Montag, 28. Juli 2014

Teil 23


Das Schuljahr neigt sich dem Ende und die Studenten haben keine Lust mehr zu pauken. Deren Gedanken sind schon im Urlaub. Da wir im Stoff ziemlich gut voran gekommen sind, können wir es uns erlauben wenig zu machen und statt den Büchern andere Aktivitäten auszuprobieren, wenn unser Projektmanager nichts dagegen hat. Da er aber dagegen ist, hören wir einfach nicht auf ihn und rebellieren.

In der ersten Stunde um 8 Uhr, sind die meisten Studenten abwesend und die die kommen sind nicht ganz fit. Erst ab 9 Uhr füllt sich der Raum und die Jungs werden fitter. Deshalb machen wir lockere Konversation in der ersten Stunde. Ab der zweiten wird es ernster. Heute jedoch habe ich auch keine rechte Lust, weil a) ich die Nacht nicht schlafen konnte und b) unser Projektmanager vorhin im Bus auf der Fahrt zur Arbeit die ganze Zeit geschrien hat. An Lamentierstakkato ohne gleichen. In letzter Zeit hat er öfters solche Krisen und schreit und schreit und schreit und beschimpft sogar einige Lehrkräfte, bevorzugt die Bengalen und einen der drei Pakistaner. Dem Pakistaner scheint’s egal zu sein und nimmt es mit Fassung. Die Bengalen aber fühlen sich verletzt und wir fühlen mit ihnen. Sie widersprechen aber nicht, weil es nicht ihrer Kultur entspricht einem älteren und/oder einem Vorgesetzten zu widersprechen. Einige von uns, darunter auch ich, hören über Kopfhörer lautstarke Musik um das Geschrei zu übertönen. Außerdem schreibt unser Projektmanager 20 E-Mails am Tag und terrorisiert jeden damit. Bei mir wandern sie ungelesen in den Papierkorb. Bei so manch anderen Kollegen auch. Die Studenten erwähnen seinen Namen im selben Atemzug mit dem Wort „Crazy“ und der dazugehöriger Handbewegung.

Na ja. Ich hatte meinen Studis versprochen sie ins Laboratorium zu bringen. Da ich jetzt zwei Gruppen habe, weil ein Kollege uns vorzeitig verlassen hat, bringe ich all ins Lab. Dort werden sie im zweiten Jahr ihrer Ausbildung viel Zeit verbringen müssen. Das Lab ist ein großer Raum voller Simulatoren, oder wie mein britischer Kollege sagt ‚Stimulatoren’. An den Simulatoren lernen sie die Bagger und all die anderen Fahrzeuge zu fahren und handzuhaben. Wenn sie es am Simulator gelernt haben, dürfen sie im dritten Jahr ein echtes Fahrzeug in der Mine fahren.

Wir werden von den afrikanischen Kollegen der University of Missouri, alle im Promotionsstudium, erwartet. Es gibt eine Einführung in Sachen Minen und Minenarbeit und einen längeren Vortrag dazu. Der scheint die Studenten eher zu langweilen. Sie wollen an die Geräte. Am Ende des langen Vortrags dürfen sie Fragen stellen. Da keiner etwas fragen möchte, nehme ich mir die Freiheit eine Frage zu stellen und kassiere Blicke die töten könnten. Eigentlich wollte ich noch mehr Fragen stellen, tue es aber nicht und hebe sie mir für später auf. Jetzt dürfen sie endlich ran an die Simulatoren.

Sie scheinen sichtlich Spaß zu haben und jeder darf mal ran. Die afrikanischen Kollegen verteilen sich und assistieren. Ich gehe rum und schaue mir an was die Studis treiben und wie sie sich machen. Als einer der Studenten mich hinter sich wahrnimmt, wird er nervös, steht vom Fahrersitz auf und überlässt mir das Fahren. Dann kommen mehrere Jungs um zu sehen wie sich ihr Lehrer so macht. Ich drehe ein paar Runden und versenke dann den Bagger in den Graben. Darauf jubeln alle und klatschen in die Hände.

So vergehen die Stunden bis zur Mittagspause. Am Nachmittag zeige ich ihnen einen Film über Minen und Minenarbeit in verschiedenen Ländern bis wir endlich um 15:15 Uhr Feierabend haben.

Auf dem Weg zurück im Bus setze ich mir Kopfhörer auf und höre 30 Seconds to Mars auf volle Pulle um das Geschrei des Projektmanagers nicht zu hören.

Am Nachmittag gehe ich mit einem der drei bengalischen Kollegen lange spazieren. Wir drehen eine lange Runde durch eine Gegend mit sehr schönen Häusern, breiten Straßen, kaum Verkehr, wenigen Geschäften und ein paar Schulen. Wir reden kaum miteinander und genießen die Stille und die Schönheit der Umgebung.

Als wir nach Hause zurückkommen, laden mich die Bengalen zum Abendessen ein. Sie essen jeden Abend gemeinsam und ab und zu werde ich eingeladen. Sie können hervorragend kochen und bereiten immer ein reichhaltiges Mahl. Gegessen wird wie in diesem Teil der Welt üblich, auf dem Boden sitzend und ohne Besteck.
 
 
Hier ist ein Video dazu. Darunter gibt es die Möglichkeit sich noch zwei andere anzusehen. 
 
 
 
 
 Bilder vom Spaziergang
 




 
Mächtiger Wind zur Pause
 

 

Sonntag, 20. Juli 2014

Teil 22


Es ist Samstag früh und obwohl ich mich die ganze Woche darauf gefreut habe endlich länger zu schlafen und nicht vor Mittag aufzustehen, kann ich jetzt nicht schlafen. So ein Mist! Was macht man, wenn alle anderen noch schlafen oder sonst wie beschäftigt sind? Ich beschließe eine ausgiebige Radltour zu unternehmen. Das werde ich später zwar bereuen, weil das Radl schrott ist und es ziemlich schmerzhaft ist es zu fahren, aber egal. Man lebt nur einmal.

Aus der Residenz raus, stelle ich mich mit dem Radl für eine Minute vorm Haus, schließe die Augen, atme tief ein und genieße die warmen Sonnenstrahlen an diesem Morgen. Die Stille wird von der Stimme des Sicherheitsmannes unterbrochen. Er möchte wissen, ob es mir gut geht und ob mit dem Fahrrad alles in Ordnung sei. Ja, alles bestens, mach’ dir keine Sorgen!

So schwinge ich mich auf dem Drahtesel und fahre die breite Straße runter an der Tanke mit dem kleinen Supermarkt, weiter an der Wasserquelle und an einem ‚Gasthaus’ vorbei. An der Wasserquelle schaue ich ob der gelbe LKW irgendwo zu sehen ist und beim ‚Gasthaus’ mit dem schönen Eingang steht einer der Seiteneingänge offen, wo ich kurz hineinschaue, aber niemanden sehe. Ein paar Meter weiter parkt ein ziemlich staubiger Benz SE und erinnert mich an meinem Benz der bei meinen Eltern im Garten steht und darauf wartet gefahren zu werden. Ich wünschte, ich hätte ihn jetzt hier.

Diese ‚Gasthäuser’ haben mit unseren Gasthäusern wenig zu tun. Hier haben sie eine andere Funktion. Da jeder muslimische Mann bis zu vier Frauen heiraten kann (je nach Geldbeutel) und viele Kinder mit denen zeugt, ist es schwer eine andere Großfamilie zu besuchen. Deswegen gibt es diese Gasthäuser die groß genug sind um solche Familien aufzunehmen. Man kann sie stundenweise oder für einen ganzen Tag mieten. Je nach Größe, kann es auch Schwimmbäder, Fußballplätze, etc geben. Was es auf jeden Fall gibt, sind viele verschiedene Räume – Küche, Bäder, Gebetsraum, Fernsehzimmer, usw. Und das ganze doppelt. Einmal für die Frauen und einmal für die Männer.

Dann biege ich in eine Straße ein auf der viel Verkehr herrscht. Irgendwo in der Mitte gibt es ein Kreisel mit Deko, wie überall in diesem Land. Daneben befindet sich ein Open-Air Gemüsemarkt. Es ist ein kleiner Markt, nichts Spektakuläres, aber für einen Westler aufregend genug um Fotos davon zu machen. Einmal wollte ich hier was einkaufen, aber auch hier hieß es: Nur kistenweise. Seitdem kaufe ich mein Obst im Supermarkt.

Ein paar hundert Meter weiter steht mitten im Nichts eine Kantine die einem Filipino gehört. Dort kaufe ich mir immer einen Becher Tee. So auch heute. Ich unterhalte mich eine zeitlang mit dem Filipino und als Kunden kommen nehme ich meinen Tee und setze mich auf eine Parkbank. Auf der einen Seite verläuft eine Straße mit Pflanzen und Büschen in komischen Formen und auf der anderen Seite ein leeres Flussbett. Dahinter liegt das Zentrum der Stadt.

Auf einmal hört man ein Knacksen und kurz darauf folgt per Lautsprecher die Einladung zum Gebet. Sekunden später hört man die Muezzins aus sämtlichen Himmelsrichtungen. Der Filipino schließt seine Kantine, schwingt sich auf sein Radl und fährt zur nächsten Moschee. Etwa 15 Minuten später hört man die Imams wieder aus allen Himmelsrichtungen. Ich schließe die Augen, höre der Predigt zu und genieße die warmen Sonnenstrahlen. Als der Zauber vorbei ist fahre ich weiter.

Ich fahre eine Hauptverkehrsstraße entlang, an der am Nachmittag Männer auf ihre Mitfahrgelegenheit warten. Wenn man es nicht weiß, glaubt man an einen Männerstrich vorbeizufahren. Dann fällt mir ein, dass ich wenig Bares dabei habe und unbedingt etwas abheben muss. So biege ich in eine Straße ein in der ein Drive-In-Geldautomat steht. Da stehen schon ein paar Autos und ich reihe mich mit meinem Radl hinten an. Die Autofahrer gucken etwas komisch als sie mich bemerken, grüßen aber freundlich und der vor mir winkt mich sogar nach vorne und überlässt mir seinen Platz in der Schlange. Ich war noch nie bei einem Drive-In-Geldautomat, habe so etwas in keinem anderen Land gesehen in dem ich bisher gewesen bin. Habe mir aber sagen lassen, dass es die Dinger auch außerhalb Saudi Arabien gibt.

Dann fahre ich ins Zentrum und fahre ziellos durch die Straßen. Als ich irgendwo in den Seitenstraßen bin, sehe ich einen Araber mit einem Falken. Ich bleibe stehen und betrachte beide von einer Distanz. Als mich der Araber bemerkt macht er mir eine Geste, dass ich ruhig näher kommen kann. Wir unterhalten uns eine Weile und er erzählt mir, dass er den Falken zum Jagen benutzt. Es ist ein sehr beliebtes Hobby der Araber sagt er. Dann frage ich ob ich ein Foto machen kann. Ich kann und er nimmt sogar die Augenbinde des Falken runter.

Dann radle ich weiter zur großen Moschee am Rande des Zentrums. Auf dem Weg dorthin komme ich an verschiedene Kreisverkehre vorbei die unterschiedlich dekoriert sind. Manche schauen richtig schön aus, manche eher kitschig. Das Land ist voll damit. Man kann die auch wunderbar als Treffpunkt benutzen: Wir treffen uns beim Kreisel mit der Englischen Uhr, etc. Man braucht nicht die Adresse zu kennen. Ich komme auch an einem Park vorbei. Da fahren wir öfter mit dem Auto vorbei. Jetzt habe ich die Gelegenheit mir den Park näher anzuschauen. Der ist noch nicht ganz fertig gebaut, aber was meine Aufmerksamkeit erregt ist das satte, saftige Grün. Als ich daneben stehe und es anfasse, merke ich, dass es kein echtes Gras ist, sondern ein Teppich der ziemlich echt aussieht. Dazu farbige Muster. Dann gehe ich über die Straße zur Moschee. Parke mein Radl vor der Tür, ziehe meine Schuhe aus und gehe hinein. Es ist kein Mensch da und es ist sehr still. Ich setze mich auf dem Teppich, schließe die Augen, atme tief ein und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Irgendwann, als mir die Beine vom Schneidersitzsitzen schmerzen – Respekt meinen muslimischen Brüdern die stundenlang so sitzen können, lege ich mich hin auf den Teppich und schlummere ein. Es ist so himmlisch still in der Moschee und ich habe das Gefühl zu schweben. Ein sanftes antippen an meiner Schulter bringt mich wieder in die Realität zurück. Ich öffne die Augen und erblicke einen lächelnden Araber über mir. Seine Augen glitzern und er sagt:

„Salam Doktor!“

„Salam!“ erwidere ich und richte mich auf. Ein Blick auf meine Uhr verrät mir, dass ich etwa eine Stunde geschlafen habe.

„Bald ist Betenszeit“, sagt er, „Leute werden kommen“, fügt er hinzu.

Ich stehe langsam auf, bewege mich träge zum Eingang, gehe durch die Tür, ziehe meine Schuhe an und gehe nebenan zum Waschraum. Als ich wieder rauskomme erblicke ich mein Radl. Unversperrt und es ist immer noch da wo ich es gelassen habe.

Als ich vor ein paar Wochen zu radeln anfing, machte ich mir Sorgen, dass es ohne Schloss geklaut werden könnte. So fuhr ich zu einem Fahrradgeschäft um mir ein Schloss zu kaufen. Da der Verkäufer kein Englisch konnte, hat es etwas gedauert bis er verstand was ich wollte. Als er endlich kapiert hat was ich wollte, fing es zu lachen an. Ich guckte dumm aus der Wäsche und verstand nicht was los sei. Er ging kurz aus dem Laden raus und kam einen Moment später mit jemandem der Englisch konnte. Der meinte, dass hier keiner ein Schloss hat und dass die Räder nicht geklaut werden. Komische Welt.

Ich steige auf dem Drahtesel und fahre Richtung Zentrum. Mein Magen knurrt. Ich mache Halt beim ersten Restaurant. Dort werde ich überschwänglich begrüßt und muss am Schluss nichts für die Getränke und den Nachtisch bezahlen.

Als ich aus dem Restaurant komme, ist es gerade dabei dunkel zu werden. Ich schaue gen Himmel und sehe wunderschöne Farben wie in einem Aquarell. Auf dem Weg nach Hause komme ich an einer S-Klasse aus den 1990ern vorbei die mit Blumen und Herzen geschmückt ist. Ich schaue mir das Auto näher an und mache ein Foto. Die Araber die daneben stehen lächeln als sie mich beim Fotografieren sehen. Heute heiratet jemand, wird mir erklärt. Schön und kitschig, denke ich mir, aber auch romantisch.

Ich mache wieder einen Halt beim Filipino und seiner Kantine um einen Tee zu trinken und fahre dann müde nach Hause. Parke das Radl in den Schuppen, grüße das Wachpersonal, schleppe mich die Treppe hoch, ziehe mich aus und werfe mich aufs Bett. Gute Nacht Welt, schön all das erleben zu dürfen. Danke O Herr, Danke!
 
                                        Lehrer Theo radelt durch Ar'ar

                                Staubiger SE-Benz.

                                'Gasthaus'-Eingang

                               Wenn ich mal groß bin, werde ich der Arabische Viktualienmarkt.



                                Kreiselkunst.

                                Pflanzenkunst.


                                                Cooler Araber mit Falken.

                                          Heute wird geheiratet.

                                Kreiselkunst.


                                Der König.



                                          Park.

                               Kreiselkunst vor größter Moschee.

                                Drive-In-Geldautomat.


                                                Lampenkunst.

                                Lampenkunst.

                                Sonnenuntergang.
 

Sonntag, 13. Juli 2014

Teil 21

Nach den erfolgreichen Verhandlungen, bin ich sehr froh, dass ich mir beim Kauf des iPhones und der Schutzfolie einiges gespart habe. Meinen Kollegen hat es auch Spaß gemacht und freuen sich mit mir. Nach all dem Hin und Her haben wir Hunger bekommen. Wo sollen wir etwas essen gehen? Wieder zu ‚Safa’ oder eines der anderen Restaurants in denen wir öfters gehen? Das Handy des Ägypters schlägt Alarm und ein paar Sekunden später hört man die Muezzins auf ihren Minaretten die Gläubigen rufen. Also müssen wir aufs Essen noch etwas warten. Da die beiden Kollegen, ein Ägypter und ein Bengali, die Moscheen im Zentrum nicht so sehr bevorzugen, fahren wir mit dem Auto zu einer größeren und schöneren etwas außerhalb. Da waren wir schon öfters und es gibt auch ein schönes und gutes Restaurant zwei Ecken weiter.

Wir parken auf dem Parkplatz, steigen aus, gehen zum Waschraum, zuerst die Kollegen und dann ich. Als wir rein kommen sehe ich, dass der Waschraum dieser Moschee viel größer und schöner ist als in so manch anderer Moschee im Zentrum. Wir waren zwar schon öfters hier, aber ich war noch nie im Waschraum. Da es noch wenige Minuten bis zur Betenszeit sind, herrscht hier reger Betrieb. Als mich die Männer in den Waschraum eintreten sehen, bleiben einige kurz stehen und betrachten mich als sei ich eine Erscheinung aus einer anderen Welt. Was ich auch bin. Und plötzlich fühle ich mich wieder wie Sting neben Cheb Mami im Videoclip ‚Desert Rose’. Ein großer Weißer inmitten kleinwüchsiger Araber. Die Männer lächeln und ich lächle zurück, ich grüße und sie grüßen zurück. Andere drehen sich gar nicht um und konzentrieren sich aufs Waschen. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt angestarrt zu werden. Obwohl es sich in der Stadt herumgesprochen hat, dass ein paar wenige Weiße hier leben, fühle ich mich manchmal wie eine Attraktion. Gott sei dank muss ich sagen, hatte ich bis jetzt keine negativen Erfahrungen gehabt. Die Leute starren einen an, nicht aus Rassismus, sondern, weil sie es nicht erwarten einen Weißen in einer Stadt mitten in der Wüste zu sehen und schon gar nicht in einer Moschee. Während ich aufs Klo gehe, reinigen sich meine Kollegen und gehen nebenan in die Moschee zum Beten. Ich warte währenddessen draußen auf dem Parkplatz und genieße den blauen Himmel und die klare und trockene Luft. Es kommen noch ein paar Autos, leicht verspätet, die Türen gehen auf und hinaus springen Männer, Frauen und Kinder die zu verschiedenen Eingängen laufen. Manche Kinder gehen mit den Müttern, manche mit den Vätern.

Jede Moschee ist in zwei Teilen unterteilt. In einem Teil sind die Männer, im anderen die Frauen. Die Frauen sehen den Imam nicht, hören ihn aber. Leider ist mir als Mann nicht erlaubt in den Frauenbereich zu gehen, auch außerhalb der Betenszeit nicht. Ich habe mir aber sagen lassen, dass es dort genauso aussieht wie bei den Männern. Das konnte ich sogar feststellen. In einer der größeren Moscheen, war als ich dort war, gerade die Putzkolonne am Werk und die Verbindungstür stand offen, so konnte ich einen Blick rein werfen. Kein Unterschied zur Männerseite. Derselbe Teppich, dieselbe Deko.

Als die Betenszeit um ist kommen all die Gläubigen mit einem breiten Lächeln im Gesicht raus. Jeder geht zu seinen paar Schuhe und danach zum Auto. Ich wundere mich wie man bei, gerade am Freitag, den hunderten paar Schuhe, sein Paar finden kann. Manche Moscheen haben Schuhschränke, da kann man sich merken wo man seine gelassen hat, aber die meisten Leute lassen ihre Schuhe einfach vorm Eingang. Meine ADIDAS Treter sind in Ar’ar wahrscheinlich einzigartig, so kann ich sie leicht finden, aber bei den anderen? Hmm… Innerhalb weniger Minuten ist der Parkplatz leer und auch wir fahren weg.

Ganz in der Nähe ist ein Gemüsemarkt. Dort wird auch allerhand anderes Zeug verkauft, wie Kaffee, Zucker, Mais, Blumen, Mehl, Kräuter, Gewürze und Obst. Es sind verschiedene Hallen nebeneinander aufgereiht mit massenweise Parkplätzen davor. Wir gehen in einen Laden rein und schauen uns das Obst an. Wir entdecken Blutorangen und wollen welche haben. Der Ladenbesitzer kommt dazu und fängt ein Gespräch mit uns an. Er bietet uns sogar eine zu probieren bevor wir kaufen. Was wir auch machen. Da nirgendwo Preise stehen, frage ich nach dem Kilopreis. Als Antwort kommt 30 Rial die Kiste (umgerechnet 6 Euro). Alles wird in Kisten und nicht in Kilos verkauft. Wie viel da drin ist, möchte ich wissen. Der Meister zuckt mit den Schultern und meint er wisse es nicht. Sechs Kilo vielleicht? Mist! Was sollen wir mit so vielen Blutorangen machen? Kiloweise möchte der Meister auf keinen Fall verkaufen. Der bengalische Kollege will keine haben. Während ich mit dem ägyptischen Kollegen rede und darüber beraten ob wir uns eine Kiste teilen sollen, spricht der Bengale mit dem Ladenbesitzer. Irgendwann dreht sich der Bengale zu uns um und meint:

„Wenn ihr eine Kiste kaufen wollt, die ist jetzt günstiger geworden.“

„Bitte?“

„Ich habe ihn auf 25 Rial runtergehandelt.“

„Super! Dann nehmen wir eine!“

Während ich bezahle schickt der Ladenbesitzer einen Jungen um die Kiste zum Auto zu transportieren. Danach fahren wir zu einem türkischen Restaurant. Es soll eines der teuersten in der Stadt sein und befindet sich gleich neben dem teuersten Hotel der Stadt. Als wir rein gehen und uns der Besitzer sieht, begrüßt er uns ganz herzlich. Er schaut mich die ganze Zeit intensiv an und fängt ein Gespräch mit mir an. Wir setzen uns draußen auf die Terrasse und werden von Bengalen bedient. Wir bestellen so einiges und die Ober kommen und gehen. Ab und zu kommen sie und setzen sich dazu und reden mit dem Kollegen, ihren Landsmann. Auch der Restaurantbesitzer gesellt sich kurz dazu und wir stellen uns gegenseitig Fragen. Als die Rechnung kommt, stellen wir verblüfft fest wie wenig wir bezahlen müssen. Hierbei muss erwähnt werden, dass ein paar Sachen aufs Haus gehen. 1. wegen dem bengalischen Kollegen und 2. wegen mir. Als Weißer hat man gewisse Vorteile in diesem Teil der Welt. Da ich bezahle, gebe ich auch, für Saudi, ein gutes Trinkgeld.

Als wir zu Hause ankommen ist es schon dunkel. Ich gehe in mein Schlafzimmer, schaue aus dem Fenster und werde mit dieser Aussicht belohnt:






Dienstag, 8. Juli 2014

Teil 20

Wenn man schon mal in der Türkei oder in einem Nordafrikanischen Land oder sonst wo im Nahen Osten unterwegs gewesen ist und einem Markt, den sogenannten Souq besucht und dort etwas eingekauft hat, ist man sicher nicht drum rum gekommen zu feilschen. In Saudi ist es nicht anders. Außer im Supermarkt wo man im Rest der Welt den ausgezeichneten Preis bezahlen muss, kann man in den Geschäften, auf den verschiedenen Märkten und sogar beim Gemüsemarkt feilschen und verhandeln was das Zeug hält.

Ist nicht jedermanns Sache und man muss es lernen und beherrschen. Wenn man es noch nie gemacht hat, sollte man es sich trauen, vorher aber jemandem zuschauen der es beherrscht und versuchen es nachzumachen. Dabei gilt, knallhart bleiben und Pokerface aufsetzen. Auch wenn man etwas unbedingt haben möchte, sollte man es sich nicht anmerken lassen. Preise bei verschiedenen Händlern vorher vergleichen hilft, einen besseren Preis zu erzielen. Wenn man Anfänger ist, hilft es wenn man die Landessprache zumindest ein wenig beherrscht oder jemanden dabei hat der sie kann.

Ich beherrsche die Kunst des Feilschens sehr gut. Mein Vater ist ein sehr guter Lehrer gewesen. Als Kind bin ich in Griechenland immer mitgegangen und habe ihm beim Verhandeln zugeschaut und gelernt. Er hat sich und uns beim Kaufen einer Wohnungseinrichtung viel Geld gespart. In Italien habe ich diese Kunst perfektioniert. Kommt mir jetzt in Saudi zu Gute.

Ich möchte seit langem ein iPhone 5S kaufen. Jedes Mal wenn ich in der Stadt bin klappere ich die Geschäfte mit den Handys ab und notiere mir die Preise. Es spielt keine Rolle, dass ich kein Arabisch kann, wir verstehen uns mit Händen und Füßen. Über Wochen hinweg waren die Preise stabil. Seitdem aber raus ist, dass das neue Modell kommt, purzeln die Preise. Heute schlage ich zu.

Ich nehme mir den Ägyptischen Kollegen und einen der drei Bengalen mit. Wir fahren zur Handystraße und gehen von Geschäft zu Geschäft. Es gibt Preisunterschiede stellen wir fest. Manche Händler bieten sogar zwei verschiedene Preise an. Einen höheren mit Garantie, einen niedrigeren ohne. Ich pfeife auf die Garantie, weil wenn mal was mit dem Gerät sein sollte, ich zu einem Apple Store gehen werde. Garantie braucht man in Städten wo es keinen Apple Store gibt und der Händler die Reparatur organisiert.

Als wir die Geschäfte mit den niedrigsten Preisen ausfindig gemacht haben, wird um den Preis verhandelt. Beim ersten klappt es nicht so gut. Er geht zwar runter, aber nicht so viel wie ich es gerne hätte. Dann geht es zum nächsten. Nach dem obligatorischen Smalltalk (mitunter 10 Minuten), gehen die Verhandlungen los. Er geht runter, vielmehr als der erste. Dann spiele ich meinen Joker aus:

„Der direkt gegenüber hat mir ein besseres Angebot gemacht!“
„Echt?“
„Ja!“
„Wieviel?“
„……….“
„Tatsächlich?“
„Ja, wirklich.“

Dann geht er auch runter. Super! Leider kann ich aber nicht mit Karte zahlen. Also machen wir eine Runde zu den Banken in der Gegend. Leider ist das Limit außerhalb Europas niedrig und ich kann nichts abheben, weil ich mein Wochenlimit schon erreicht habe. Also fahren wir zurück um es dem Händler zu erzählen. Er zückt sein Handy, spricht mit jemandem auf Arabisch, deutet mir ihm zu folgen, schließt die Tür des Geschäfts ab, geht zum einem SUV, bietet uns einzusteigen, fährt uns zu einem Geschäft am anderen Ende der Innenstadt, wir steigen aus, gehen rein und er deutet mir ich solle zu einem bestimmten Verkäufer gehen. Er geht zu einem, dem der Laden wahrscheinlich gehört und plaudert solange. Der Verkäufer kann ein paar Brocken Englisch, ich zücke meine Karte, unterschreibe, wir gehen wieder zum SUV, fahren zurück zum Laden, Tür wird aufgesperrt, wir treten herein, ich bekomme mein iPhone 5S Gold für umgerechnet 490 Euro, wir schütteln uns die Hände zum Abschied und wollen gehen. Da fragt der Händler ob ich eine Schutzfolie für’s Display kaufen möchte. Wie viel? So viel? Ich überleg’s mir. Beim Händler gegenüber kostet die Folie nur 2 Euro und keine 10. So gehe ich über die Straße und lasse mir das Display bekleben.

Meine Kollegen sind begeistert und als ich es meinem Vater erzähle ist er es auch.

                                              Wo gab's nochmal den besten Preis? hmm....

                                                            Smalltalk und Feilschen.