Dienstag, 27. Mai 2014

Teil 14


Plötzlich reiße ich die Augen auf, weil ich ein unheimliches Geräusch höre. Zuerst habe ich es im Unterbewusstsein gehört und viele komische Sachen geträumt, doch dann, als ich gemerkt habe, dass das Geräusch echt und nicht geträumt ist, war’s hin mit dem Nachmittagsschlaf.

Es war ein langer und anstrengender Arbeitstag. Irgendwann im Morgengrauen steigt der Muezzin auf sein Minarett um die Gläubigen zum Gebet zu rufen und ein wenig später hört man die Stimme des Imam. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt und wache nicht mehr auf. Dennoch stehe ich um kurz vor sechs auf. Teils weil es bitterkalt ist – in der Wüste fällt die Temperatur in der Nacht rapide ab, und da es hier keine Öl- oder Gasheizung gibt, stattdessen aber mit einer Klimaanlage die höllischen Lärm macht geheizt wird und ich lieber darauf verzichte als mir den Lärm anzutun und teils wegen dem Sonnenlicht, das aufgrund fehlender Vorhänge durchs Fenster scheint.

Um 7.30 Uhr steigen wir in den klapprigen Nissanbus ein und knapp eine Viertelstunde Später kommen wir in der Arbeit an. Nach dem Teemachen folgen vier Stunden Unterricht. Unterbrochen von zehnminütigen Pausen. Der Unterricht ist sehr fordernd, weil viele Studenten in der ersten Stunde fehlen und man das Gemachte in der zweiten Stunde wiederholen muss, weil sie sonst nicht mitkommen. Manche nehmen Teil, andere eher nicht. Von den Letzteren gibt es zwei Gruppen: die einen die ruhig und passiv dasitzen und den anderen die den Unterricht stören. Eines jedoch haben alle gemeinsam. Sie wollen auf der Anwesenheitsliste präsent sein, denn bei mehr als 30 Fehlstunden fallen sie durch. Deswegen kommen sie jede Stunde nicht nur zu mir, aber zu allen Lehrkräften und wollen sehen ob sie an- oder abwesend sind. Wenn sie abwesend sind wird man nicht in Ruhe gelassen. Sie rennen einen hinterher und wollen, dass wir die Abwesenheit zu einer Anwesenheit machen. Bei mir beißen sie auf Granit. Noch konsequenter geht ein bengalischer Kollege vor. Wenn er den Klassenraum betritt, schließt er die Tür hinter sich und ruft die Namen auf. Wer nicht da ist hat Pech gehabt. Er lässt nicht mit sich reden und alle Studenten hassen und fürchten ihn. Ich verehre ihn.

Wenn die Studis nach Hause wollen, weil sie keinen Bock mehr haben, kommen sie zu dir mit allen möglichen Ausreden um nach Hause gelassen zu werden – ohne Abwesenheit versteht sich. Mal ist es die Mutter die im Krankenhaus muss oder schon liegt, mal ist es ein anderes Familienmitglied dass entweder ins Spital muss oder dort liegt und mit dem Leben ringt, mal fühl sich der Student nicht wohl und muss ins Krankenhaus und wird natürlich vom besten Freund dahingefahren und mal ist jemand gestorben und sie müssen deswegen weg.

Heute kamen einige zu mir mit all diesen Gründen. Einer jedoch schoss den Vogel ab. Er kam in der ersten Stunde und meinte, dass sein Bruder in der Nacht einen Verkehrsunfall hatte und jetzt auf der Intensivstation liegt und er deswegen weg muss und ob ich ihn den ganzen Tag anwesend melden könnte.

„Kann ich nicht, setzt dich hin und sein ruhig!“

In der ersten Pause kam er wieder und zeigte mir Bilder von einem Verkehrsunfall und einem Schwerverletzten und meinte es sei sein Bruder. Ich schaute mir die Bilder in aller ruhe an und meinte:

„Sagtest du nicht vorhin, dass der Unfall in der Nacht passiert ist?“

„Ja.“

„Warum sehe ich hier überall Tageslicht? In der Nacht ist es doch dunkel, oder?“

Dann ist er sauer geworden, weil ich sein Spiel durchschaut habe und hat den ganzen Tag nur gestört. Irgendwann wurde es mir zu Bunt und ich holte die Sicherheitsmänner die ihm zum Direktor brachten.

Nach jeder Pause gibt es einige Studenten die unpünktlich sind und von den Sicherheitsmännern nicht rein gelassen werden. Dann kommen sie zum Fenster, klopfen und verlangen, dass ich sie anwesend melde. Ich rufe die Sicherheitsmänner um in Ruhe meinen Unterricht fortführen zu können.

Um 11:50 Uhr geht es in die wohlverdiente Mittagspause. Das Essen ist mal gut, mal schlecht, aber fast jeden Tag dasselbe. Zwei Salate zur Auswahl, Reis ohne irgendetwas, Reis mit Fleisch oder Soße, Hähnchen in jeder erdenklichen Weise, Frühlingsrollen, Suppe, Gemüsebrühe, Nachtisch, Obst, Jogurt, Fladenbrot und Erfrischungsgetränk. All das für einen Euro.

Da der Raum für uns Lehrer klein, muffig und kalt ist, sitze ich lieber draußen in einer sonnigen Ecke. Das Problem sind die Studenten die auch während der Pause nach der Anwesenheit fragen. Da spiele ich den Verrückten und erzähle ihnen Geschichten von Bienen und Blumen bis sie kopfschütteln weggehen.

Nach der Pause folgen noch drei Stunden Unterricht. Da gehen wir in eine andere Klasse und unterrichten die Studenten eines Kollegen. Da wir alle, Studenten wie Lehrer müde sind, hat keiner die Kraft das drei Stunden durchzuziehen. Da kam ein Lehrer auf den Gedanken Filme zu zeigen. Problem Nummer 1: Nicht jeder Raum ist mit einem Projektor ausgestattet. 2: es gibt keine Lautsprecher, so mussten wir selber welche kaufen. 3: Die Studenten bevorzugen es zu ratschen anstatt den Film anzuschauen und 4: Unser Projektmanager hat es aus einem beschissenen Grund verboten und jetzt müssen wir normalen Unterricht halten.

Gegen 14:30 Uhr kam ein Sturm auf und es regnete für ca. 15 Minuten sehr stark. Als die Studenten das Regenwasser plätschern hörten, rannten sie aus den Klassenräumen raus in den Regen. Sie tanzten und sangen und machten Fotos und waren sehr Glücklich. Ich hatte zwar davon gehört, dass die Araber den Regen lieben und im selbigen tanzen, sehe und erlebe es aber zum ersten Mal. Als der Spaß vorbei war, kamen sie wieder rein und meinten, dass sie jetzt nach Hause müssten weil sie klatschnass seien. So schickte ich mehr als die Hälfte nach Hause. Die andere Hälfte hat es zwar bereut nicht getanzt zu haben, aber ich habe mit ihnen ein Spiel gespielt bis die Zeit um war.

Da heute einer der Lehrer wegen Krankheit ausfiel, musste ich auch seine Klasse übernehmen.

Deswegen fiel ich tot ins Bett als ich nach Hause kam.

Jetzt wache ich vom tosenden Wind auf und schaue aus dem Fenster. Sandsturm. Ich betrachte das Spektakel eine Weile und gehe wieder ins Bett.

Morgen wird hoffentlich ein besserer Tag.


                                              Stürmisches Wetter.
                                Sandsturm, vom Fenster aus gesehen.




Dienstag, 20. Mai 2014

Mein Weg zur Arbeit

                                                               Mein Weg zur Arbeit.

                                Der klapprige Nissan Bus.

                                Die Nachbarschaft.

                                Die Straße vor der Residenz.

                                Eine Schule.


                               Links ein Wasserturm.


                                Wegweisend.

                                 Nächste Ausfahrt....      

                               Links geht's nach....

                                Nanu, was ist das?

                               Mohammed, unser Fahrer.

                               Die Türme links gehören NICHT zu irgendwelchen Ölfeldern.

                                In bau.


                                Eine der schönsten Moscheen der Stadt.

                                Wüste.


                                Die Kollegen.





                                In Reih und Glied. Waren hier Deutsche am Werk?



                                Hochzeitshalle.

                                Wüste.


                               Schöner als die Berliner Mauer.






                                Sandsturm.

Samstag, 17. Mai 2014

Teil 13

                                                             BlackBerry


                                                              WhiteBerry

                                                            WhatBerry



Nach dem Mittagessen sitze ich mit Dr. Suha im Empfangsbereich des Hauptgebäudes auf zwei äußerst bequemen schwarzen Ledersesseln und unterhalten uns. Links von uns sitzt ein Sicherheitsmann hinterm Tresen, ansonsten ist es ruhig. Von den Sesseln aus können wir durch den Glaseingang nach draußen sehen. Vom Sicherheitsmann kommt ein elektronisches Tuten, eines wie von einem Handy- oder Videospiel. Wahrscheinlich spielt der Sicherheitsmann gerade. Irgendwann verstummt das Geräusch und der Sicherheitsmann kommt mit seinem Handy zu uns.

In seinem sehr dürftigen Englisch versucht er nach einem Ladegerät für sein BlackBerry zu fragen. Er hält sein weißes Handy in der Hand und fragt mehr auf Arabisch als auf Englisch ob jemand von uns ein Ladegerät hat. Dr. Suha und ich schauen uns kurz an, lächeln uns zu und dann sagt Dr. Suha: Du meinst wohl für dein „WhiteBerry“!

„Ha“? fragt der Sicherheitsmann.

„Schau mal“, sage ich und nehme mein schwarzes BlackBerry aus der Tasche. „Das ist ein BlackBerry, was du hast ist ein ‚WhiteBerry’“.

„WhatBerry?“ sagt der Sicherheitsmann und wir kugeln uns vor lachen.

Freitag, 9. Mai 2014

Teil 12.2


Da ich heute allein unterwegs bin, nehme ich mir die Zeit mir alles ganz genau anzuschauen. Die zwei pakistanischen Kollegen waren beim ersten Spaziergang etwas flott unterwegs und warteten nicht auf mich als ich etwas fotografieren oder mir etwas genauer anschauen wollte.

Nach der Straße mit den stillvollen Straßenlaternen und den wartenden Männern, komme ich an zwei Schulen vorbei. Die Kollegen haben mir erzählt, dass es Schulen sind. Ich selber verstehe die Schilder nicht. Eine Buben- und eine Mädchenschule. Nicht ganz nebeneinander, aber ziemlich nah einander. Wie man auf dem Foto sehen kann, schaut die Schule eher wie ein Gefängnis, ein Ministerium oder eine Militäreinrichtung aus. Alles andere als eine Schule. Es gibt ein Pförtnerhäuschen und man muss eine Kontrolle passieren. Ganz wie beim Militär. Bei der Mädchenschule nebenan sind die Sicherheitsvorkehrungen noch schärfer. Dort kann man von draußen nicht rein sehen. Man hat als Mann keinen Zutritt, nicht mal als Vater. Nur Mütter und generell Frauen dürfen hinein.

Ein paar Ecken weiter kommt links eine sehr breite Straße. Es handelt sich um die Straße die quer durchs Zentrum verläuft. Ganz am Anfang ist sie extrem breit und wird von Bäumen, Grünstreifen und einer orangefarbenen Brücke geschmückt, danach wird sie etwas enger und von Geschäften gesäumt. Von den wenigen Leuten die unterwegs sind, sehe ich keinen über die Brücke gehen. Als ich die Treppe hinaufsteige schauen mir zwei Menschen interessiert zu. Als ich oben ankomme, sehe ich wie die Brücke ein bisschen zugemüllt ist. Wahrscheinlich benutzt sie wirklich keiner. Ich mache jedenfalls ein paar Fotos von dort oben.

Es geht weiter ins Zentrum hinein. Ich komme an verschiedenen Geschäfte vorbei. Ein paar Cafés, ein paar Friseurläden, Fast-Food-Läden, einer Baustelle an der schon die Reklame des Fitnessstudios hängt, das da mal eröffnen soll, viele Parfümläden, Männerbekleidungsgeschäfte, Uhren- und (Sonnen-)Brillengeschäften, das Restaurant Safa in das ich wieder hineingehe.

Das Personal grüßt freundlich und ich grüße zurück. Das Bestellen dauert heute etwas länger und ist mühsamer – die zwei Pakistanischen Kollegen können zumindest ein paar Brocken Arabisch, ich noch nichts. Na ja, mit Händen und Füßen verständigen wir uns schließlich und ich bekomme das was ich haben möchte. Da gehe ich rüber zum Teemeister, schaue ihm wieder bei der Zubereitung zu und trinke einen Becher mit ihm. Danach gehe ich mir die Hände waschen ehe ich mich an einem der Tische setze um zu essen. In diesen Breitengraden isst man generell mit den Händen. Besteck gibt es kaum. Wenn man danach fragt, kriegt man welches aus Plastik. Deswegen gibt es überall einen Waschraum mit warmen Wasser, Seife und Papierhandtücher oder Trockner.

Ich esse gemütlich und schaue dem Treiben zu. So langsam füllt sich der Laden. Als ich mit dem Essen fast fertig bin, kommen vier Frauen ins Restaurant. Das verblüfft mich jetzt aber. Warum? Ist doch normal, oder nicht? Eher nicht. Nun ja, wie soll ich das erklären? Es ist so als ob in Bayern wo strengstes Rauchverbot gilt, auf einmal vier Raucher in einen Laden rein marschieren, sich breit machen und anfangen zu paffen, womöglich Selbstgedrehte! Ja Kruzifix dua!

Da in Saudi sich die Geschlechter nicht vermischen, gibt es alles doppelt (Schulen, Universitäten, etc). Oder unterschiedliche Räume, wie in Bayern, Raucher und Nichtraucher. Hier sind es Männer und Familien. In den Moscheen, in den Restaurants, Banken, etc. gibt es überall einen separaten Eingang für Familien. Manchmal gibt es nur einen Eingang, aber drinnen gibt es unterschiedliche Räume. Darüber hinaus gibt es Bankfilialen nur für Frauen und eben Restaurants und Cafés die nur von Männern frequentiert werden. So eines dachte ich wäre auch das Safa Restaurant.

Die Frauen gehen zur Theke und bestellen und unterhalten sich ganz natürlich mit dem Angestellten und setzen sich danach an einem Tisch beim Fenster. Keiner scheint sich für sie zu interessieren, keiner schaut zu denen herüber und keiner macht irgendwelche Anstalten sie zu vertreiben als sie den Schleier runter nehmen um zu essen.

Bevor ich nach Saudi kam, las ich in diversen Blogs, Berichten und Büchern, dass in so einer Situation die Männer einen Aufstand machen würden. Gott sei Dank passiert hier nichts.

Ich nehme den Seitenausgang und gehe nach draußen. Dann lasse ich mich durch die Straßen treiben und schaue mir die Gebäude an. Ab und zu fotografiere ich eines. Ein paar Kinder bleiben stehen und schauen mich an. Als ich zurückschaue und denen zulächle rennen sie lachend davon. Es gibt keine hohen Gebäude. Maximal zwei Stockwerke, aber was mir auffällt ist das Alter und der Zustand der Häuser. Ein wenig schäbig und heruntergekommen schauen die aus. Ich komme an der Mobiltelefonstraße vorbei, dann geht es durch die Männerbekleidungsstraße, usw. Irgendwann wechsle ich die Seitenstraße der Hauptverkehrsstraße die durchs Zentrum führt und sehe noch mehr Geschäfte und Restaurants. Als ich irgendwo abbiege ändert sich das Bild. Auf einmal gibt es Paare und Familien und Geschäfte mit Kindersachen, Spielzeug, Frauenkleidung, etc. Auch die Straßen sind in einem besseren Zustand und generell sieht alles schöner aus. Dann komme ich an einem Platz vorbei. Der ist ganz Fußgängerzone (wahrscheinlich die einzige in der Stadt) mit Bäumen und Bänken beschmückt. Die Vitrine eines Parfümladens zieht mich magisch an und ich verliere mich im schier unendlichen Angebot an Parfüms. Als ich mich umdrehe sehe ich ein paar Meter weiter eine Gruppe von Frauen auf einer Parkbank sitzen die zu mir her schauen und kichern.

Ich marschiere über dem Platz und komme wieder zur Hauptstraße. Kaum dort, hält ein Auto vor mir. Eines der Fenster geht runter und einer der jungen Männer ruft: „Hey teacher! Wohin gehst du?“

„Nach Hause“ sage ich.

„Komm, steig ein, wir fahren dich!“

Die Studenten kommen wie gerufen. Ich bin jetzt mehrere Stunden unterwegs und bräuchte von hier aus noch ca. eine Stunde Fußmarsch. So steige ich gerne in dem Mercedes ML und lasse mich nach Hause kutschieren.

Im Auto werden Bilder von mir mit denen gemacht und ich ausgefragt wo ich denn war und was ich gesehen habe und ob es mir gefallen hat. Nicht mal zwei Tage später weiß jeder am Polytechnikum über alles Bescheid und die Bilder schmücken sämtliche Handys und haben auf Instagram die Runde gemacht.

Bilder dazu gibt es hier: (öffnet im neuen Fenster)

Ar'ar Bilder Teil 6

                                (Oben) Schule

                                (Unten) Hauptstraße durchs Zentrum

                                         Wohnhäuser im Zentrum


                                          Orange Gate Bridge

                                          Blick von der Brücke


                                                       Orange Gate Bridge

                                          Noch 79 Sekunden bis es grün wird
 
                                           Stoppschild

                                         Blue Gate Bridge
 
                                         Wohnhaus mit Geschäften im Erdgeschoß
 
                                          Mobiltelefonstraße

                                          Downtown Ar'ar, Nebenstraße
 
                                          Alles zu während der Betenszeit

                                         Downtown Ar'ar, Nebenstraße

                                         Hauptstraße durchs Zentrum während der Betenszeit

                                          Hauptstraße durchs Zentrum während der Betenszeit

                                         Downtown Ar'ar, Nebenstraße