Donnerstag, 6. März 2014

Teil 5


Kurz vorm Aussteigen aus Anes’ Auto fragte ich ihm ob er so gegen 14 Uhr kommen könnte um mich abzuholen. Ich würde gerne die Altstadt sehen. Außerdem brauche ich Geld und eine SIM-Karte. Seine Antwort war ausweichend-diplomatisch und sein letztes Wort „Inshallah“ – so Gott will. Das ist etwas was man hier öfters hört. Anders als bei uns, wo ganze Generationen schon im Kindergarten einen und denselben Spruch lernen und damit aufwachsen: „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen!“ scheint hier die Devise zu sein: „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe gern auf morgen!“ „Bukra“ – morgen, ist ein weiteres Lieblingswort der hiesigen Bevölkerung.

Da mir klar war, dass Anes nie und nimmer um 2 Uhr kommen würde, brauchte ich einen Plan. Ich schlief erstmal lange und warte auf seinen Anruf. In der Zwischenzeit hole ich mein iPad hervor und öffne den Lonely Planet Reiseführer und gehe zum Kapitel Riad. Unter ‚sights’ stehen da ganze vier Sachen! Toll, es gibt eine Burg, die möchte ich mir anschauen. Auf der kleinen Straßenkarte entdecke ich auch einen Markt, eine Moschee, einen Uhrturm, etc. Sehr interessant an. Die Frage ist, wie komme ich dahin?

Anes ruft an und meint, dass es länger dauern wird, weil er zur Bank muss Geld abzuheben. Die Bank macht aber später auf und er wisse nicht wie viele Leute vor ihm da sein werden. Übersetzt heißt das, er kommt so gegen Abend.

Also gehe ich erstmal runter zur Lobby frühstücken. Da es in Saudi Arabien keinen ÖPNV gibt, muss man ein Taxi nehmen falls man kein eigenes Auto besitzt. Es ist tatsächlich wahr, hier gibt es keine öffentlichen Verkehrsmittel. Da die Leute wohlhabend über reich bis superreich sind und jeder mindestens ein Auto besitzt, braucht es auch keine U-Bahn oder Tram. Von Stadt zu Stadt fliegt man, weil die Entfernungen zu groß sind und die Flüge sehr günstig. Es gibt nur eine einzige Zugstrecke, von Riad nach Dammam im Osten. Weitere sind geplant. Auch eine U-Bahn sei in Planung.

Ich gehe vors Hotel und schon kommt ein Taxi um die Ecke. Farbe: weiß – was denn sonst. Der Fahrer hält und macht das Beifahrerfenster runter. Ob er Englisch spricht, will ich von ihm wissen. Ob ich Arabisch spreche will er von mir wissen. Zeichensprache vielleicht? Probieren wir es damit. Ich hole mein iPad heraus und zeige ihm wohin ich will. Er kennt es nicht. Oha! Da bin ich überrascht! Irgendetwas in der Nähe der Burg kennt er auch nicht. Ich lese ihm den Namen des Stadtteiles vor, aber damit kann er auch nichts anfangen. Ich hole den Herrn vom Empfang der ihm das ganze übersetzt. Der Herr dreht sich mit dem Kopf schüttelnd zu mir um und meint, dass die Taxifahrer sich hier nicht wirklich auskennen, weil sich alles jeden Tag ändert. Klar, versteh ich, aber die Burg steht seit Jahrhunderten am selben Platz. Dann ruft der Empfangsherr Anes an und alles wird kompliziert.

„Warum möchtest du in die Stadt?“ fragt er.

„Soll ich den ganzen Tag auf dich warten?“ sage ich.

„Es ist nicht ganz ungefährlich alleine in die Stadt zu gehen“ sagt er.

„Ach quatsch! Ich möchte in die Altstadt, sag das bitte dem Fahrer. Und unterwegs brauche ich einen Bankomaten. Falls er den Weg nicht kennt, soll er danach fragen oder mir einen Kollegen besorgen der ihn kennt“ sage ich.

Anes redet mit dem Fahrer und nach zwei Minuten reicht mir der Fahrer das Handy wieder. Anes meint, er hätte mit dem Fahrer ausgemacht, dass er mich zum Nationalmuseum fährt. „Wieso das?“

„Weil es sicherer ist und er es kennt.“

Mein Gott! Ich steige ein und die Fahrt beginnt. Wir fahren und fahren und fahren. Irgendwo sehe ich eine Bank und schreie „Stopp“. Der Fahrer hält an, ich springe raus, Gott sei dank ist das Menü auf Englisch, drücke auf ein paar Tasten und raus kommen Banknoten mit komischen Zeichen die ich nicht verstehe. Warum heißt es immer unsere Schrift ist lateinisch und die Zahlen arabisch?

 

0 = ٠

1 = ١

2 = ٢

3 = ٣

4 = ٤

5 = ٥

6 = ٦

7 = ٧

8 = ٨

9 = ٩

Alles klar? Wunderbar! Gott sei dank sind die uns bekannten Zahlen auf der anderen Seite der Banknoten bedruckt. Wir fahren weiter und ich schieße Bilder vom fahrenden Taxi aus. Ob der Fahrer jetzt denkt ich sei bescheuert, ist mir egal. Irgendwann kommen wir am Museum an. Ich frage nach dem Preis und wir verhandeln darüber. Obwohl es einen Taxameter gibt, zahlt man nie den darauf stehenden Preis.

Ich gehe zum Eingang und die Tür ist zu. Abgesperrt. Super! Dann höre ich Kinderstimmen von irgendwoher und folge denen. Am Ende des Gebäudes geht ein langer Weg nach hinten und endet vor einer großen Glastür. Einige Familien schreiten diesen Weg und ich hinterher. Tatsächlich, der Eingang des Museums. Das Ding ist riesig! Ich bekomme einen kleinen Reiseführer auf Englisch und mir wird erklärt was und wo ich sehen kann. Angefangen von der Urzeit bis in die Moderne kann man alles nicht nur über Saudi Arabien, sondern auch über die erweiterte Gegend lernen.

Im Museum ist nicht viel los, und es sind ausschließlich Familien da. Väter die Kinderwägen schieben oder die ihre Sprösslinge auf den Schultern tragen. Sehr löblich!

Kurz vom Ausgang gibt es noch eine Sonderaustellung über die Königsfamilie. Die Sicherheitsbeamten springen sofort zu mir und bieten mir allerlei Infomaterial und führen mich in den Saal. Einer spielt sogar den Fremdenführer und erklärt mir alles.

Draußen geht es durch verschiedene Gärten und anderen Hallen (Autos, etc) weiter. Da ich mir aber unbedingt die Burg ansehen will, nehme ich mein iPad aus der Tasche und schlag die Seite im Lonely Planet Reiseführer mit dem Stadtplan auf. Scheint nicht weit zu sein. Auch nicht recht kompliziert. Leider finde ich nie zur Burg, denn a) der Plan ist nicht akkurat, b) ich finde keinen der Englisch oder eine andere Sprache kann und c) kann keiner mit dem was ich suche etwas anfangen. Frustriert steige ich in ein Taxi, zücke die Visitenkarte des Hotels und lasse mich nach Hause kutschieren.

Da ich Hunger habe, bestellt mir das Hotel etwas zu essen. Darauf muss ich allerdings 2 Stunden warten. Warum? Es ist ca. eine halbe Stunde vor Betenszeit und es wird nichts mehr gekocht. Dann schließt der Laden für eine halbe Stunde und als er wieder aufmacht, muss er mit den Bestellungen nachkommen und auch noch liefern. Nach unendlichen zwei Stunden kommt mein Essen und Anes ist auch da.

Es ist schon dunkel, das letzte Gebet hinter uns und den Abend kann nichts mehr stören. Wir fahren zu einem Schlüsseldienst und dort sehe ich einen arabischen Nerd wie aus dem Bilderbuch. Die Straße ist voller Geschäfte und in der Mitte verläuft eine Verkehrsinsel mit Palmen, darüber der Mond. Ein Traum!

Dann gehen wir in einen Supermarkt. Irgendwann gehe ich mit meinen Sachen gedankenverloren zur Kasse und bemerke, dass der Kassierer eine voll verschleierte Sie ist. Sie sagt aufgeregt etwas auf Arabisch und zeigt mit dem Finger hinter ihr. Ihr Schrei holt mich aus meinen Gedanken heraus. Andere Gedanken von Kerkern kommen mir in den Sinn. Also gehe ich brav zur nächsten Kasse wo wieder eine Frau dahinter steht. Auch hier die gleiche Szene. Als ich mich umdrehe sehe ich Anes lachen. „Was ist los?“ frage ich. „Nur Familien, Frauen oder Ehepaare dürfen zu denen. Wir Männer müssen da rüber zu den männlichen Kassierern“.

Von dort geht es zu einer Straße mit Restaurants, weil Anes etwas essen möchte. Dort bemerke ich, dass fast jedes Restaurant zwei Eingänge hat. Einen für Männer und einen für Paare, bzw. Familien. Das wird hier sehr ernst genommen. Darüber schreibe ich ein anderes Mal. Von dort geht es zu einem Geschäft, ähnlich Saturn oder Media Markt. Ich wusste schon, dass hier alles günstiger ist, jetzt fällt mir auf wie günstig so manche Sachen sind. Blackberries z.B. um die Hälfte günstiger. Auch alles andere ist zu einem guten Preis zu haben. Klar, es gibt hier keine MwSt. Das macht einen großen Unterschied ob ein iPhone 650+ Euro oder nur 500 kostet. Dort bekomme ich auch meine SIM-Karte mit Guthaben. Während Anes mit dem Verkäufer redet und alles organisiert, lese ich mich durch die Broschüre. Habt ihr schon mal was von ‚Postpaid’ gehört? Man bezahlt für die getätigten Anrufe hinterher und muss kein Geld vorstrecken. Wie weit voraus uns die Araber doch sind!

Nach einer langen Fahrt durch das nächtliche Riad kommen wir im Hotel an. Mein Philippino drückt mir einen Laptop und eine Kamera in die Hand, die er für zwei Kollegen gekauft hat und lässt mich aufs Zimmer gehen zum Packen. Um 3 Uhr morgens kommt er um mich abzuholen. Flug geht um 6.

Als wir um kurz vor 4 in der Früh über die Autobahn brettern, fahren wir an einem Gebäudekomplex vorbei der sich ewig erstreckt. Es ist eine der Universitäten und zugleich die größte des Landes. Da es auch an der Uni Geschlechtertrennung gibt, gibt es jedes Gebäude zwei Mal, deswegen ist alles so groß. Außerdem gibt es alles was das Herz begehrt: Sportanlagen, Schwimmbäder, Restaurants, Cafés, Bibliotheken, Geschäfte, etc. Eine ganze Stadt.

Am Flughafen angekommen, gebe ich meine Reisetasche ab, frage vom welchen Gate mein Flieger nach Ar’ar geht, schaue kurz auf dem Zettel den ich bei der Gepäckabgabe bekomme und sehe, dass da nicht Ar’ar draufsteht. Da ich aber zu müde bin, wird mir nicht ganz bewusst was dies bedeutet.

Anes wartet in einer Sitzecke auf mich und hält zwei Geldbündel in den Händen. Er zählt ganz offen vor allen Leuten die Geldscheine und reicht sie mir zum nochmals Zählen. Spinnt der Philippino? Aber dann denke ich mir, Arabien ist das wahrscheinlich sicherste Land auf diesem Planeten. Also zähle ich es brav und stecke es ein.

Wir verabschieden uns und ich gehe durch die Kontrollen.

Die wilden Zeiten kommen noch, sagt mir mein Gefühl. Und wie sie kommen werden! Das Abenteuer hat noch gar nicht erst richtig angefangen.

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