Sonntag, 20. Juli 2014

Teil 22


Es ist Samstag früh und obwohl ich mich die ganze Woche darauf gefreut habe endlich länger zu schlafen und nicht vor Mittag aufzustehen, kann ich jetzt nicht schlafen. So ein Mist! Was macht man, wenn alle anderen noch schlafen oder sonst wie beschäftigt sind? Ich beschließe eine ausgiebige Radltour zu unternehmen. Das werde ich später zwar bereuen, weil das Radl schrott ist und es ziemlich schmerzhaft ist es zu fahren, aber egal. Man lebt nur einmal.

Aus der Residenz raus, stelle ich mich mit dem Radl für eine Minute vorm Haus, schließe die Augen, atme tief ein und genieße die warmen Sonnenstrahlen an diesem Morgen. Die Stille wird von der Stimme des Sicherheitsmannes unterbrochen. Er möchte wissen, ob es mir gut geht und ob mit dem Fahrrad alles in Ordnung sei. Ja, alles bestens, mach’ dir keine Sorgen!

So schwinge ich mich auf dem Drahtesel und fahre die breite Straße runter an der Tanke mit dem kleinen Supermarkt, weiter an der Wasserquelle und an einem ‚Gasthaus’ vorbei. An der Wasserquelle schaue ich ob der gelbe LKW irgendwo zu sehen ist und beim ‚Gasthaus’ mit dem schönen Eingang steht einer der Seiteneingänge offen, wo ich kurz hineinschaue, aber niemanden sehe. Ein paar Meter weiter parkt ein ziemlich staubiger Benz SE und erinnert mich an meinem Benz der bei meinen Eltern im Garten steht und darauf wartet gefahren zu werden. Ich wünschte, ich hätte ihn jetzt hier.

Diese ‚Gasthäuser’ haben mit unseren Gasthäusern wenig zu tun. Hier haben sie eine andere Funktion. Da jeder muslimische Mann bis zu vier Frauen heiraten kann (je nach Geldbeutel) und viele Kinder mit denen zeugt, ist es schwer eine andere Großfamilie zu besuchen. Deswegen gibt es diese Gasthäuser die groß genug sind um solche Familien aufzunehmen. Man kann sie stundenweise oder für einen ganzen Tag mieten. Je nach Größe, kann es auch Schwimmbäder, Fußballplätze, etc geben. Was es auf jeden Fall gibt, sind viele verschiedene Räume – Küche, Bäder, Gebetsraum, Fernsehzimmer, usw. Und das ganze doppelt. Einmal für die Frauen und einmal für die Männer.

Dann biege ich in eine Straße ein auf der viel Verkehr herrscht. Irgendwo in der Mitte gibt es ein Kreisel mit Deko, wie überall in diesem Land. Daneben befindet sich ein Open-Air Gemüsemarkt. Es ist ein kleiner Markt, nichts Spektakuläres, aber für einen Westler aufregend genug um Fotos davon zu machen. Einmal wollte ich hier was einkaufen, aber auch hier hieß es: Nur kistenweise. Seitdem kaufe ich mein Obst im Supermarkt.

Ein paar hundert Meter weiter steht mitten im Nichts eine Kantine die einem Filipino gehört. Dort kaufe ich mir immer einen Becher Tee. So auch heute. Ich unterhalte mich eine zeitlang mit dem Filipino und als Kunden kommen nehme ich meinen Tee und setze mich auf eine Parkbank. Auf der einen Seite verläuft eine Straße mit Pflanzen und Büschen in komischen Formen und auf der anderen Seite ein leeres Flussbett. Dahinter liegt das Zentrum der Stadt.

Auf einmal hört man ein Knacksen und kurz darauf folgt per Lautsprecher die Einladung zum Gebet. Sekunden später hört man die Muezzins aus sämtlichen Himmelsrichtungen. Der Filipino schließt seine Kantine, schwingt sich auf sein Radl und fährt zur nächsten Moschee. Etwa 15 Minuten später hört man die Imams wieder aus allen Himmelsrichtungen. Ich schließe die Augen, höre der Predigt zu und genieße die warmen Sonnenstrahlen. Als der Zauber vorbei ist fahre ich weiter.

Ich fahre eine Hauptverkehrsstraße entlang, an der am Nachmittag Männer auf ihre Mitfahrgelegenheit warten. Wenn man es nicht weiß, glaubt man an einen Männerstrich vorbeizufahren. Dann fällt mir ein, dass ich wenig Bares dabei habe und unbedingt etwas abheben muss. So biege ich in eine Straße ein in der ein Drive-In-Geldautomat steht. Da stehen schon ein paar Autos und ich reihe mich mit meinem Radl hinten an. Die Autofahrer gucken etwas komisch als sie mich bemerken, grüßen aber freundlich und der vor mir winkt mich sogar nach vorne und überlässt mir seinen Platz in der Schlange. Ich war noch nie bei einem Drive-In-Geldautomat, habe so etwas in keinem anderen Land gesehen in dem ich bisher gewesen bin. Habe mir aber sagen lassen, dass es die Dinger auch außerhalb Saudi Arabien gibt.

Dann fahre ich ins Zentrum und fahre ziellos durch die Straßen. Als ich irgendwo in den Seitenstraßen bin, sehe ich einen Araber mit einem Falken. Ich bleibe stehen und betrachte beide von einer Distanz. Als mich der Araber bemerkt macht er mir eine Geste, dass ich ruhig näher kommen kann. Wir unterhalten uns eine Weile und er erzählt mir, dass er den Falken zum Jagen benutzt. Es ist ein sehr beliebtes Hobby der Araber sagt er. Dann frage ich ob ich ein Foto machen kann. Ich kann und er nimmt sogar die Augenbinde des Falken runter.

Dann radle ich weiter zur großen Moschee am Rande des Zentrums. Auf dem Weg dorthin komme ich an verschiedene Kreisverkehre vorbei die unterschiedlich dekoriert sind. Manche schauen richtig schön aus, manche eher kitschig. Das Land ist voll damit. Man kann die auch wunderbar als Treffpunkt benutzen: Wir treffen uns beim Kreisel mit der Englischen Uhr, etc. Man braucht nicht die Adresse zu kennen. Ich komme auch an einem Park vorbei. Da fahren wir öfter mit dem Auto vorbei. Jetzt habe ich die Gelegenheit mir den Park näher anzuschauen. Der ist noch nicht ganz fertig gebaut, aber was meine Aufmerksamkeit erregt ist das satte, saftige Grün. Als ich daneben stehe und es anfasse, merke ich, dass es kein echtes Gras ist, sondern ein Teppich der ziemlich echt aussieht. Dazu farbige Muster. Dann gehe ich über die Straße zur Moschee. Parke mein Radl vor der Tür, ziehe meine Schuhe aus und gehe hinein. Es ist kein Mensch da und es ist sehr still. Ich setze mich auf dem Teppich, schließe die Augen, atme tief ein und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Irgendwann, als mir die Beine vom Schneidersitzsitzen schmerzen – Respekt meinen muslimischen Brüdern die stundenlang so sitzen können, lege ich mich hin auf den Teppich und schlummere ein. Es ist so himmlisch still in der Moschee und ich habe das Gefühl zu schweben. Ein sanftes antippen an meiner Schulter bringt mich wieder in die Realität zurück. Ich öffne die Augen und erblicke einen lächelnden Araber über mir. Seine Augen glitzern und er sagt:

„Salam Doktor!“

„Salam!“ erwidere ich und richte mich auf. Ein Blick auf meine Uhr verrät mir, dass ich etwa eine Stunde geschlafen habe.

„Bald ist Betenszeit“, sagt er, „Leute werden kommen“, fügt er hinzu.

Ich stehe langsam auf, bewege mich träge zum Eingang, gehe durch die Tür, ziehe meine Schuhe an und gehe nebenan zum Waschraum. Als ich wieder rauskomme erblicke ich mein Radl. Unversperrt und es ist immer noch da wo ich es gelassen habe.

Als ich vor ein paar Wochen zu radeln anfing, machte ich mir Sorgen, dass es ohne Schloss geklaut werden könnte. So fuhr ich zu einem Fahrradgeschäft um mir ein Schloss zu kaufen. Da der Verkäufer kein Englisch konnte, hat es etwas gedauert bis er verstand was ich wollte. Als er endlich kapiert hat was ich wollte, fing es zu lachen an. Ich guckte dumm aus der Wäsche und verstand nicht was los sei. Er ging kurz aus dem Laden raus und kam einen Moment später mit jemandem der Englisch konnte. Der meinte, dass hier keiner ein Schloss hat und dass die Räder nicht geklaut werden. Komische Welt.

Ich steige auf dem Drahtesel und fahre Richtung Zentrum. Mein Magen knurrt. Ich mache Halt beim ersten Restaurant. Dort werde ich überschwänglich begrüßt und muss am Schluss nichts für die Getränke und den Nachtisch bezahlen.

Als ich aus dem Restaurant komme, ist es gerade dabei dunkel zu werden. Ich schaue gen Himmel und sehe wunderschöne Farben wie in einem Aquarell. Auf dem Weg nach Hause komme ich an einer S-Klasse aus den 1990ern vorbei die mit Blumen und Herzen geschmückt ist. Ich schaue mir das Auto näher an und mache ein Foto. Die Araber die daneben stehen lächeln als sie mich beim Fotografieren sehen. Heute heiratet jemand, wird mir erklärt. Schön und kitschig, denke ich mir, aber auch romantisch.

Ich mache wieder einen Halt beim Filipino und seiner Kantine um einen Tee zu trinken und fahre dann müde nach Hause. Parke das Radl in den Schuppen, grüße das Wachpersonal, schleppe mich die Treppe hoch, ziehe mich aus und werfe mich aufs Bett. Gute Nacht Welt, schön all das erleben zu dürfen. Danke O Herr, Danke!
 
                                        Lehrer Theo radelt durch Ar'ar

                                Staubiger SE-Benz.

                                'Gasthaus'-Eingang

                               Wenn ich mal groß bin, werde ich der Arabische Viktualienmarkt.



                                Kreiselkunst.

                                Pflanzenkunst.


                                                Cooler Araber mit Falken.

                                          Heute wird geheiratet.

                                Kreiselkunst.


                                Der König.



                                          Park.

                               Kreiselkunst vor größter Moschee.

                                Drive-In-Geldautomat.


                                                Lampenkunst.

                                Lampenkunst.

                                Sonnenuntergang.
 

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