz Riad liegt uns zu Füßen. Auf dem Dach eines Hotels unter uns gibt es eine Tennisanlage und daneben ein Fußballfeld. Spitze!

Den Sonnenuntergang haben wir leider verpasst, aber die Aussicht entschädigt für die Strapazen.

Als der Magen anfängt zu knurren fährt uns Anes in ein traditionell Arabisches Restaurant. Das Gebäude sieht von draußen sehr schick aus, und von drinnen umso schicker. Es ist ein Traum von 1001 Nacht! Da das Lokal voll ist, müssen wir warten. Es gibt zwei Möglichkeiten: vor uns gibt es auf dem Boden abgetrennte Bereiche in denen man sich setzen kann, oder links neben dem Eingang eine Kaffee und Teestube. Wir entscheiden uns für Letzteres. Dort setzen wir uns auf dem Boden und bestellen einen Tee und einen Kaffee nach dem anderen. Kostet nix, ist beides sehr lecker und dazu gibt es Feigen.

Irgendwann werden wir gerufen und werden zu einem Gang geführt in dem es Zimmer aus Vorhängen gibt. Der Ober schiebt einen Vorhang zur Seite, wir ziehen die Schuhe aus und lassen sie draußen und machen es uns auf dem Boden gemütlich. Es gibt viele Kissen zum anlehnen. Als das Essen kommt und der Ober alles auf dem Boden ausgebreitet und den Vorhang hinter sich zugemacht hat, nimmt Anes’ Frau den Schleier runter und es kommt ein sehr süßes Gesicht zum Vorschein. Hier fällt mir wieder auf wie groß die Portionen doch sind. Und man isst wieder mit den Händen. Weil es ein wenig frisch ist, bringt uns der Ober eine tragbare Gasheizung. Bevor er aber reinkommt, macht er sich bemerkbar und Anes’ Frau verschleiert wieder ihr Gesicht.

Das Restaurant hat einen Innenhof, außer dem Erdgeschoß, noch einen ersten Stock, einen Kinderbereich mit Spielzeug, verschiedene traditionelle Gegenstände und viele Pflanzen. Auf dem Klo treffe ich wieder auf das ‚sanfte arabische Klopapier’ wie einer meiner besten Freunde es nennt. Mit dem Düsenstrahl muss ich mich noch anfreunden.

Als wir fertig mit dem Essen sind und uns auf dem Weg machen wollen, kommt der Kellner wieder mit einem Behälter in der Hand aus dem Rauch steigt. Man muss den Rauch der herrlich duftet zu sich auf die Kleidung wedeln. Soll Glück bringen und die bösen Geister vertreiben.

Anes fährt uns noch durch die Nacht und wir lauschen arabischer Musik im Radio während wir durchs Zentrum fahren und später ins Hotel.

Mit all diesen Düften, Aromen, Geschmäckern, Bildern und dem Rauch aus dem Behälter in der Nase entschwebe ich ins Reich des Morpheus.

Sonntag, 23. Februar 2014

Riad Fotogalerie

                                              Hier geht's nach Mekka. Aufkleber im Hotel.

                                     Flauschige Hotellobby.

                                     Koran im Nationalmuseum.

                                      Traditionelle Gebäude.

                                     Garten des Nationalmuseums.

                                     Garten des Nationalmuseums.

                                     Garten des Nationalmuseums.

                                     Gebäude, Arabischer Stil.

                                     Turm.
 Der berühmteste Flaschenöffner der Welt. Kingdom Tower.

                                     Riad bei Nacht.

                                     Riad bei Nacht.

                                     Riad bei Nacht.

                                     Riad bei Nacht.

                                     Riad bei Nacht.

                                     Riad bei Nacht.

                                     Riad bei Nacht.

                                     Anes, mein Führer und ich.

                                  Moschee im Kingdom Tower, auf halben Weg nach oben.

                              Moschee im Kingdom Tower, auf halben Weg nach oben.

                                 Moschee im Kingdom Tower, auf halben Weg nach oben.


                                     Fotogalerie im KingdomTower.

                                     Fotogalerie im KingdomTower.

                                     Fotogalerie im KingdomTower.

                                                 Fotogalerie im KingdomTower.
                                           Einkaufszentrum im Kingdom Tower.

                                       Einkaufszentrum im Kingdom Tower.

                                     Mond über einer Einkaufsstraße in Riad.

Zubereitung von Tee und Kaffee in einem traditionellen Restaurant.

                                     Traditionelles Restaurant.

                                     Kabine im traditionellen Restaurant.

                                     Kabine im traditionellen Restaurant.

                                     Kabine im traditionellen Restaurant.

                                     Traditionelles Essen.

                                                Heizung, traditionell.

Ich, Ober, Anes. Aus dem Behälter kommt Rauch den man in Richtung Kleidung wedeln soll, der guten Geister wegen, etc. 

                                     Innenhof des Restaurants.

                                    Tanke, 1 Liter Benzin = 55 Halala. 

                                     Einkaufsstraße.

                                     Schicke Bäume.

                                     Äh, ja.

                                     Genau!

                                     Bäckerei Windmühle.

                                     Kreisverkehrskunst. 

                                     Klinik.

                                     Irgendein Gebäude.

                                     Wasserturm.

Samstag, 15. Februar 2014

Teil 3


Nach ich weiß nicht wie vielen Stunden, wache ich vom Gesang des Muezzin langsam auf. Ich öffne meine Augen und sehe fast nichts. Im Zimmer ist es sehr dunkel. Wie lange habe ich denn geschlafen? 24 Stunden etwa? Ist es morgen? Ich fühle mich viel zu müde um aufzustehen und bleibe im Bett liegen. Die Stimme des Muezzins wirkt einschläfernd und entführt mich wieder ins Reich des Morpheus.

Irgendwann reißt mich das Läuten des Telefons aus dem Schlaf. Willkommen im Jahre 1435. Kein Witz! Hier gibt es eine andere Zeitrechnung, nach Mohamed dem Propheten. Es ist Anes mein Filipino. Er meint, dass er es nicht rechtzeitig schafft mich abzuholen und statt 16 Uhr kommt er so gegen 18:30 Uhr. Kein Problem, umso besser. Er ruft noch mal an, sagt er und legt auf. Ich gehe ins Bad und fühle mich auf einmal klein in dem großen Raum. Das Bad wirkt so leer. Rechts befindet sich das Waschbecken mit Spiegel, vor mir links die Kloschüssel, gegenüber die Dusche. Später bemerke ich, dass es kein Klopapier gibt und mir kommt eine von Harald Schmidts Kolumnen für den Focus in den Sinn. Darin beschreibt er einen Geschäftsreisenden der für ein großes Unternehmen mit Klangvollem Namen ständig auf Achse ist und er sich in den Lounges der Flughäfen dieses Welt wohler fühlt als bei sich zu Hause. Beim Besuch einer Flughafentoilette versucht er alles mögliche zu tun um nicht schmutzig zu werden und gleichzeitig vieles auf einmal zu machen, wie z.B. auf E-Mails zu antworten. Er zwängt seinen Aktenkoffer irgendwie zwischen den Beinen damit er vom schmutzigen Boden nicht versaut wird, etc. Irgendwann, nach getanen Geschäft und als es schon zu spät ist, lächelt ihm der Karton der Klorolle entgegen. Bei mir gibt es nicht mal einen Karton zu sehen. Dafür eine Dusche an der Wand. (Bild unten). Aha! So geht das also hier. Andere Länder, andere Sitten.

Ich geh wieder schlafen und wache etwa eine Stunde später auf. Anes ist wieder am Telefon und meint, dass es noch ein wenig später wird. Kein Problem, denke ich mir. Von mir aus braucht er heute nicht zu kommen. Morgen ist auch ein Tag.

Ich gehe zum Fenster und versuche den Vorhang aufzumachen. Geht nicht. Spinnen die Araber? Dann sehe ich ein paar Kordeln links und rechts. Ziehe an der einen und der dünne Vorhang geht zur Seite. Ziehe an der Anderen und der Dicke öffnet sich. Dazwischen aber gibt es noch eine Plastikplane die das Licht draußen hält. Ziehe an der dritten Kordel und das Plastikding geht nach oben. Endlich Licht! Merke aber, dass a) das Fenster klein ist und b) das Glass milchig ist. Der 40" Fernseher ist an einer Digitalbox angeschlossen und ich brauche ein paar Minuten um damit zurecht zu kommen. Ich zappe durch die gut 900 Kanäle (unglaublich!) und muss feststellen, dass alle aus dem Arabischen und dem Afrikanischen Raum sind. Ein paar Türkische Sender sind dabei. Sogar Euronews, CNN und BBC sind auf Arabisch. Schalte die Glotze wieder aus, nehme den Lift und gehe nach unten. Der Herr am Empfang ist derselbe wie am morgen und begrüßt mich herzlich. Draußen empfangen mich die langsam untergehende Sonne und ein kühler Wind. Es ist tatsächlich frisch. Kaum zu glauben. Man denkt immer hier ist immer Sommer. Pustekuchen! Kalt ist es!

Vor mir befindet sich eine extrabreite Straße mit Verkehrsinsel in der Mitte und auf der gut drei Autos nebeneinander in jede Richtung passen. Gegenüber ist ein unbebautes Grundstück und dahinter befindet sich eine breite Straße mit Hotels wie meines. Zur Linken befinden sich ein Bürogebäude und ein paar der größeren Hotels die ich am morgen sah. Zur Rechten geht das unbebaute Grundstück in die Länge und auf der Seite meines Hotels sehe ich weitere Neonlichter die auf Hotels schließen lassen. Auf dem Gehweg der anderen Straßenseite laufen ein paar Jogger der Abendsonne entgegen und viele Frauen im Ninjalook gehen Spazieren. Dass, die Araber keinen Sport im Freien machen und keine kurzen Hosen tragen scheint hiermit ein Märchen zu sein. Dass die Frauen nie ohne Männerbegleitung aus dem Haus gingen, auch. Einige sind in Gruppen und manche alleine unterwegs. Mir fällt ein, dass ich in der Früh einen kleinen Supermarkt gesehen habe und mache mich in dessen Richtung. Ich habe keine Riyal, dafür aber Kreditkarten. Ich betrete den Laden und sehe zwei asiatische Angestellte. Frage ob die Englisch können. Können sie nicht. Winke mit meiner Kreditkarte, geben mir zu verstehen, dass die nicht auf Plastikgeld stehen. ATM? Verstehen sie nicht. Bank? Ein hoffnungsvolles Glitzern in deren Augen macht sich breit. Ich schnappe mir einen Kuli und ein Stück Papier von der Theke und zeichne einen Bankautomaten. Der eine der beiden malt ein großes X auf meine Zeichnung, was bedeutet, dass es keinen gibt. Mist!

Mit knurrenden Magen geht es zurück zum Hotel. Ich biege irgendwo falsch ab und komme an einer Moschee vorbei. Ein paar Kinder die auf der Straße spielen schauen mich verwundert an und kommen auf mich zu. Eines spricht ein paar Brocken Englisch und fragt nach meinen Namen und Herkunft. Mit Greece kann der Junge nichts anfangen, aber als ich Yunan, also Griechenland auf Arabisch sage, entfaltet sich bei allen ein Lächeln bis zu den Ohren. Ich nehme die Visitenkarte des Hotels aus meiner Tasche und zeige sie den Kindern. Sie können mir den Weg nicht erklären, bringen mich aber bis vor die Hoteltür. Kaum drin, schaut mich der Herr am Empfang an und wedelt mit dem Telefonhörer. Anes ist dran. So gegen 20 Uhr wird er kommen, sagt er. Ich darf im Hotel essen und trinken was ich will, alles auf Kosten der Firma. Gut. Ein Sandwich und einen Tee, bitte.

Um 20:30 Uhr klopft es an der Zimmertür. Der kleinwüchsige Filipino ist da. Wir steigen in sein Auto ein und fahren eine gute halbe Stunde durch die Gegend. Er rast über die Autobahn als ob der Teufel hinter ihm her wäre, er überholt mal links, mal rechts und ich fühle mich wieder im PS-Spiel Burnout. Irgendwann biegt er ab, es geht durch bewohntes Gebiet und irgendwann erreichen wir eine Straße mit Geschäften. Er parkt und wir gehen ein paar Schritte. Das Restaurant ist groß, sieht auf dem ersten Blick wie ein Schnellimbiss aus, weil es Kassen hat vom Schlag eines McDoof oder eine der anderen Burgerbratereien, ist aber alles andere als ein Schnellrestaurant. Er bestellt etwas für uns beide, danach gehen wir ins Bad um uns die Hände zu waschen. Auf dem Weg ins Bad bemerke ich keine Stühle und Tische. Stattdessen ist entlang der Wand ein Bereich wie ein Podium, ca. halben Meter vom Fußboden hoch und mit grünem Teppich ausgelegt. Darauf sitzen Männer in kleinen Gruppen und essen. Nach dem Händewaschen setze ich mich zwischen zwei Gruppen auf dem Boden, während er nach draußen zum telefonieren geht. Einer der Männer rechts von mir spricht mich irgendwann mal an und wir fangen ein Gespräch an. Irgendwann kommt der Kellner und fragt was ich trinken möchte. Pepsi Light versteht er nicht ganz und bringt mir ein 7Up. Der Englisch sprechende Araber erklärt es ihm und sofort ist meine Pepsi da. Irgendwann kommt auch Anes und kurz darauf breitet ein Kellner einen Plastiktischbezug auf dem Boden aus. Dann kommt auch das Essen. Reis mit Hähnchen in kleinen Stücken und etwas Gemüse. Dazu Fladenbrot und eine Flasche scharfer Soße. Gegessen wird mit den Fingern, Besteck gibt es keines. Ich bin kurz davor meine Kamera oder mein BlackBerry zu zücken um das Essen und den Laden zu fotografieren, muss es mir leider verkneifen, weil ich den Eindruck habe, jeder schaut auf uns und es kommen mir wieder Knastszenen aus ‚Im Juli’ und ‚Midnight Express’ in den Kopf. Mist!

Wir steigen ins Auto ein und fahren wieder eine halbe Stunde. Anes erzählt, dass es in Riad kaum alte Häuser gibt. Riad war noch vor ein paar Jahrzehnten ganz klein habe ich gelesen und ist boom artig gewachsen. Das sagt auch mein Filipino. Und es wächst ständig weiter. Es wird überall gebaut und täglich ändert sich was. Wir fahren zu einem der Wolkenkratzer der Stadt, in dem ein Hotel, ein paar Firmen, Cafés und Restaurants beherbergt sind und drehen dort eine Runde in dem Komplex. Auf dem Weg vor den ganzen Gebäuden stehen lauter Luxuskarossen. Hier sehe ich zum ersten Mal in meinem Leben weiße Ferraris. Was habt ihr eigentlich für eine Macke mit weißen Autos? Frage ich. Weiß ist schick, hält im Sommer die Hitze fern, darauf sieht man den Wüstensand nicht so stark, etc. Praktisch, denke ich mir.

Wir fahren weiter zu einer Straße mit Cafés, Restaurants und verschiedenen Geschäften. Auf insgesamt sechs Fahrspuren ist um Mitternacht die Hölle los. Es handelt sich um den Corso der Stadt. Hier kommen alle um sich zu zeigen und fahren ihre PS spazieren. Eigenartig, meint Anes. Hier herrscht zwar immer Verkehr, aber Stop and Go um die Uhrzeit? Schon bald finden wir die Ursache heraus. Polizeiblockade. Beide, normale und Religionspolizei stehen mitten auf der Straße und kontrollieren die Autos auf Papiere und Zucht und Ordnung. Ich zeige meinen Reisepass samt Visa. Yunani? Fragt der Polizist und lächelt bis zu den Ohren. Ja, Grieche, sage ich und lächle mindestens so breit wie er. Wir dürfen weiterfahren und parken ein Stückchen weiter vor einem Café. Obwohl es nach Mitternacht ist, ist es noch angenehm und die Leute sitzen draußen. Wieder etwas was nicht stimmt. Mir wurde erzählt, dass es in diesem Land keine Cafés gibt wie wir sie kennen und man setzt sich nie draußen, weil es draußen keine Tische gibt. Gelogen! Wir sind an Starbucks und ein paar anderen Ketten und Arabischen Cafés vorbeigefahren und viele hatten Tische auf dem Bürgersteig. Wir gehen rein und bestellen uns Tee und Kuchen. Um uns herum sitzen lauter Araber in ihren Gewändern und unterhalten sich, lachen und amüsieren sich. Wie in einem Lokal in der westlichen Welt. Nur der Anblick ist etwas befremdlich. Knappe Dreiviertelstunde später macht der Wirt die Lichter aus und wir müssen gehen. Anes fährt mich noch ein wenig durch die Gegend und schließlich ins Hotel.

Dort angekommen finde ich heraus, dass Viber nicht funktioniert. Zensur. 'The Hand', wie es im Buch ‚Alif the Unseen’ heißt.

Im Bett rasen die Bilder, Eindrücke und Gefühle der letzten 48 Stunden wie wild vor meinen Augen. Irgendwie fühle ich mich sehr eigenartig. Es ist eine mir fremde Welt. Zum ersten Mal in meinem Leben befinde ich mich in einem Land dessen Schrift ich nicht lesen kann. Ich bin schon mein ganzes Leben Ausländer, egal wo ich mich befinde, damit habe ich kein Problem, aber hier ist es noch mal anders. Das fiel mir in Ägypten auf. Als ich im Flughafen auf die Toilette wollte, öffnete man mir die Tür, mir wurde der Weg bis zum Klosett gezeigt, Seife, Papiertücher und Parfüm gereicht. Wie bei Harrods in London. Alle sind extrem freundlich und heißen mich im Land willkommen. Die Gedanken und Bilder rasen weiter und ich ertrinke in Gefühlen und schlafe ein.


P.S. Das Bild ist nicht vom Hotel, sondern von meiner Wohnung. Rechts ist die Dusche und links...

Dienstag, 4. Februar 2014

Teil 2


Anes merkte schon von weitem, dass die Tanke zu sein würde, und tatsächlich, alles dicht. Ein paar Autos standen rum und warteten. Wir fuhren auf der einen Seite rein und auf der anderen wieder raus auf die Autobahn. Super, dachte ich mir. So komme ich schneller ins Bett. Als wir im hohen Tempo durch die Nacht rasten und dem Gesang des Muezzin lauschten, schloss ich für einen kurzen Moment die Augen und entschwebte in einem Traum von 1001 Nacht. Die Tortur der fast 2-stündigen Einreise war auf einmal sehr weit weg. Irgendwo habe ich gelesen, dass man bei der Frage nach der Religion unbedingt eine angeben sollte, sonst kann es Ärger geben. Ich überlegte mir kurz mir einen Spaß zu erlauben und Pastafarianism hinzuschreiben, aber dann kamen wieder die Szenen vom Kerker in den Filmen ‚Im Juli’ und ‚Midnight Express’. Also schrieb ich brav Christ hin.

Anes’ Satz, Lass uns frühstücken gehen! Brachte mich aus entfernten Fantasien ganz schnell in den kalten Morgengrauen Riads zurück. Wie bitte? Hat er einen Vogel? Ich bin seit über 30 Stunden wach, flog über drei Kontinente und möchte so schnell wie möglich ins Bett. Außerdem habe ich einmal im ersten Flieger was gegessen, dann war ich im Kairoer Flughafen bei Burger King und hatte kurz nach Mitternacht noch mal das Vergnügen zu speisen. Mein Magen ist voll und verträgt nichts mehr. Nix da! Mein Filipino zeigte sich sehr entschlossen und duldete keine Widerrede. Nach 20-minütiger wilder Fahrt über extrabreite Autobahnen kamen wir im Hotel an. Er gab mir eine halbe Stunde mich im Zimmer einzurichten und frisch zu machen.

Als wir von der Autobahn in ein Neubaugebiet abbogen sah ich schon die ersten Hotels. Hohe Gebäude aus Glas, alles was Rang und Namen hat, eines nach dem anderen aufgereiht, mit Springbrunnen, usw. Mein Filipino machte aber keine Anstallten in eines der großen Namen abzubiegen und fuhr weiter. Irgendwann hielten wir vor einem Gebäude dass außer dem Erdgeschoß, zwei Etagen hat. Auf der Fassade war der Name des Hotels in großen Neonbuchstaben, daneben die Telefonnummer und an den Ecken ging eine grüne Beleuchtung nach oben. Oh Gott, wie eine Bahnhofsabsteige schaut der Kasten aus!

Die Lobby jedoch bot ein völlig anderes Bild. Flauschig und gemütlich. Der Herr am Empfang sprang aus seinem Schlaf, begrüßte Anes, nahm den Schlüssel, gab ihn ihm und wir stiegen in den Fahrstuhl zur 2. Etage. Als er die Tür aufsperrte blieb mir die Spucke weg. Was mich verwunderte war nicht etwa die Ausstattung, nein, das Zimmer war zwar spartanisch aber schön eingerichtet, es lag vielmehr an der Größe. Was mir vorhin schon auf der Autobahn und im Viertel auffiel, treffe ich hier wieder an. Das Zimmer ist riesig! Kein Vergleich zu den winzigen Zimmern die wir in Europa oder sonst wo haben. 30qm sind keine Untertreibung. Anes ging runter zur Lobby und lies mich allein. Zur Einrichtung gehörten: ein Doppelbett 2x2, zwei Nachtkästchen, ein Flachbildfernseher, ein Schrank, zwei Sessel mit Tisch, ein Kühlschrank, ein Tisch mit großem Spiegel.

Als ich die Tür zum Badezimmer öffnete erblickte ich im wahrsten Sinne des Wortes ein Zimmer. 15qm! Die Dusche allein war 5qm.

Ich schaute mich noch kurz um bevor ich das Zimmer verließ um in den Lift zu steigen. Keine Heizkörper, nur Klimaanlagen. Modelle die ich vorher nie gesehen hatte.

Unten warteten zwei Mitarbeiter von Anes mit denen er auf Geschäftsreise war. Die mussten wir nach Hause fahren und dann ging es zum Frühstücken. Die zwei aus Bangladesch stiegen hinten ein und wollten so einiges von mir wissen. Die Fragerei störte mich einerseits, weil ich nicht viel von der Landschaft mitbekam – immerhin ging langsam die Sonne auf, anderseits war es gut, denn Anes fuhr wie ein Verrückter und die Beiden lenkten mich ab. Als die Beiden ausgestiegen waren, war es schon hell. Wir fuhren an Baustellen vorbei und bevor ich fragen konnte, erzählte Anes, dass das ganze Land sich im Bau befindet. Überall wird heftig und fleißig gebaut. Die Petrodollars werden investiert. Ich bin bis jetzt immer noch von den Straßen und deren Zustand begeistert. Gut asphaltiert und sehr breit. Auch in Wohnvierteln, was bei uns 30er Zone und eng mit Schikanen ist, ist hier zehn Meter breit, aber mit Erhebungen die einem zum bremsen zwingen. Das fiese dabei ist deren Farbe die man nicht von der Fahrbahn unterscheiden kann. Wer so eine Erhebung nicht rechtzeitig sieht, tut sich und seinem Auto weh.

Als wir so durch die noch leeren Straßen düsten, meinte Anes, dass die Leute hier wie die Verrückten fahren. Es wird gerast, gehupt, überholt, sich in jede noch so kleine Lücke gequetscht, abgebogen ohne zu blinken, nebeneinander gefahren, Fahrbahn einfach so gewechselt, usw. Mich erinnerte das Ganze an einem PlayStation Autorennen. Viele der Autos haben Kratzer und Beulen.

Wir parkten vor einer Reihe von Geschäften und gingen in ein Lokal rein. Es war sehr, sehr schlicht. Weiße Wände mit Kacheln bis zu einer Höhe von fast zwei Metern, Metalltischen und Holzstühlen, Papiertischdecken, Karaffen mit Wasser und Boxen mit Papiertücher. Wir gingen uns die Hände waschen und Anes bestellte etwas das nach nicht mal zwei Minuten kam. Eine Blechpfanne mit Linsensuppe, ein Fladenbrot, zwei Tees und zwei Laban – saures Milchgetränk. Gegessen wurde ohne Besteck. Man nimmt kleine Stücke vom Fladenbrot und taucht sie in die Linsensuppe ein. Das Brot wird praktisch zum Löffel. Die saure Milch ist etwas gewöhnungsbedürftig, ich kenne sie aus Griechenland und von meinen türkischen Freunden. Der Tee schmeckte sehr lecker. Habe gleich einen zweiten bestellt. Um uns herum saßen nur Männer die verstohlen auf mich schauten. Ich konnte es mir nicht verkneifen und Bilder vom Frühstück zu machen.

Da das Fotografieren in diesem Land eine heikle Angelegenheit ist, habe ich meine schwere Canon DSLR zu Hause gelassen und bin mit zwei Blackberries und einer Casio Exilim unterwegs. Fällt nicht so auf.

Auf dem Weg zurück ins Hotel war der Verkehr etwas lebhafter. Es fuhren viele Busse durch die Gegend. Zwei Typen habe ich wahrgenommen: Amerikanische Schulbusse und alte Kleinbusse für ca. 20 – 25 Personen, die bei uns nicht durch den TÜV gekommen wären. Anes meinte, dass im Sommer wegen der Hitze die Schule schon um 6 Uhr morgens losgeht, aber in diesen Bussen werden Menschen zur Arbeit gefahren. Darüber beim nächsten Mal mehr.

Im Zimmer angekommen fiel ich tot ins Bett. Kaum eingeschlafen, fing der Muezzin seine Predigt und entführte mich in eine andere Welt, weit weg von allem das ich bisher kennenlernen durfte.


Keine Wischi-Waschi-Klimaanlage, sondern ein leistungsstarkes Teil.


Frühstück á la Arabesque.

Brot. Hmmm.... lecker!