Teil 4
Irgendwann mache ich die Augen auf, weil draußen auf dem
Gang einer eine Tür ins Schloss haut und sie einen sehr großen Lärm macht. Da
es im Zimmer stockdunkel ist, weiß ich nicht ob es Tag oder Nacht ist. Greife
nach meinem iPad um nach der Zeit zu schauen. Es ist schon Vormittag, aber ich
fühle mich immer noch müde. Die Bilder der Reise und des ersten Tages in
Arabien schwirren vor meinem geistigen Auge und ich schlafe wieder ein.
Anes meinte, dass es am Freitag sinnlos ist früh raus zu
fahren, weil vor 16 Uhr alles dicht ist. Freitag ist in der Islamischen Welt
was der Sonntag für uns Christen ist, der Tag des Betens. An jedem anderen Tag,
aber auch am Freitag wird fünf Mal am Tag gebetet. Dafür geht man jedes Mal in
eine nahe Moschee für ca. eine Viertelstunde. Am Freitag jedoch verbringt man
den größten Teil des Vormittags in der Moschee und kommt so gegen 14 Uhr raus.
Dann geht’s nach Hause zum Essen und erst danach beginnt das Leben bis spät in
die Nacht. Bis vor kurzem war das Wochenende in der Islamischen Welt Donnerstag
und Freitag, wurde aber auf Freitag und Samstag verschoben um einen Tag mehr
zur Verfügung zu haben um mit der westlichen Welt Handel zu betreiben und um
Geldtransfers schneller zu machen. Die Läden jedoch sind in Saudi Arabien jeden
Tag geöffnet, auch am Freitag, was technisch ein Sonntag ist. Bei uns gehen die
Gewerkschaften auf die Barrikaden deswegen. Die Ladensöffnungszeiten hier sind
extrem lang. Von irgendwann in der Früh, kommt auf die Art des Geschäfts an,
bis um 23 Uhr. Geschlossen wird nur zur Betenszeit. Banken öffnen sogar auch am
Samstag.
Deswegen mache ich mir keine Sorgen und schlafe selig
weiter. Irgendwann fängt auch der Muezzin an die Leute zum Gebet, also zur
Moschee zu rufen und eine Viertelstunde später hört man die Stimme des Imam.
Vor jeder Betenszeit ruft der Muezzin die Gläubigen vom Minarett zu und ca.
eine Viertelstunde später fängt der Imam mit seiner Predigt an. Dauert meistens
ca. 15 Minuten. Außer freitags, da dauert es Stunden. Jede Moschee ist mit
einer Anlage ausgestattet auf die Musikgruppen neidisch werden könnten. So
kriegt die nähere Umgebung die Predigt mit.
Als die berauschende Predigt zu ende geht, wache ich auf.
Taste nach dem Lichtschalter überm Bett und stehe auf. Erst jetzt bemerke ich
den Aufkleber (Fotogalerie Riad) über dem Fernseher. Irgendwann habe ich mal
gelesen, dass die Muslime in Richtung Mekka beten und damit die Gläubigen
wissen wo Mekka sich befindet gibt es solche Aufkleber. Bei BMW, bei einer
Werksführung und bei Siemens wo ich mal gearbeitet habe, habe ich ähnliche
Aufkleber gesehen.
Ich gehe nach unten zum Frühstücken und danach vor die Tür.
Der Empfangsherr folgt mir und versucht sein Englisch aufzufrischen. Wir
stellen uns gegenseitig Fragen während er eine raucht. Gegenüber dasselbe Bild
wie am Tag davor. Leute die joggen, Leute die Spazierengehen, darunter viele
Frauen. Die Luft ist klar und erfrischend kühl und trocken. Warum ist sie so
trocken, frage ich? Durch die Wüste gibt es so gut wie keine Luftfeuchtigkeit,
sagt er. Ich merke an meiner Hand, an der die Haut anfängt rissig zu werden.
Der Empfangsherr zaubert eine Handcreme aus seiner Tasche und reicht sie mir.
Ich frage nach einer Bank oder Geldautomaten, aber die Gegend hier ist noch neu
und es gibt weder das eine, noch das andere. Mist. Muss ich später Anes sagen,
dass ich Geld brauche.
Ich gehe ein wenig spazieren in den Straßen des Wohngebietes
und merke, dass a) die Straßen sehr breit sind, b) es keine Bürgersteige gibt,
c) die Häuser meistens nicht über den ersten Stock hinaus-, dafür ziemlich in
die Breite gehen und rundherum eine Mauer haben und d) vor der Tür lauter
Luxusautos parken, viele von denen sind nicht mal verschlossen. Außerdem habe
ich bemerkt, dass die Fenster klein sind und es keine Balkone gibt.
Als ich mich wieder verlaufe treffe ich auf dieselben Kinder
wie am Tag davor. „Yunani!“ rufen die. Gott sei dank! Ich zücke wieder mit der
Visitenkarte des Hotels und sie bringen mich wieder zurück.
Kurze Zeit später ist Anes da. Auf dem Beifahrersitz sitzt
seine Frau – voll verschleiert. Was mich wundert. Ich hatte nicht damit
gerechnet, dass er sie mitbringt und habe nicht erwartet, dass sie voll
verschleiert wäre. Wir fahren zum Kingdom Tower, einen überdimensionalen
Flaschenöffner, wahrscheinlich der berühmteste der Welt. Anes möchte uns den
Sonnenuntergang von oben zeigen. Leider wird es nicht dazu kommen. Wir sind ein
wenig spät dran, kommen in einem Stau rein, finden dann im Parkhaus (parken
umsonst!) schwer einen Parkplatz und als wir endlich im Gebäude, im
Einkaufszentrum sind, ist Betenszeit.
Wir schlendern herum um die Zeit tot zu schlagen. Ich schaue
mich ganz genau um und löchre Anes mit Fragen. Er antwortet ganz brav. Wieder
stimmt vieles nicht, was ich vorher gelesen habe. Eines davon ist, dass wenn
man sich in einem Laden befindet, man einfach nicht bedient wird, weil alle auf
dem Boden fallen um zu beten. Schwachsinn! Wenn der Muezzin ruft, werden alle
Leute die an den Kassen stehen schnell bedient und der Rest wird gebeten das
Geschäft zu verlassen. Da man aber weiß, wann Betenszeit ist, wartet man nicht
bis der Muezzin ruft, sondern macht eine Durchsage und bietet die Menschen sich
zu den Kassen oder zum Ausgang zu begeben. Dann wird der Laden abgesperrt. Bei
Zuwiderhandlung gibt es Geldstrafen und eventuell Lizenzentzug.
Obwohl das Beten gesetzlich vorgeschrieben ist, halten sich
nicht alle daran. Das sehen wir auch im Einkaufszentrum. Sehr viele Menschen
warten vor verschlossenen Türen darauf, dass die Geschäfte wieder aufmachen. Wer
aber beten will, kann eine der sehr vielen Moscheen besuchen, Alle zwei Blocks
oder so gibt es eine, kleinere schlichte, sowie größere schicke.
Dass ausländische Frauen nicht verpflichtet sind Kopftuch zu
tragen und ihr Gesicht zu verbergen habe ich gelesen, hier sehe ich es Live und
in Farbe. Es gibt viele Ausländerinnen die zwar mit Abaya, aber ohne
Kopfverdeckung herumlaufen. Die fallen sofort auf. Auch ich falle auf, nicht
weil ich kein traditionelles Gewand anhabe, sondern weil ich größer als die
Araber bin, hellhäutig und blond. Irgendwie komme ich mir vor wie Sting neben
Cheb Mami im Video ‚Desert Rose’. Dass die Araber im Gewand rumlaufen stimmt
auch nicht ganz. Sehr viele kleiden sich normal an. Obwohl ausländische Frauen
eine Abaya tragen müssen, müssen ausländische Männer kein Gewand tragen. Die
Araber sind der Meinung, dass es bei Ausländern lächerlich ausschaut. Wieder
eine Gemeinsamkeit zu Bayern.
„Wieso ist aber deine Frau voll verschleiert?“ frage ich.
„Um nicht aufzufallen und angestarrt zu werden“ sagt Anes. Recht hat er. Der
Blick, auch meiner, fällt sofort auf die Ausländerinnen, die Araberinnen nimmt
man kaum war. Auch deswegen, weil sie schwarz gekleidet sind.
Als die Betenszeit um ist reihen wir uns in eine lange
Schlange ein um den Fahrstuhl nach oben zu nehmen. Im Fahrstuhl gehen die
Frauen nach hinten, Männer stehen vorne. Irgendwo in der Mitte müssen wir den
Fahrstuhl wechseln. Dort gibt es ein nobles Restaurant mit herrlichem Blick
über die Stadt, das wir einmal durchqueren. Es gibt auch eine sehr kleine
Moschee die wir besuchen und ich darf sogar Bilder machen. Außerdem gibt es
eine Bildergalerie mit Fotos vom Kingdom Tower.
Dann nehmen wir den zweiten Fahrstuhl und kommen auf 300
Meter über dem Boden raus. Vor uns spannt sich die Brücke. Dort zückt jeder
seine Kamera oder Handy und fotografiert auf Teufel kommt raus. Wie war das
noch mal mit dem Fotografierverbot? Scheint nicht ganz zu gelten. Die Sicht ist
phänomenal! Ganz Riad liegt uns zu Füßen. Auf dem Dach eines Hotels unter uns
gibt es eine Tennisanlage und daneben ein Fußballfeld. Spitze!
Den Sonnenuntergang haben wir leider verpasst, aber die
Aussicht entschädigt für die Strapazen.
Als der Magen anfängt zu knurren fährt uns Anes in ein
traditionell Arabisches Restaurant. Das Gebäude sieht von draußen sehr schick
aus, und von drinnen umso schicker. Es ist ein Traum von 1001 Nacht! Da das
Lokal voll ist, müssen wir warten. Es gibt zwei Möglichkeiten: vor uns gibt es
auf dem Boden abgetrennte Bereiche in denen man sich setzen kann, oder links
neben dem Eingang eine Kaffee und Teestube. Wir entscheiden uns für Letzteres.
Dort setzen wir uns auf dem Boden und bestellen einen Tee und einen Kaffee nach
dem anderen. Kostet nix, ist beides sehr lecker und dazu gibt es Feigen.
Irgendwann werden wir gerufen und werden zu einem Gang
geführt in dem es Zimmer aus Vorhängen gibt. Der Ober schiebt einen Vorhang zur
Seite, wir ziehen die Schuhe aus und lassen sie draußen und machen es uns auf
dem Boden gemütlich. Es gibt viele Kissen zum anlehnen. Als das Essen kommt und
der Ober alles auf dem Boden ausgebreitet und den Vorhang hinter sich zugemacht
hat, nimmt Anes’ Frau den Schleier runter und es kommt ein sehr süßes Gesicht
zum Vorschein. Hier fällt mir wieder auf wie groß die Portionen doch sind. Und
man isst wieder mit den Händen. Weil es ein wenig frisch ist, bringt uns der
Ober eine tragbare Gasheizung. Bevor er aber reinkommt, macht er sich bemerkbar
und Anes’ Frau verschleiert wieder ihr Gesicht.
Das Restaurant hat einen Innenhof, außer dem Erdgeschoß,
noch einen ersten Stock, einen Kinderbereich mit Spielzeug, verschiedene
traditionelle Gegenstände und viele Pflanzen. Auf dem Klo treffe ich wieder auf
das ‚sanfte arabische Klopapier’ wie einer meiner besten Freunde es nennt. Mit
dem Düsenstrahl muss ich mich noch anfreunden.
Als wir fertig mit dem Essen sind und uns auf dem Weg machen
wollen, kommt der Kellner wieder mit einem Behälter in der Hand aus dem Rauch
steigt. Man muss den Rauch der herrlich duftet zu sich auf die Kleidung wedeln.
Soll Glück bringen und die bösen Geister vertreiben.
Anes fährt uns noch durch die Nacht und wir lauschen arabischer
Musik im Radio während wir durchs Zentrum fahren und später ins Hotel.
Mit all diesen Düften, Aromen, Geschmäckern, Bildern und dem
Rauch aus dem Behälter in der Nase entschwebe ich ins Reich des Morpheus.
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