Kurz vorm Aussteigen aus Anes’ Auto fragte ich ihm ob er so
gegen 14 Uhr kommen könnte um mich abzuholen. Ich würde gerne die Altstadt
sehen. Außerdem brauche ich Geld und eine SIM-Karte. Seine Antwort war
ausweichend-diplomatisch und sein letztes Wort „Inshallah“ – so Gott will. Das
ist etwas was man hier öfters hört. Anders als bei uns, wo ganze Generationen
schon im Kindergarten einen und denselben Spruch lernen und damit aufwachsen:
„Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen!“ scheint hier
die Devise zu sein: „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe gern auf
morgen!“ „Bukra“ – morgen, ist ein weiteres Lieblingswort der hiesigen
Bevölkerung.
Da mir klar war, dass Anes nie und nimmer um 2 Uhr kommen
würde, brauchte ich einen Plan. Ich schlief erstmal lange und warte auf seinen
Anruf. In der Zwischenzeit hole ich mein iPad hervor und öffne den Lonely
Planet Reiseführer und gehe zum Kapitel Riad. Unter ‚sights’ stehen da ganze
vier Sachen! Toll, es gibt eine Burg, die möchte ich mir anschauen. Auf der kleinen
Straßenkarte entdecke ich auch einen Markt, eine Moschee, einen Uhrturm, etc. Sehr
interessant an. Die Frage ist, wie komme ich dahin?
Anes ruft an und meint, dass es länger dauern wird, weil er
zur Bank muss Geld abzuheben. Die Bank macht aber später auf und er wisse nicht
wie viele Leute vor ihm da sein werden. Übersetzt heißt das, er kommt so gegen
Abend.
Also gehe ich erstmal runter zur Lobby frühstücken. Da es in
Saudi Arabien keinen ÖPNV gibt, muss man ein Taxi nehmen falls man kein eigenes
Auto besitzt. Es ist tatsächlich wahr, hier gibt es keine öffentlichen
Verkehrsmittel. Da die Leute wohlhabend über reich bis superreich sind und
jeder mindestens ein Auto besitzt, braucht es auch keine U-Bahn oder Tram. Von
Stadt zu Stadt fliegt man, weil die Entfernungen zu groß sind und die Flüge
sehr günstig. Es gibt nur eine einzige Zugstrecke, von Riad nach Dammam im
Osten. Weitere sind geplant. Auch eine U-Bahn sei in Planung.
Ich gehe vors Hotel und schon kommt ein Taxi um die Ecke.
Farbe: weiß – was denn sonst. Der Fahrer hält und macht das Beifahrerfenster
runter. Ob er Englisch spricht, will ich von ihm wissen. Ob ich Arabisch
spreche will er von mir wissen. Zeichensprache vielleicht? Probieren wir es
damit. Ich hole mein iPad heraus und zeige ihm wohin ich will. Er kennt es
nicht. Oha! Da bin ich überrascht! Irgendetwas in der Nähe der Burg kennt er
auch nicht. Ich lese ihm den Namen des Stadtteiles vor, aber damit kann er auch
nichts anfangen. Ich hole den Herrn vom Empfang der ihm das ganze übersetzt.
Der Herr dreht sich mit dem Kopf schüttelnd zu mir um und meint, dass die
Taxifahrer sich hier nicht wirklich auskennen, weil sich alles jeden Tag
ändert. Klar, versteh ich, aber die Burg steht seit Jahrhunderten am selben
Platz. Dann ruft der Empfangsherr Anes an und alles wird kompliziert.
„Warum möchtest du in die Stadt?“ fragt er.
„Soll ich den ganzen Tag auf dich warten?“ sage ich.
„Es ist nicht ganz ungefährlich alleine in die Stadt zu
gehen“ sagt er.
„Ach quatsch! Ich möchte in die Altstadt, sag das bitte dem
Fahrer. Und unterwegs brauche ich einen Bankomaten. Falls er den Weg nicht
kennt, soll er danach fragen oder mir einen Kollegen besorgen der ihn kennt“
sage ich.
Anes redet mit dem Fahrer und nach zwei Minuten reicht mir
der Fahrer das Handy wieder. Anes meint, er hätte mit dem Fahrer ausgemacht,
dass er mich zum Nationalmuseum fährt. „Wieso das?“
„Weil es sicherer ist und er es kennt.“
Mein Gott! Ich steige ein und die Fahrt beginnt. Wir fahren
und fahren und fahren. Irgendwo sehe ich eine Bank und schreie „Stopp“. Der
Fahrer hält an, ich springe raus, Gott sei dank ist das Menü auf Englisch,
drücke auf ein paar Tasten und raus kommen Banknoten mit komischen Zeichen die
ich nicht verstehe. Warum heißt es immer unsere Schrift ist lateinisch und die
Zahlen arabisch?
0 = ٠
1 = ١
2 = ٢
3 = ٣
4 = ٤
5 = ٥
6 = ٦
7 = ٧
8 = ٨
9 = ٩
Alles klar? Wunderbar! Gott sei dank sind die uns bekannten
Zahlen auf der anderen Seite der Banknoten bedruckt. Wir fahren weiter und ich
schieße Bilder vom fahrenden Taxi aus. Ob der Fahrer jetzt denkt ich sei
bescheuert, ist mir egal. Irgendwann kommen wir am Museum an. Ich frage nach
dem Preis und wir verhandeln darüber. Obwohl es einen Taxameter gibt, zahlt man
nie den darauf stehenden Preis.
Ich gehe zum Eingang und die Tür ist zu. Abgesperrt. Super!
Dann höre ich Kinderstimmen von irgendwoher und folge denen. Am Ende des
Gebäudes geht ein langer Weg nach hinten und endet vor einer großen Glastür.
Einige Familien schreiten diesen Weg und ich hinterher. Tatsächlich, der
Eingang des Museums. Das Ding ist riesig! Ich bekomme einen kleinen Reiseführer
auf Englisch und mir wird erklärt was und wo ich sehen kann. Angefangen von der
Urzeit bis in die Moderne kann man alles nicht nur über Saudi Arabien, sondern
auch über die erweiterte Gegend lernen.
Im Museum ist nicht viel los, und es sind ausschließlich
Familien da. Väter die Kinderwägen schieben oder die ihre Sprösslinge auf den
Schultern tragen. Sehr löblich!
Kurz vom Ausgang gibt es noch eine Sonderaustellung über die
Königsfamilie. Die Sicherheitsbeamten springen sofort zu mir und bieten mir
allerlei Infomaterial und führen mich in den Saal. Einer spielt sogar den
Fremdenführer und erklärt mir alles.
Draußen geht es durch verschiedene Gärten und anderen Hallen
(Autos, etc) weiter. Da ich mir aber unbedingt die Burg ansehen will, nehme ich
mein iPad aus der Tasche und schlag die Seite im Lonely Planet Reiseführer mit
dem Stadtplan auf. Scheint nicht weit zu sein. Auch nicht recht kompliziert. Leider
finde ich nie zur Burg, denn a) der Plan ist nicht akkurat, b) ich finde keinen
der Englisch oder eine andere Sprache kann und c) kann keiner mit dem was ich
suche etwas anfangen. Frustriert steige ich in ein Taxi, zücke die Visitenkarte
des Hotels und lasse mich nach Hause kutschieren.
Da ich Hunger habe, bestellt mir das Hotel etwas zu essen.
Darauf muss ich allerdings 2 Stunden warten. Warum? Es ist ca. eine halbe
Stunde vor Betenszeit und es wird nichts mehr gekocht. Dann schließt der Laden
für eine halbe Stunde und als er wieder aufmacht, muss er mit den Bestellungen
nachkommen und auch noch liefern. Nach unendlichen zwei Stunden kommt mein
Essen und Anes ist auch da.
Es ist schon dunkel, das letzte Gebet hinter uns und den
Abend kann nichts mehr stören. Wir fahren zu einem Schlüsseldienst und dort sehe
ich einen arabischen Nerd wie aus dem Bilderbuch. Die Straße ist voller
Geschäfte und in der Mitte verläuft eine Verkehrsinsel mit Palmen, darüber der
Mond. Ein Traum!
Dann gehen wir in einen Supermarkt. Irgendwann gehe ich mit
meinen Sachen gedankenverloren zur Kasse und bemerke, dass der Kassierer eine
voll verschleierte Sie ist. Sie sagt aufgeregt etwas auf Arabisch und zeigt mit
dem Finger hinter ihr. Ihr Schrei holt mich aus meinen Gedanken heraus. Andere
Gedanken von Kerkern kommen mir in den Sinn. Also gehe ich brav zur nächsten
Kasse wo wieder eine Frau dahinter steht. Auch hier die gleiche Szene. Als ich
mich umdrehe sehe ich Anes lachen. „Was ist los?“ frage ich. „Nur Familien,
Frauen oder Ehepaare dürfen zu denen. Wir Männer müssen da rüber zu den
männlichen Kassierern“.
Von dort geht es zu einer Straße mit Restaurants, weil Anes
etwas essen möchte. Dort bemerke ich, dass fast jedes Restaurant zwei Eingänge
hat. Einen für Männer und einen für Paare, bzw. Familien. Das wird hier sehr
ernst genommen. Darüber schreibe ich ein anderes Mal. Von dort geht es zu einem
Geschäft, ähnlich Saturn oder Media Markt. Ich wusste schon, dass hier alles
günstiger ist, jetzt fällt mir auf wie günstig so manche Sachen sind.
Blackberries z.B. um die Hälfte günstiger. Auch alles andere ist zu einem guten
Preis zu haben. Klar, es gibt hier keine MwSt. Das macht einen großen
Unterschied ob ein iPhone 650+ Euro oder nur 500 kostet. Dort bekomme ich auch
meine SIM-Karte mit Guthaben. Während Anes mit dem Verkäufer redet und alles
organisiert, lese ich mich durch die Broschüre. Habt ihr schon mal was von
‚Postpaid’ gehört? Man bezahlt für die getätigten Anrufe hinterher und muss
kein Geld vorstrecken. Wie weit voraus uns die Araber doch sind!
Nach einer langen Fahrt durch das nächtliche Riad kommen wir
im Hotel an. Mein Philippino drückt mir einen Laptop und eine Kamera in die
Hand, die er für zwei Kollegen gekauft hat und lässt mich aufs Zimmer gehen zum
Packen. Um 3 Uhr morgens kommt er um mich abzuholen. Flug geht um 6.
Als wir um kurz vor 4 in der Früh über die Autobahn
brettern, fahren wir an einem Gebäudekomplex vorbei der sich ewig erstreckt. Es
ist eine der Universitäten und zugleich die größte des Landes. Da es auch an
der Uni Geschlechtertrennung gibt, gibt es jedes Gebäude zwei Mal, deswegen ist
alles so groß. Außerdem gibt es alles was das Herz begehrt: Sportanlagen,
Schwimmbäder, Restaurants, Cafés, Bibliotheken, Geschäfte, etc. Eine ganze
Stadt.
Am Flughafen angekommen, gebe ich meine Reisetasche ab,
frage vom welchen Gate mein Flieger nach Ar’ar geht, schaue kurz auf dem Zettel
den ich bei der Gepäckabgabe bekomme und sehe, dass da nicht Ar’ar draufsteht.
Da ich aber zu müde bin, wird mir nicht ganz bewusst was dies bedeutet.
Anes wartet in einer Sitzecke auf mich und hält zwei
Geldbündel in den Händen. Er zählt ganz offen vor allen Leuten die Geldscheine
und reicht sie mir zum nochmals Zählen. Spinnt der Philippino? Aber dann denke
ich mir, Arabien ist das wahrscheinlich sicherste Land auf diesem Planeten. Also
zähle ich es brav und stecke es ein.
Wir verabschieden uns und ich gehe durch die Kontrollen.
Die wilden Zeiten kommen noch, sagt mir mein Gefühl. Und wie
sie kommen werden! Das Abenteuer hat noch gar nicht erst richtig angefangen.
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