Trip nach Sakaka
Vorletzter Tag vor den Ferien und unseres
Arbeitsverhältnisses. Da ´Ar´ar einen kleinen Flughafen hat mit zwei Flügen
täglich nach Riad und einem nach Jeddah und von kleinen Flugzeugen angeflogen
wird, gab es für keinen von uns eine Möglichkeit von ´Ar´ar aus zu fliegen.
Mein ägyptischer Kollege hat deswegen einen Flug von Sakaka aus nach Jeddah
gebucht. Bloß, wie kommt man nach Sakaka? Die Stadt ist 150 Km entfernt und die
Busverbindungen sind nicht gerade gut.
Deswegen hat er einen der Sicherheitsmänner gefragt ob er
ihn fahren könnte.
Mittwochnachmittag stehen wir alle vor der Tür unserer
Residenz und verabschieden uns. Ziemlich viele Leute sind da. Da ich und einer
der drei bengalischen Kollegen mitfahren, frage ich wer denn unser Fahrer ist.
Auf einmal springt ein kleiner, dürrer Araber ins Bild, mit Thobe aber keiner
Kopfbedeckung und zappelt sich durch die Menge. Um Gottes willen! Denke ich
mir, das kann ja heiter werden!
Wir steigen ins Auto, Ägypter vorne, wir beide hinten und los
geht die Fahrt. Schon vor unserer Residenz startet der Fahrer mit
durchdrehenden Reifen und ich wünsche mir wieder auszusteigen. Das gleiche
denkt auch der Bengale. Wir schnallen uns an und halten uns an den Griffen
fest. In der ersten Linkskurve spüren wir die Fliehkräfte der Natur. Der Fahrer
rast über die Stadtautobahn und nimmt die Ausfahrt im letzten Augenblick und
schneidet ein paar andere Autos. Von ganz links auf einmal ganz rechts quer
über drei Fahrspuren um die Ausfahrt zu nehmen, ist nicht was wir in der Fahrschule
lernen.
Der Fahrer bremst notgedrungen am Checkpoint den wir
passieren müssen. Da es meine erste Fahrt außerhalb der Stadt ist, wird mir
erklärt, dass es an den Ein- und Ausfahrten der Städte, Checkpoints gibt, an
denen man, falls man angehalten wird, seinen Ausweis zeigen muss. Wir werden
durchgewunken. Dann geht es rasant über die Autobahn. Der Fahrer fährt mit 160
Km/h, mehr gibt der KIA nicht her, spricht die ganze Zeit mit dem Ägypter,
gestikuliert wie wild und anstatt auf die Straße zu schauen, schaut er den
Ägypter an.
Die Autobahn ist zu meinem Erstaunen gut ausgebaut. Zwei
Fahrspuren in jede Richtung, ein Streifen mit Wüstensand dazwischen. Um uns
herum Wüste. Da es kurz vor 19 Uhr ist und die Sonne gerade untergeht, ist es ein
farbenprächtiges Spektakel. Ich schaue aus dem Fenster und genieße die Aussicht
und kann gar nicht genug davon bekommen. Es ist eigenartig, obwohl es nichts
außer Sand und Erde zu sehen gibt, finde ich die Szenerie faszinierend. Die
Araber sagen immer zu mir: Wenn du mal in der Wüste stehst, hast du das Gefühl,
Herrscher der Welt zu sein. Diese weite, unendliche Leere ist wirklich unbeschreiblich.
Dann drehe ich mich um, um den Bengalen etwas zu fragen. Er
jedoch betet grad und ich muss deshalb warten.
„Woher weißt du wo Mekka liegt?“ frage ich ihm.
„Mein Handy hat es mir gezeigt“ erwidert er und zeigt mir
eine App mit Kompass. Die habe ich auch! Ich rate jedem Westler sich so eine
Anwendung herunterzuladen, denn so hat man einen Überblick über die Betenszeiten
und steht nicht vor verschlossenen (Supermarkt) Türen. Außerdem muss man
wissen, dass es Zeitunterschiede von Ort zu Ort gibt. Deswegen sollte die App
immer aktualisiert werden, wenn man den Ort wechselt.
Als der bengalische Kollege mit dem Beten fertig ist,
beraten wir uns ob wir den Fahrer bitten sollten etwas langsamer zu fahren. Wir
tun es. Der Ägypter übersetzt, aber der Fahrer gibt weiterhin Gas und fährt
teilweise freihändig. Sollen wir jetzt ausflippen und ihn anschreien?
Wir kommen durch ein paar kleinere Ortschaften und sehen
einen überdimensionalen Laptop der als Werbetafel dient, diverse Kunstwerke die
es im Land überall gibt und Neonlichter mit den Konterfeis des Königs und ein
paar anderen Königshausmitgliedern.
Irgendwann kommen wir am Flughafen an, verabschieden uns vom
Kollegen und wollen wieder ins Auto steigen. Beide von uns wollen hinten
sitzen. Der Fahrer ist jedoch anderer Meinung. Es ist gegen seine Ehre und
bittet einen von uns vorne Platz zu nehmen. Eigentlich möchte er den Bengalen
auf dem Beifahrersitz, weil er ein wenig Arabisch kann. Da es sich aber weigert,
nehme ich widerwillig vorne Platz um den Fahrer nicht zu kränken.
Zurück geht es genauso rasant. Als der bengalische Kollege
mit seinen wenigen Arabischkenntnissen den Fahrer bittet langsamer zu fahren,
lacht er nur und fährt noch ein wenig schneller. Wenige Kilometer vom Flughafen
entfernt, gibt es eine Polizeikontrolle. Wir müssen rechts ran und der Fahrer
muss zum Beamten. Ich sehe vom Auto aus wie er vorm Beamten zappelt, wild
gestikuliert und Gott weiß was er dem Beamten sagt. Irgendwann kommt er zurück
mit einem Papier in der Hand. Vom wenigen Arabisch das wir können und verstehen,
verstehen wir, dass es irgendwo einen Blitzer gab und er mit 152 statt den
erlaubten 120 Km/h geblitzt wurde und jetzt 500 Rial (ca. 100 Euro) Strafe
zahlen muss. Außerdem hat ihm der Beamte erzählt, er soll uns nach Hause fahren
und wieder umkehren. Den Grund konnten wir nicht verstehen. So gut sind unsere
Sprachkenntnisse noch nicht.
Wie verhält man sich in so einem Fall, wenn man gerade
geblitzt wurde und eine saftige Strafe bezahlen muss? Fährt man da nicht
langsamer und ruhiger? Nicht so unser Fahrer. Da er außer sich ist, ruft er
während der Fahrt seinen Chef an und erklärt ihm die Lage. Nicht gerade gut
wenn man mit 150 Km/h durch die Nacht brettert und in der anderen Hand eine
Kippe hält. Dem Bengalen und mir kommt die Situation irrwitzig vor und fangen
zu lachen an. Das gefällt dem Fahrer nicht und schreit die wahrscheinlich einzigen
Wörter die er auf Englisch kennt: „Shut up! Shut up!“ Wir kichern trotzdem
weiter.
Als wir in einer Stadt ankommen, rast er durch den Verkehr
wie in einem Videospiel, mal links, mal rechts, bremst abrupt, nimmt die Kurve
mit Karacho, etc. Als er eine Polizeistreife sieht, bremst er und fährt
rückwärts. Der von hinten kommende Verkehr scheint ihm nicht zu interessieren.
Er steigt aus, geht zur Streife, redet kurz mit den Beamten, kommt zurück und
sagt, dass er nicht wieder zurück muss. Das wieso, haben wir wieder nicht
verstanden. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir vom Weg abgekommen sind.
Kurze Zeit später merkt das auch der Fahrer, als wir durch eine Baustelle
fahren und plötzlich uns mitten im Nichts befinden. Zwei Minuten oder so später
kommt uns in der Dunkelheit ein Auto entgegen. Der Fahrer hupt, bremst und
fährt rückwärts. Das andere Auto hat die Lage erkannt und bleibt stehen. Die
beiden Fahrer reden über die Fenster und dann dürfen wir dem Anderen
hinterherfahren. Fünf Minuten später sind wir auf dem richtigen Weg.
Kaum auf der Autobahn, wird wieder 160 Km/h gefahren und wie
blöd überholt. Er telefoniert immer noch mit der einen Hand, hält wieder eine
Kippe in der anderen Hand und lenkt mit den Beinen. Der Kollege und ich beraten
ob wir ausflippen und ihn anschreien sollen. Lassen es aber sein. Ich drehe
mich stattdessen zur Seite und will schlafen um nichts von der Fahrt
mitzubekommen. Kaum eingenickt, verlangt er nach seinem iPad das auf der
Rückbank ist. Der Kollege verweigert es ihm, aber da wird der Fahrer böse. Wir
kapieren, dass er nicht damit spielen, sondern das Navi einschalten möchte. Er
schaltet es ein und drückt mir das iPad in die Hand. Ich drehe mich zum Fenster
hin und schlafe ein. Gelegentlich höre ich die arabische Stimme des Navis. Auch
mein Kollege schläft und wir merken wie der Fahrer ruhiger fährt. Der Trick hat
geklappt!
Als wie in ´Ar´ar ankommen, müssen wir den Checkpoint
passieren. Wir werden angehalten. Der Fahrer will aber schnell weiter und
erzählt dem Beamten, dass wir Professoren sind und bei Ma’aden arbeiten. Das
juckt dem Beamten nicht und verlangt nach den Pässen. Der Fahrer zeigt seinen
Ausweis und ich gebe meinen Pass. Der Bengale fuchtelt von hinten mit seinem.
Ich sage ihm er solle mal warten, denn wir werden sicher durch gewunken. Der
Beamte schaut sich den Pass von außen an, merkt, dass es ein europäischer ist,
fragt woher ich komme und als ich es ihm sage, wiederholt er: Yunan? Und
lächelt breit. Er reicht mir den Pass zurück und wir dürfen passieren.
Ein paar Minuten später kommen wir an und als wir im Gebäude
sind, können wir uns vor Lachen nicht mehr beruhigen. So irrwitzig und surreal
war die Fahrt.



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