Plötzlich reiße ich die Augen auf, weil ich ein unheimliches
Geräusch höre. Zuerst habe ich es im Unterbewusstsein gehört und viele komische
Sachen geträumt, doch dann, als ich gemerkt habe, dass das Geräusch echt und
nicht geträumt ist, war’s hin mit dem Nachmittagsschlaf.
Es war ein langer und anstrengender Arbeitstag. Irgendwann
im Morgengrauen steigt der Muezzin auf sein Minarett um die Gläubigen zum Gebet
zu rufen und ein wenig später hört man die Stimme des Imam. Mittlerweile habe
ich mich daran gewöhnt und wache nicht mehr auf. Dennoch stehe ich um kurz vor
sechs auf. Teils weil es bitterkalt ist – in der Wüste fällt die Temperatur in
der Nacht rapide ab, und da es hier keine Öl- oder Gasheizung gibt, stattdessen
aber mit einer Klimaanlage die höllischen Lärm macht geheizt wird und ich
lieber darauf verzichte als mir den Lärm anzutun und teils wegen dem
Sonnenlicht, das aufgrund fehlender Vorhänge durchs Fenster scheint.
Um 7.30 Uhr steigen wir in den klapprigen Nissanbus ein und
knapp eine Viertelstunde Später kommen wir in der Arbeit an. Nach dem Teemachen
folgen vier Stunden Unterricht. Unterbrochen von zehnminütigen Pausen. Der
Unterricht ist sehr fordernd, weil viele Studenten in der ersten Stunde fehlen
und man das Gemachte in der zweiten Stunde wiederholen muss, weil sie sonst
nicht mitkommen. Manche nehmen Teil, andere eher nicht. Von den Letzteren gibt
es zwei Gruppen: die einen die ruhig und passiv dasitzen und den anderen die
den Unterricht stören. Eines jedoch haben alle gemeinsam. Sie wollen auf der
Anwesenheitsliste präsent sein, denn bei mehr als 30 Fehlstunden fallen sie
durch. Deswegen kommen sie jede Stunde nicht nur zu mir, aber zu allen
Lehrkräften und wollen sehen ob sie an- oder abwesend sind. Wenn sie abwesend
sind wird man nicht in Ruhe gelassen. Sie rennen einen hinterher und wollen,
dass wir die Abwesenheit zu einer Anwesenheit machen. Bei mir beißen sie auf
Granit. Noch konsequenter geht ein bengalischer Kollege vor. Wenn er den
Klassenraum betritt, schließt er die Tür hinter sich und ruft die Namen auf.
Wer nicht da ist hat Pech gehabt. Er lässt nicht mit sich reden und alle
Studenten hassen und fürchten ihn. Ich verehre ihn.
Wenn die Studis nach Hause wollen, weil sie keinen Bock mehr
haben, kommen sie zu dir mit allen möglichen Ausreden um nach Hause gelassen zu
werden – ohne Abwesenheit versteht sich. Mal ist es die Mutter die im
Krankenhaus muss oder schon liegt, mal ist es ein anderes Familienmitglied dass
entweder ins Spital muss oder dort liegt und mit dem Leben ringt, mal fühl sich
der Student nicht wohl und muss ins Krankenhaus und wird natürlich vom besten
Freund dahingefahren und mal ist jemand gestorben und sie müssen deswegen weg.
Heute kamen einige zu mir mit all diesen Gründen. Einer
jedoch schoss den Vogel ab. Er kam in der ersten Stunde und meinte, dass sein
Bruder in der Nacht einen Verkehrsunfall hatte und jetzt auf der
Intensivstation liegt und er deswegen weg muss und ob ich ihn den ganzen Tag
anwesend melden könnte.
„Kann ich nicht, setzt dich hin und sein ruhig!“
In der ersten Pause kam er wieder und zeigte mir Bilder von
einem Verkehrsunfall und einem Schwerverletzten und meinte es sei sein Bruder.
Ich schaute mir die Bilder in aller ruhe an und meinte:
„Sagtest du nicht vorhin, dass der Unfall in der Nacht
passiert ist?“
„Ja.“
„Warum sehe ich hier überall Tageslicht? In der Nacht ist es
doch dunkel, oder?“
Dann ist er sauer geworden, weil ich sein Spiel durchschaut
habe und hat den ganzen Tag nur gestört. Irgendwann wurde es mir zu Bunt und ich
holte die Sicherheitsmänner die ihm zum Direktor brachten.
Nach jeder Pause gibt es einige Studenten die unpünktlich
sind und von den Sicherheitsmännern nicht rein gelassen werden. Dann kommen sie
zum Fenster, klopfen und verlangen, dass ich sie anwesend melde. Ich rufe die
Sicherheitsmänner um in Ruhe meinen Unterricht fortführen zu können.
Um 11:50 Uhr geht es in die wohlverdiente Mittagspause. Das
Essen ist mal gut, mal schlecht, aber fast jeden Tag dasselbe. Zwei Salate zur
Auswahl, Reis ohne irgendetwas, Reis mit Fleisch oder Soße, Hähnchen in jeder
erdenklichen Weise, Frühlingsrollen, Suppe, Gemüsebrühe, Nachtisch, Obst,
Jogurt, Fladenbrot und Erfrischungsgetränk. All das für einen Euro.
Da der Raum für uns Lehrer klein, muffig und kalt ist, sitze
ich lieber draußen in einer sonnigen Ecke. Das Problem sind die Studenten die
auch während der Pause nach der Anwesenheit fragen. Da spiele ich den
Verrückten und erzähle ihnen Geschichten von Bienen und Blumen bis sie
kopfschütteln weggehen.
Nach der Pause folgen noch drei Stunden Unterricht. Da gehen
wir in eine andere Klasse und unterrichten die Studenten eines Kollegen. Da wir
alle, Studenten wie Lehrer müde sind, hat keiner die Kraft das drei Stunden
durchzuziehen. Da kam ein Lehrer auf den Gedanken Filme zu zeigen. Problem
Nummer 1: Nicht jeder Raum ist mit einem Projektor ausgestattet. 2: es gibt
keine Lautsprecher, so mussten wir selber welche kaufen. 3: Die Studenten
bevorzugen es zu ratschen anstatt den Film anzuschauen und 4: Unser Projektmanager
hat es aus einem beschissenen Grund verboten und jetzt müssen wir normalen
Unterricht halten.
Gegen 14:30 Uhr kam ein Sturm auf und es regnete für ca. 15
Minuten sehr stark. Als die Studenten das Regenwasser plätschern hörten,
rannten sie aus den Klassenräumen raus in den Regen. Sie tanzten und sangen und
machten Fotos und waren sehr Glücklich. Ich hatte zwar davon gehört, dass die
Araber den Regen lieben und im selbigen tanzen, sehe und erlebe es aber zum
ersten Mal. Als der Spaß vorbei war, kamen sie wieder rein und meinten, dass
sie jetzt nach Hause müssten weil sie klatschnass seien. So schickte ich mehr
als die Hälfte nach Hause. Die andere Hälfte hat es zwar bereut nicht getanzt
zu haben, aber ich habe mit ihnen ein Spiel gespielt bis die Zeit um war.
Da heute einer der Lehrer wegen Krankheit ausfiel, musste
ich auch seine Klasse übernehmen.
Deswegen fiel ich tot ins Bett als ich nach Hause kam.
Jetzt wache ich vom tosenden Wind auf und schaue aus dem
Fenster. Sandsturm. Ich betrachte das Spektakel eine Weile und gehe wieder ins
Bett.
Morgen wird hoffentlich ein besserer Tag.
Sandsturm, vom Fenster aus gesehen.








