Donnerstag, 28. August 2014

Teil 27.2


Irgendwann nicke auch ich ein. Dann hält der Bus irgendwo an einem Ort, wahrscheinlich auf halben Weg nach Rafha. Fast alle steigen aus und gehen in einen der Läden um sich was zu Essen zu kaufen. Dann stehen wir eine Weile draußen und unterhalten uns. Ich fange ein Gespräch mit den Fahrern an. Beide kommen aus dem Sudan und leben seit einigen Jahren in Saudi. Einige Minuten später halten ein paar Autos neben uns und ein paar Leute steigen aus und schleppen ihr Gepäck zum Bus. Als es weitergeht, sitzen hinter mir auf der letzten Sitzreihe und mir gegenüber einige junge Araber. Da die mich anstarren versuche ich ein Gespräch mit ihnen anzufangen. Da nur einer wenige Brocken Englisch kann, ist es schwieriger als gedacht. Sie erzählen mir, dass sie Studenten und jetzt auf dem Weg nach Riad sind. Sie fragen mich woher ich komme, was ich mache, wo ich lebe, etc. Irgendwann stockt das Gespräch jedoch und wir kommen nicht mehr weiter. Dann unterhalten sie sich auf Arabisch und lassen mich Musik hören. Ein paar Minuten später schreit einer: Lehrer! Schau! Und zeigt aus dem Fenster. Eine Kamelherde. Noch ein paar Minuten später dasselbe: Lehrer! Schau! Eine Schafherde. Das ganze wiederholt sich ein paar Mal und jedes Mal gibt es etwas zu sehen. Dann sagen ihm die anderen etwas und er lässt mich in Ruhe.

Ich schaue wieder aus dem Fenster und gehe meinen Gedanken nach. Ihre Konversation auf Arabisch macht mich schläfrig und ich nicke ein.

Einige Stunden später kommen wir in Rafha an. Neben dem Bus stehen einige Taxen und warten auf Kundschaft. Wir verhandeln mit zwei Taxlern, laden alles Gepäck auf und los geht die Fahrt! Obwohl man den Flughafen von der Bushaltestelle aus sehen kann, gibt es keinen direkten Weg dahin. Man muss irgendwie außen rum fahren. Wir kommen nach ein paar Minuten an, nehmen das Gepäck von der Ladefläche und gehen zum Einchecken. Leider sind die Gepäckbestimmungen etwas mies und uns werden Probleme gemacht. Man darf nur bestimmte Kilos befördern und mehr als ein Gepäckstück ist nicht drin. Ich habe zwei. Eines wird abgegeben, für das Andere muss ich etwa 20 Euro bezahlen. Gott sei Dank wird es nicht gewogen. Die Bengalen und die Pakistaner legen ihr Zeug zusammen, sodass alle Koffer und Reisetaschen etwa gleich wiegen und grad noch im erlaubten Limit sind. Alles andere wird im Handgepäck gestopft.

Auf einmal ruft einer der Sicherheitsbeamten etwas auf Arabisch, guckt in unsere Richtung und deutet auf einen großen Reisekoffer auf dem Röntgengerät. Wahrscheinlich will er wissen wem er gehört weil er etwas Verdächtiges entdeckt hat. Einer der pakistanischen Kollegen erkennt den Koffer und ruft den Briten der grad draußen raucht. Der Brite kommt gemütlich und leicht genervt, weil er seine Zigarette wegwerfen musste, herein und watschelt langsam zum Sicherheitsbeamten. Der deutet auf dem Koffer sichtlich genervt und aufgeregt und verlangt vom Briten den Koffer aufzumachen. Der Brite gehorcht. Dann geht der Beamte durch die Sachen des Briten und findet ein paar Mückensprays und Deos. Die dürfen nicht mitgenommen werden und müssen da bleiben. Der Brite hat jedoch etwas dagegen, aber der Beamte beharrt darauf. Dann fischt der Sicherheitsmann ein großes Holzkreuz aus dem Koffer, schaut es sich an und fängt an damit herumzuwedeln und sagt etwas auf Arabisch. Der Brite schaut ihn an und sagt seelenruhig auf Englisch: Was wollen Sie? Das ist ein Kreuz und kein Schwert oder sonst eine Waffe.

Jeder sagt etwas in seiner Sprache und irgendwann legt der Beamte das Kreuz wieder in den Koffer. Der Brite verschließt ihn und darf ihn endlich abgeben.

Währenddessen stehen wir alle in ein paar Meter Entfernung und schauen uns das Spektakel an. Als ich dann anfange das Ganze zu kommentiere und so etwas sage wie: Knie nieder du Wicht! Niederknien sollst du dich wenn du vor dem Herrn stehst und für deine Taten büßen musst du auch du kleiner Wicht, du! Usw. kann ich mir das Lachen nicht verkneifen und werde von einem der Bengalen nach vorne geschoben, damit wir aus Sicht- und Hörweite sind. Im Warteraum kugeln wir uns vor Lachen und ich muss mir dann auch was anhören: „Sag mal, bist du bescheuert?“ und lachen weiter.

Als dann der Brite kommt, werden wir alle ernst. Er merkt aber, dass mit uns was los ist. Nach ein paar Minuten laufen wir über das Rollfeld zum Flieger und steigen ein. Ich sitze neben dem Briten und da fragt er mich was gewesen ist. Als ich ihm die Geschichte erzähle muss auch er lachen.

Der Flug verläuft ohne Probleme und eine Stunde später kommen wir in Riad an. Dort gehen wir durch Kontrollen und endlos langen Gängen und setzen uns auf ein paar Stühlen und warten auf den Filipino der uns abholen soll. Nach einer Dreiviertelstunde kommt er mit unserem Boss aus Kanada in zwei großen, weißen Geländewagen vorgefahren und wir werden zum Hotel gefahren in dem wir alle unsere ersten Nächte im Königreich verbracht haben. Ich teile mir eine Suite mit dem Briten. Jeder hat ein sehr großes Zimmer mit Doppelbett. Außerdem haben wir ein Wohnzimmer, ein großes Bad und eine Küche.

                                          Wüste












                                Lehrer, schau!




                                Pause

                                Rafha



                                Unser Flieger

Teil 27.1

Es ist Samstag sehr früh am Morgen. Es ist der Beginn einer sehr langen Reise. Es herrscht reges Treiben in der Residenz. Außer dem Projektmanager und zwei Lehrern die zurückbleiben, gehen alle.

Vorgestern am Donnerstag hat sich das Management mit einer kleinen Feier von uns verabschiedet. Die Manager wollten sich so bei uns für die gute Zusammenarbeit bedanken. Unser Projektmanager hat Wind davon bekommen und wollte uns nicht gehen lassen. Wir haben wieder mal nicht auf ihn gehört und sind zur Feier gegangen. Der Raum war festlich und edel geschmückt. Es gab reichlich Kaffee, Tee, Kuchen, Torte, Feigen, etc. Es wurden Ansprachen gehalten, Fotos gemacht und applaudiert. Wir bekamen auch Geschenke. Eine wunderschöne und rührende Feier.

Gestern habe ich den halben Tag verschlafen und bin erst gegen Mittag, als die Betenszeit um war, aus dem Bett gekrochen. Danach habe ich gepackt und bin mit einem der bengalischen Kollegen einkaufen gewesen, Wir wollten unbedingt was für unsere Familien kaufen. Bei mir war es Tee und Gebäck. Am Abend war ich bei den Bengalen zum Essen eingeladen. Unser letztes gemeinsames Abendmahl hatte etwas Trauriges. Bald werden wir alle in verschiedene Himmelsrichtungen ziehen und ein Wiedersehen steht in den Sternen.

Jetzt schleppen wir Koffer und Reisetaschen durch den Flur und die Treppe nach unten. Ich schaue noch einmal wehmütig in meine Wohnung ehe ich die Tür abschließe und nach unten gehen.  Draußen scheint wie jeden Tag die Sonne und es ist angenehm kühl. So langsam kommen alle mit ihrem Gepäck und wir versammeln uns vor der Residenz. Die Sicherheitsleute sind auch da und leisten uns Gesellschaft und wollen sich von uns verabschieden. Heute warten wir ausnahmsweise nicht auf dem Busfahrer, sondern auf dem Manager des Polytechnikums. Er und noch jemand sollen uns zum Busbahnhof fahren. Den Bus können wir nicht nehmen, weil unser Vertrag ausgelaufen ist und wir keinen Anspruch mehr darauf haben irgendwohin gefahren zu werden. Warum keiner Taxis bestellt hat, habe ich nicht verstanden. Jedenfalls hat sich der Manager bereit erklärt uns zu fahren. Unser Projektmanager hat, als er es erfahren hat, einen Tobsuchtsanfall bekommen und lange geschrien. Er wollte es unterbinden und uns verbieten vom Manager gefahren lassen zu werden. Er wollte, dass unser Kollege der zurückbleibt und einen internationalen Führerschein besitzt, mit dem Auto das uns zur Verfügung steht, zum Busbahnhof fährt. Da wir acht Leute mit sehr viel Gepäck sind, hätte der Kollege mehrmals hin und zurück fahren müssen.

Nun ja, wir haben wieder mal nicht auf dem Projektmanager gehört und warten jetzt auf dem Manager der gerade um die Kurve biegt. Er kommt mit einem weißen Pick-Up mit großer Ladefläche. Wir verladen unser ganzes Gepäck und vier nehmen im Auto Platz. Die restlichen Kollegen fahren mit dem Kollegen der zurückbleibt.

Am Busbahnhof entladen wir den Pick-Up und der Manager besorgt uns die Fahrscheine nach Rafha, von wo wir in den Flieger nach Riad steigen werden. Die Busfahrt quer durch die arabische Wüste soll 3,5 Stunden dauern. Dann verabschieden wir uns von ihm herzlich und warten auf den Bus. Der Bus kommt mit Verspätung, wer weiß woher. Als wir einsteigen sehen wir, dass nur eine handvoll Leute im Bus sind. Wir verteilen uns im ganzen Bus und machen es uns bequem. Dann kommt einer der zwei Busfahrer und verlangt nach unseren Fahrkarten. Der britische Kollege versteht nicht was man von ihm verlangt und zeigt sein Ticket nicht her. Der Busfahrer will ihm ein Ticket verkaufen, darauf kommt es zum Missverständnis und der Fahrer/Kontrolleur wird ruppig. Das fängt ja gut an! Da es noch sehr früh am Morgen ist, nicken alle ein. Im Bus gibt es zwei Fernseher auf denen eine BBC Tierdokumentation läuft. Englisch original mit Arabischen Untertiteln. Ich schaue eine Zeitlang aus dem Fenster und fühle mich von der Wüste magisch angezogen. Soweit das Auge reicht gibt es nichts als Wüste. Ab und zu kommen wir an Schaf- und Kamelherden vorbei und irgendwann erscheint eine Ölpipeline entlang der Autobahn. Ich mache ein paar Bilder und vertiefe mich in Gedanken.

Es war eine schöne und intensive Zeit und Erfahrung. Nicht immer schön, manchmal schwierig und zum kotzen, aber im Großen und Ganzen eine sehr interessante Erfahrung. Es hat sich mir eine völlig andere und neue Welt eröffnet. Eine orientalische Welt in der so manches anders läuft als bei uns. Ja, lieber Franz-Josef, auch hier laufen die Uhren anders, nicht nur zuhause in Bayern.

Ich bin es gewöhnt ein Ausländer oder unter Ausländern zu sein, hier gehöre ich jedoch einer Minorität an. Ab und zu komme ich mir vor wie Nina Hoss in „Die weiße Massai“. Sie ist ja die einzige Weiße unter den Afrikanern. Hier bin ich einer der ganz wenigen Weißen unter den Arabern, Afrikanern und Asiaten. Was mir nicht fremd ist, ist mit Afrikanern und Asiaten zusammenzuarbeiten. Als Student in Hull, hatte ich Kollegen und Vorgesetzte jeglicher Couleur. Das hatte ich irgendwie vermisst. Man lernt so viel über andere Völker, Länder, Traditionen, Religionen, etc. und man lernt viel über sich kennen.

Schöne Bilder jagen mir durch den Kopf, sowie ein paar traurige und weniger schöne. All der Zoff, Ärger und Streit mit unserem Projektmanager scheint auf einmal weit weg zu sein. Vom Wüstenwind weit vertrieben Richtung Empty Quarter. Da soll er auch hin. Der Ärger, der Projektmanager. Wüstenwind, blas alle weg, weg von uns auf Nimmerwiedersehen!

Schöne Bilder sind die mit meinen Kollegen als wir mit dem Auto durch die Gegend fuhren, zum Einkaufen, Spazieren oder Picknicken gingen, zusammen kochten und aßen, und lange Gespräche führten. Meine Radltouren durch die Stadt, meine einsamen Spaziergänge, die Farben beim Sonnenauf- und Untergang, die klare Luft und die Lässigkeit der Araber. Ausnahmslos alle waren freundlich und hilfsbereit. Ich wurde von der lokalen Bevölkerung im Auto durch die Gegend kutschiert, musste in Cafes und Restaurants weniger oder gar nichts bezahlen, die Leute haben sich mit mir fotografieren lassen oder haben Fotos von mir gemacht, hießen mich herzlich willkommen und das Highlight schlechthin war die Hochzeitsfeier. Ein Ereignis das mir ewig in Erinnerung bleiben wird.

                                                 Meine Wohnung








                                Die Abschiedsfeier







                                Am Busbahnhof



                                Alles ruhig im Bus

                                            Ein Bengale schläft
 
 
Ich, auf der Rückbank eines Autos in dem mich zwei Araber nach Hause gefahren haben. Auf einmal drehte sich einer um und machte diesen Schnappschuss.

Donnerstag, 21. August 2014

Teil 26


Trip nach Sakaka

Vorletzter Tag vor den Ferien und unseres Arbeitsverhältnisses. Da ´Ar´ar einen kleinen Flughafen hat mit zwei Flügen täglich nach Riad und einem nach Jeddah und von kleinen Flugzeugen angeflogen wird, gab es für keinen von uns eine Möglichkeit von ´Ar´ar aus zu fliegen. Mein ägyptischer Kollege hat deswegen einen Flug von Sakaka aus nach Jeddah gebucht. Bloß, wie kommt man nach Sakaka? Die Stadt ist 150 Km entfernt und die Busverbindungen sind nicht gerade gut.

Deswegen hat er einen der Sicherheitsmänner gefragt ob er ihn fahren könnte.

Mittwochnachmittag stehen wir alle vor der Tür unserer Residenz und verabschieden uns. Ziemlich viele Leute sind da. Da ich und einer der drei bengalischen Kollegen mitfahren, frage ich wer denn unser Fahrer ist. Auf einmal springt ein kleiner, dürrer Araber ins Bild, mit Thobe aber keiner Kopfbedeckung und zappelt sich durch die Menge. Um Gottes willen! Denke ich mir, das kann ja heiter werden!

Wir steigen ins Auto, Ägypter vorne, wir beide hinten und los geht die Fahrt. Schon vor unserer Residenz startet der Fahrer mit durchdrehenden Reifen und ich wünsche mir wieder auszusteigen. Das gleiche denkt auch der Bengale. Wir schnallen uns an und halten uns an den Griffen fest. In der ersten Linkskurve spüren wir die Fliehkräfte der Natur. Der Fahrer rast über die Stadtautobahn und nimmt die Ausfahrt im letzten Augenblick und schneidet ein paar andere Autos. Von ganz links auf einmal ganz rechts quer über drei Fahrspuren um die Ausfahrt zu nehmen, ist nicht was wir in der Fahrschule lernen.

Der Fahrer bremst notgedrungen am Checkpoint den wir passieren müssen. Da es meine erste Fahrt außerhalb der Stadt ist, wird mir erklärt, dass es an den Ein- und Ausfahrten der Städte, Checkpoints gibt, an denen man, falls man angehalten wird, seinen Ausweis zeigen muss. Wir werden durchgewunken. Dann geht es rasant über die Autobahn. Der Fahrer fährt mit 160 Km/h, mehr gibt der KIA nicht her, spricht die ganze Zeit mit dem Ägypter, gestikuliert wie wild und anstatt auf die Straße zu schauen, schaut er den Ägypter an.

Die Autobahn ist zu meinem Erstaunen gut ausgebaut. Zwei Fahrspuren in jede Richtung, ein Streifen mit Wüstensand dazwischen. Um uns herum Wüste. Da es kurz vor 19 Uhr ist und die Sonne gerade untergeht, ist es ein farbenprächtiges Spektakel. Ich schaue aus dem Fenster und genieße die Aussicht und kann gar nicht genug davon bekommen. Es ist eigenartig, obwohl es nichts außer Sand und Erde zu sehen gibt, finde ich die Szenerie faszinierend. Die Araber sagen immer zu mir: Wenn du mal in der Wüste stehst, hast du das Gefühl, Herrscher der Welt zu sein. Diese weite, unendliche Leere ist wirklich unbeschreiblich.

Dann drehe ich mich um, um den Bengalen etwas zu fragen. Er jedoch betet grad und ich muss deshalb warten.

„Woher weißt du wo Mekka liegt?“ frage ich ihm.

„Mein Handy hat es mir gezeigt“ erwidert er und zeigt mir eine App mit Kompass. Die habe ich auch! Ich rate jedem Westler sich so eine Anwendung herunterzuladen, denn so hat man einen Überblick über die Betenszeiten und steht nicht vor verschlossenen (Supermarkt) Türen. Außerdem muss man wissen, dass es Zeitunterschiede von Ort zu Ort gibt. Deswegen sollte die App immer aktualisiert werden, wenn man den Ort wechselt.

Als der bengalische Kollege mit dem Beten fertig ist, beraten wir uns ob wir den Fahrer bitten sollten etwas langsamer zu fahren. Wir tun es. Der Ägypter übersetzt, aber der Fahrer gibt weiterhin Gas und fährt teilweise freihändig. Sollen wir jetzt ausflippen und ihn anschreien?

Wir kommen durch ein paar kleinere Ortschaften und sehen einen überdimensionalen Laptop der als Werbetafel dient, diverse Kunstwerke die es im Land überall gibt und Neonlichter mit den Konterfeis des Königs und ein paar anderen Königshausmitgliedern.

Irgendwann kommen wir am Flughafen an, verabschieden uns vom Kollegen und wollen wieder ins Auto steigen. Beide von uns wollen hinten sitzen. Der Fahrer ist jedoch anderer Meinung. Es ist gegen seine Ehre und bittet einen von uns vorne Platz zu nehmen. Eigentlich möchte er den Bengalen auf dem Beifahrersitz, weil er ein wenig Arabisch kann. Da es sich aber weigert, nehme ich widerwillig vorne Platz um den Fahrer nicht zu kränken.

Zurück geht es genauso rasant. Als der bengalische Kollege mit seinen wenigen Arabischkenntnissen den Fahrer bittet langsamer zu fahren, lacht er nur und fährt noch ein wenig schneller. Wenige Kilometer vom Flughafen entfernt, gibt es eine Polizeikontrolle. Wir müssen rechts ran und der Fahrer muss zum Beamten. Ich sehe vom Auto aus wie er vorm Beamten zappelt, wild gestikuliert und Gott weiß was er dem Beamten sagt. Irgendwann kommt er zurück mit einem Papier in der Hand. Vom wenigen Arabisch das wir können und verstehen, verstehen wir, dass es irgendwo einen Blitzer gab und er mit 152 statt den erlaubten 120 Km/h geblitzt wurde und jetzt 500 Rial (ca. 100 Euro) Strafe zahlen muss. Außerdem hat ihm der Beamte erzählt, er soll uns nach Hause fahren und wieder umkehren. Den Grund konnten wir nicht verstehen. So gut sind unsere Sprachkenntnisse noch nicht.

Wie verhält man sich in so einem Fall, wenn man gerade geblitzt wurde und eine saftige Strafe bezahlen muss? Fährt man da nicht langsamer und ruhiger? Nicht so unser Fahrer. Da er außer sich ist, ruft er während der Fahrt seinen Chef an und erklärt ihm die Lage. Nicht gerade gut wenn man mit 150 Km/h durch die Nacht brettert und in der anderen Hand eine Kippe hält. Dem Bengalen und mir kommt die Situation irrwitzig vor und fangen zu lachen an. Das gefällt dem Fahrer nicht und schreit die wahrscheinlich einzigen Wörter die er auf Englisch kennt: „Shut up! Shut up!“ Wir kichern trotzdem weiter.

Als wir in einer Stadt ankommen, rast er durch den Verkehr wie in einem Videospiel, mal links, mal rechts, bremst abrupt, nimmt die Kurve mit Karacho, etc. Als er eine Polizeistreife sieht, bremst er und fährt rückwärts. Der von hinten kommende Verkehr scheint ihm nicht zu interessieren. Er steigt aus, geht zur Streife, redet kurz mit den Beamten, kommt zurück und sagt, dass er nicht wieder zurück muss. Das wieso, haben wir wieder nicht verstanden. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir vom Weg abgekommen sind. Kurze Zeit später merkt das auch der Fahrer, als wir durch eine Baustelle fahren und plötzlich uns mitten im Nichts befinden. Zwei Minuten oder so später kommt uns in der Dunkelheit ein Auto entgegen. Der Fahrer hupt, bremst und fährt rückwärts. Das andere Auto hat die Lage erkannt und bleibt stehen. Die beiden Fahrer reden über die Fenster und dann dürfen wir dem Anderen hinterherfahren. Fünf Minuten später sind wir auf dem richtigen Weg.

Kaum auf der Autobahn, wird wieder 160 Km/h gefahren und wie blöd überholt. Er telefoniert immer noch mit der einen Hand, hält wieder eine Kippe in der anderen Hand und lenkt mit den Beinen. Der Kollege und ich beraten ob wir ausflippen und ihn anschreien sollen. Lassen es aber sein. Ich drehe mich stattdessen zur Seite und will schlafen um nichts von der Fahrt mitzubekommen. Kaum eingenickt, verlangt er nach seinem iPad das auf der Rückbank ist. Der Kollege verweigert es ihm, aber da wird der Fahrer böse. Wir kapieren, dass er nicht damit spielen, sondern das Navi einschalten möchte. Er schaltet es ein und drückt mir das iPad in die Hand. Ich drehe mich zum Fenster hin und schlafe ein. Gelegentlich höre ich die arabische Stimme des Navis. Auch mein Kollege schläft und wir merken wie der Fahrer ruhiger fährt. Der Trick hat geklappt!

Als wie in ´Ar´ar ankommen, müssen wir den Checkpoint passieren. Wir werden angehalten. Der Fahrer will aber schnell weiter und erzählt dem Beamten, dass wir Professoren sind und bei Ma’aden arbeiten. Das juckt dem Beamten nicht und verlangt nach den Pässen. Der Fahrer zeigt seinen Ausweis und ich gebe meinen Pass. Der Bengale fuchtelt von hinten mit seinem. Ich sage ihm er solle mal warten, denn wir werden sicher durch gewunken. Der Beamte schaut sich den Pass von außen an, merkt, dass es ein europäischer ist, fragt woher ich komme und als ich es ihm sage, wiederholt er: Yunan? Und lächelt breit. Er reicht mir den Pass zurück und wir dürfen passieren.

Ein paar Minuten später kommen wir an und als wir im Gebäude sind, können wir uns vor Lachen nicht mehr beruhigen. So irrwitzig und surreal war die Fahrt.







 

Dienstag, 19. August 2014

Teil 25


Am Montag haben wir den ganzen Tag mit Korrigieren und Noten vergeben verbracht. Über 200 Prüfungsbögen mussten überprüft werden. So richtig fertig geworden sind wir nicht. Deswegen mussten wir am Dienstag weitermachen. So gegen Mittag waren wir endlich fertig. Dann mussten wir auf unseren Busfahrer warten. Bis dahin haben wir uns die Zeit mit viel Spaß vertrödelt.

Am späten Nachmittag ging ich mit meinen ägyptischen und einen der bengalischen Kollegen in die Stadt. Zum letzten Gebet des Tages gingen wir in eine der großen Moscheen. Ich blieb wie üblich draußen auf dem Parkplatz, hörte dem Imam zu und betrachtete den Abendhimmel. In ein paar Tagen werden wir hier weg sein. Wahnsinn wie die Zeit vergeht! Was bleibt ist ein Haufen Erinnerungen. Gute wie weniger gute. Jedenfalls ist/war es für mich eine sehr große Erfahrung. Eine Erfahrung die mich verändert hat.

Ich bin immer noch gedankenverloren und schaue in den Abendhimmel und merke nicht wie meine Kollegen auf einmal neben mir stehen. »Tee?« Fragt einer der beiden. Klar! Wir fahren ins Zentrum und parken vorm Restaurant Safa. Dort wo ich dem Teemeister über die Schulter schauen darf. Ich bestelle für alle drei einen Becher, nehmen uns dazu noch drei Flaschen Wasser und setzen uns hin. Am Nachbartisch sitzt ein Vater mit vier kleinen Kindern. Die Kinder schauen mich an und kleben mit ihren Blicken an mir fest. Der Vater ermahnt sie nicht so zu glotzen, aber sie hören nicht auf ihm. Ich lächle denen zu und sage etwas auf Englisch. Die kleinen gucken mich verwirrt an und fangen zu lachen an.

Als wir gehen wollen, gehe ich zur Kasse. Da ist grad die Hölle los. Auf einmal kommt ein Araber daher und fragt mich was ich möchte. Ich sage ihm, dass ich gerne zahlen möchte. Da er es nicht versteht, fragt er noch mal. Ich sage ihm dasselbe und wedle mit den Scheinen. Da kapiert er und fragt was wir gehabt haben. Er lädt uns ein. Super! Danke!

Als ich rauskomme zu meinen Kollegen, sagt der Bengale: »Das ging aber schnell!« »Ja«, erwidere ich, und das Beste ist, wir wurden eingeladen. »Mist! « sagt er. »Schade, dass wir nicht gegessen haben!«

Dann gehen wir eine Weile spazieren. Da ich noch eine Handcreme brauche gehen wir zur Gegend mit den Frauen und Kindergeschäften. Irgendwann meint der Ägypter: »Sieh nur an wie die Frauen dich anschauen! Weiß und groß müsste man sein!« Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich angestarrt werde. Als ich mich umdrehe und in Richtung einer Frauengruppe schaue, schauen die verstohlen und kichernd weg.

Für heute Mittwoch ist eine Schulfeier angesagt. Einige Studenten haben einen Monat lang etwas vorbereitet und heute ist ihr großer Tag. Abschlussfeier in der Aula. Ich mache mir einen Spaß und erscheine im Araberkostüm. Frühmorgens komme ich die Treppe als Araber gekleidet herunter. Die Sicherheitsmänner freuen sich riesig und wollen sich mit mir fotografieren lassen. Dann warten wir draußen in der Morgensonne auf den Busfahrer. Als er kommt und mich sieht, grüßt er mich herzlich. Als der Projektmanager kommt, schüttelt er den Kopf und sagt etwas Abschätziges. Mir ist es egal. In drei Tagen werden wir hier weg sein und wir werden ihn nie wiedersehen. Ich habe heute gute Laune und die wir er mir nicht nehmen.

Als wir am Polytechnikum ankommen, geht der Spaß weiter. Die Sicherheitsleute kommen zu mir und es werden Handys gezückt. Jeder will ein Foto von und mit mir. Dann gehe ich rüber zum Unterrichtsgebäude. Als mich die Studenten sehen flippen sie aus. Dann gehen wir durch sämtliche Räume und machen sehr viele Fotos. Danach besuche ich das Management. Ich gehe von Büro zu Büro und alle sind sehr herzlich, erstaunt und erfreut. Nur unser Projektmanager tobt. Da mein Gewand etwas knittrig ist, nehmen es mir ein paar Studenten ab und bringen es irgendwohin zum Bügeln. Pünktlich zur Feier sind sie wieder da und helfen mir es anzuziehen.

Einer der bengalischen Kollegen soll den Showmaster machen. Er geht auf die Bühne, sagt ein paar Worte, bittet die ersten auf die Bühne zu kommen und kommt zu mir und bittet mich weiterzumachen, weil er Lampenfieber hat. Das kommt jetzt plötzlich. Er drückt mir das Programm in die Hand und meint ich solle alle nacheinander auf die Bühne rufen, das ist alles. Mich freut es. Heute bin ich besonders gut drauf. Nach dem ersten Act, steige ich auf die Bühne und jazze die Show auf. Irgendwann erscheint auch unser Projektmanager im Publikum. Ich wundere mich was er hier macht. Er war gegen diese Feier und jetzt sitzt er ganz hinten neben seinen Schleimern. Er sieht mich mit Abscheu an. Da ich das merke, denke ich mir: »Dir werde ich es jetzt zeigen!«

Irgendwann mitten in der Show, sage ich ein paar Worte über meine Erfahrung hier bei SMP, in Ar’ar und im Land. Dann fällt der Satz: »Man kann als Ausländer das Land nicht verändern, Saudi verändert einen, so hat mich dieses wunderbare Land verändert und meinen Horizont erweitert. Danke euch allen!«

Mein Blick schweift übers Publikum und landet beim Projektmanager. Er schüttelt voller Abscheu, Ekel und angewidert vom Gehörten den Kopf. Mir macht’s einen Heidenspaß und ich mache weiter mit der Show. Krönung der Show ist als ein paar Studenten ein Lied A-Capella vortragen. Der ganze Saal ist gerührt und danach gibt es Standing Ovations. Das hat mein ägyptischer Kollege super hingekriegt. Bravo!

Als die Feier zu Ende geht, heißt es Abschied nehmen. Die Studenten werden wir nicht mehr wiedersehen und unser ägyptischer Kollege fliegt schon heute Abend. Ein schöner und freudiger Tag nimmt eine traurige Wendung. Aber so ist es nun mal im Leben. Ein Kommen und Gehen. Man kommt zusammen, bindet sich und einige Zeit später nimmt man Abschied. Leider! Es ist ein komisches Gefühl. Wir umarmen uns mit den Studenten, machen noch Bilder und dann sind sie weg. Wir bleiben noch zum Essen und müssen noch auf dem Busfahrer warten. Die Fahrt nach Hause hat etwas Trauriges. Nur unser Projektmanager tobt. Es geht darum, dass es morgen eine Abschiedsfeier vom und mit dem Management geben soll. Das Management will sich bei uns mit einer kleinen Feier für die gute Zusammenarbeit bedanken. Unser Projektmanager ist dagegen und will nicht, dass wir hingehen. Er droht und warnt uns und verlangt von uns nicht hinzugehen. Wir aber haben uns schon abgesprochen und beschlossen hinzugehen. Ich höre wie immer Musik auf volle Pulle um mir das Geschrei nicht anzutun.

Als wir zu Hause ankommen, verschwinden wir ganz schnell in unsere Wohnungen und auf einmal herrscht Ruhe. Erst später trauen sich einige langsam und lautlos aus ihren Wohnungen raus. Wir wollen runter ins Erdgeschoß zum Ägypter und müssen an der geöffneten Wohnungstür des Projektmanagers vorbei. Als ich vorbeihusche, sehe ich wie er schläft. Die Luft ist rein. Endlich!
 











Hier ist das Lied im Original (öffnet im neuen Fenster)