Freitag, 9. Mai 2014

Teil 12.2


Da ich heute allein unterwegs bin, nehme ich mir die Zeit mir alles ganz genau anzuschauen. Die zwei pakistanischen Kollegen waren beim ersten Spaziergang etwas flott unterwegs und warteten nicht auf mich als ich etwas fotografieren oder mir etwas genauer anschauen wollte.

Nach der Straße mit den stillvollen Straßenlaternen und den wartenden Männern, komme ich an zwei Schulen vorbei. Die Kollegen haben mir erzählt, dass es Schulen sind. Ich selber verstehe die Schilder nicht. Eine Buben- und eine Mädchenschule. Nicht ganz nebeneinander, aber ziemlich nah einander. Wie man auf dem Foto sehen kann, schaut die Schule eher wie ein Gefängnis, ein Ministerium oder eine Militäreinrichtung aus. Alles andere als eine Schule. Es gibt ein Pförtnerhäuschen und man muss eine Kontrolle passieren. Ganz wie beim Militär. Bei der Mädchenschule nebenan sind die Sicherheitsvorkehrungen noch schärfer. Dort kann man von draußen nicht rein sehen. Man hat als Mann keinen Zutritt, nicht mal als Vater. Nur Mütter und generell Frauen dürfen hinein.

Ein paar Ecken weiter kommt links eine sehr breite Straße. Es handelt sich um die Straße die quer durchs Zentrum verläuft. Ganz am Anfang ist sie extrem breit und wird von Bäumen, Grünstreifen und einer orangefarbenen Brücke geschmückt, danach wird sie etwas enger und von Geschäften gesäumt. Von den wenigen Leuten die unterwegs sind, sehe ich keinen über die Brücke gehen. Als ich die Treppe hinaufsteige schauen mir zwei Menschen interessiert zu. Als ich oben ankomme, sehe ich wie die Brücke ein bisschen zugemüllt ist. Wahrscheinlich benutzt sie wirklich keiner. Ich mache jedenfalls ein paar Fotos von dort oben.

Es geht weiter ins Zentrum hinein. Ich komme an verschiedenen Geschäfte vorbei. Ein paar Cafés, ein paar Friseurläden, Fast-Food-Läden, einer Baustelle an der schon die Reklame des Fitnessstudios hängt, das da mal eröffnen soll, viele Parfümläden, Männerbekleidungsgeschäfte, Uhren- und (Sonnen-)Brillengeschäften, das Restaurant Safa in das ich wieder hineingehe.

Das Personal grüßt freundlich und ich grüße zurück. Das Bestellen dauert heute etwas länger und ist mühsamer – die zwei Pakistanischen Kollegen können zumindest ein paar Brocken Arabisch, ich noch nichts. Na ja, mit Händen und Füßen verständigen wir uns schließlich und ich bekomme das was ich haben möchte. Da gehe ich rüber zum Teemeister, schaue ihm wieder bei der Zubereitung zu und trinke einen Becher mit ihm. Danach gehe ich mir die Hände waschen ehe ich mich an einem der Tische setze um zu essen. In diesen Breitengraden isst man generell mit den Händen. Besteck gibt es kaum. Wenn man danach fragt, kriegt man welches aus Plastik. Deswegen gibt es überall einen Waschraum mit warmen Wasser, Seife und Papierhandtücher oder Trockner.

Ich esse gemütlich und schaue dem Treiben zu. So langsam füllt sich der Laden. Als ich mit dem Essen fast fertig bin, kommen vier Frauen ins Restaurant. Das verblüfft mich jetzt aber. Warum? Ist doch normal, oder nicht? Eher nicht. Nun ja, wie soll ich das erklären? Es ist so als ob in Bayern wo strengstes Rauchverbot gilt, auf einmal vier Raucher in einen Laden rein marschieren, sich breit machen und anfangen zu paffen, womöglich Selbstgedrehte! Ja Kruzifix dua!

Da in Saudi sich die Geschlechter nicht vermischen, gibt es alles doppelt (Schulen, Universitäten, etc). Oder unterschiedliche Räume, wie in Bayern, Raucher und Nichtraucher. Hier sind es Männer und Familien. In den Moscheen, in den Restaurants, Banken, etc. gibt es überall einen separaten Eingang für Familien. Manchmal gibt es nur einen Eingang, aber drinnen gibt es unterschiedliche Räume. Darüber hinaus gibt es Bankfilialen nur für Frauen und eben Restaurants und Cafés die nur von Männern frequentiert werden. So eines dachte ich wäre auch das Safa Restaurant.

Die Frauen gehen zur Theke und bestellen und unterhalten sich ganz natürlich mit dem Angestellten und setzen sich danach an einem Tisch beim Fenster. Keiner scheint sich für sie zu interessieren, keiner schaut zu denen herüber und keiner macht irgendwelche Anstalten sie zu vertreiben als sie den Schleier runter nehmen um zu essen.

Bevor ich nach Saudi kam, las ich in diversen Blogs, Berichten und Büchern, dass in so einer Situation die Männer einen Aufstand machen würden. Gott sei Dank passiert hier nichts.

Ich nehme den Seitenausgang und gehe nach draußen. Dann lasse ich mich durch die Straßen treiben und schaue mir die Gebäude an. Ab und zu fotografiere ich eines. Ein paar Kinder bleiben stehen und schauen mich an. Als ich zurückschaue und denen zulächle rennen sie lachend davon. Es gibt keine hohen Gebäude. Maximal zwei Stockwerke, aber was mir auffällt ist das Alter und der Zustand der Häuser. Ein wenig schäbig und heruntergekommen schauen die aus. Ich komme an der Mobiltelefonstraße vorbei, dann geht es durch die Männerbekleidungsstraße, usw. Irgendwann wechsle ich die Seitenstraße der Hauptverkehrsstraße die durchs Zentrum führt und sehe noch mehr Geschäfte und Restaurants. Als ich irgendwo abbiege ändert sich das Bild. Auf einmal gibt es Paare und Familien und Geschäfte mit Kindersachen, Spielzeug, Frauenkleidung, etc. Auch die Straßen sind in einem besseren Zustand und generell sieht alles schöner aus. Dann komme ich an einem Platz vorbei. Der ist ganz Fußgängerzone (wahrscheinlich die einzige in der Stadt) mit Bäumen und Bänken beschmückt. Die Vitrine eines Parfümladens zieht mich magisch an und ich verliere mich im schier unendlichen Angebot an Parfüms. Als ich mich umdrehe sehe ich ein paar Meter weiter eine Gruppe von Frauen auf einer Parkbank sitzen die zu mir her schauen und kichern.

Ich marschiere über dem Platz und komme wieder zur Hauptstraße. Kaum dort, hält ein Auto vor mir. Eines der Fenster geht runter und einer der jungen Männer ruft: „Hey teacher! Wohin gehst du?“

„Nach Hause“ sage ich.

„Komm, steig ein, wir fahren dich!“

Die Studenten kommen wie gerufen. Ich bin jetzt mehrere Stunden unterwegs und bräuchte von hier aus noch ca. eine Stunde Fußmarsch. So steige ich gerne in dem Mercedes ML und lasse mich nach Hause kutschieren.

Im Auto werden Bilder von mir mit denen gemacht und ich ausgefragt wo ich denn war und was ich gesehen habe und ob es mir gefallen hat. Nicht mal zwei Tage später weiß jeder am Polytechnikum über alles Bescheid und die Bilder schmücken sämtliche Handys und haben auf Instagram die Runde gemacht.

Bilder dazu gibt es hier: (öffnet im neuen Fenster)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen