Donnerstag, 11. September 2014

Teil 29


Es ist Sonntag später Vormittag als ich aufwache und ich träume immer noch vom Mitternachtspicknick in der Wüste. Mein britischer Kollege ist schon längst wach und beim Packen. Ich brauche etwas zu Essen. Nach dem Duschen gehe ich die anderen suchen. Einige sind schon weg zum Frühstücken, ein paar sind noch da und packen. Wir gehen zum nächstgelegenen Geschäft und kaufen etwas zum Essen ein. Dann gehen wir zur Suite der Bengalen und frühstücken ausgiebig. Traurigkeit hängt im Raum. Danach verabschieden wir uns. Die Kollegen fahren später am Abend nach Mekka für ein paar Tage.

Ich fahre heute nach Al Khubar an die Ostküste in die Nähe von Dammam einen alten Freund besuchen, den ich nach vielen Jahren über LinkedIn wiedergefunden habe. Ursprünglich wollte ich mit dem Zug reisen. Es gibt in Saudi eine einzige Zuglinie und die ist zwischen Riad und Dammam. Außerdem sind die Züge sehr luxuriös und schnell. Die haben ein System wie die Flugzeuge. Man muss sein Gepäck abgeben und einchecken, man darf nur bestimmte Kilos mitnehmen, es gibt verschiedene Klassen und am Ende der Reise nimmt man es wieder in Empfang. Handgepäck ist erlaubt. Außerdem ist es sehr günstig Bahn zu fahren. Leider ist gerade Ferienzeit ist es ist alles ausgebucht. Da ich nicht fliegen möchte, beschließe ich mit dem Bus zu fahren. Es gibt VIP-Busse die einen Abholen und am Zielort bis zur Haustür bringen. Im Bus gibt es mehr oder weniger die Hälfte der Sitzplätze eines normalen Busses und es wird einem ein Komfort angeboten wie in der First- oder Businessklasse eines Flugzeuges. Ist zwar ein teurer Spaß, aber ich möchte es mir gerne gönnen. Leider geht keiner ans Telefon. Ich versuche es zehn Mal und gebe auf. Also bleibt der normale Bus übrig.

Mit dem Taxi geht es zum Busbahnhof. Ich halte ein Taxi vorm Hotel an und frage was es kostet. Der Taxler mustert mich und nennt einen überteuerten Preis. Ich verhandle was das Zeug hält, aber er geht nicht runter. Dann kommt ein anderes Taxi vorbei und ich halte es an. Wieder dasselbe Spiel. Ich dränge darauf mit der Uhr zu fahren und der Fahrer willigt ein. Am Ende kostet mich die halbstündige Fahrt ca. 10 Euro. Am Busbahnhof angekommen, stehen Asiaten mit Kofferwägen bereit. Für 2 Rial, ca. 50 Cent transportiert mir einer das Gepäck. Er bringt mich zum Schalter und da es ein wenig pressiert, weil der Bus in ein paar Minuten losfährt, geht er am Schalter nach vorne und erzählt dem Ticketverkäufer irgendwas was ich nicht verstehe. Dann dreht er sich um und verlangt das Geld von mir. Ich bezahle und bekomme den Fahrschein. Dann rennen wir durch die Halle zum Bus. Am Bus bin ich einer der letzten der einsteigt. Dort gebe ich dem Asiaten noch ein gutes Trinkgeld und steige hinten im Bus ein. Kaum drin, sehe ich dass er voll ist. Das kann ja heiter werden! Auf dem Ticket steht keine Platznummer. Ich schaue mich nach einem freien Platz um, aber schon höre ich den Fahrer rufen: „Doktor! Doktor“ Er macht eine Handbewegung und signalisiert, dass ich nach vorne soll. Er schickt einen Araber nach hinten und platziert mich hinterm Fahrersitz. Neben mir sitzt ein Pakistaner und direkt gegenüber seine Frau und seine Tochter.

Die Fahrt beginnt. Er geht durch die Wüste. Ca. 450Km nichts als Wüste. Es ist traumhaft und atemberaubend. Ich freue mich wie ein kleines Kind und wahrscheinlich bin ich der einzige im Bus der sich so fühlt.

Ich unterhalte mich eine zeitlang mit dem Pakistaner und er versorgt mich mit gekühlten Getränken von der Kühlbox des Busses die vor den Sitzen seiner Frau und Tochter ist. Irgendwann nicken wir beide ein. Nach drei Stunden Fahrt machen wir eine Pause. Es ist ein Tankstellengelände mitten im Nichts. Es gibt eine Moschee, einen Teeladen, einen kleinen Supermarkt und ein Restaurant mit Imbiss. Ich möchte etwas essen, aber es gibt nur Kabsa. Also verzichte ich. Die Passagiere verteilen sich. Einige gehen zum Beten, andere zum Teetrinken und andere zum Essen. Ich gehe ein wenig spazieren und genieße die Aussicht. Dann kommt ein Afrikaner daher und fängt ein Gespräch an. Er kommt aus Eritrea sagt er, studiert in Riad und sei jetzt auf dem Weg nach Dammam Freunde zu besuchen. Er möchte von mir so einiges wissen und fragt ob ich wisse wo Eritrea liege. Ja, das weiß ich. Als ich ihm erzähle, dass ich ein Patenkind in Äthiopien habe, guckt er mich mit großen Augen an. Leser meines Romans „Nachts…..“ kennen die Geschichte. Da ruft schon der Busfahrer zur Weiterfahrt.

Noch mal drei Stunden später kommen wir in Dammam an. Dort gehe ich aus dem Bahnhof raus auf der Suche nach meinem Freund der mich abholen kommt. Vorm Eingang stehen Taxifahrer die alle möglichen Städtenamen rufen: Riad! Mekka! Medina! Alles am Arsch der Welt. Gibt es tatsächlich Leute die 1000+ Km mit dem Taxi fahren? Da entdecke ich meinen Kumpel. Wir fahren zuerst ins Zentrum von Dammam etwas essen. Wir gehen in ein Steakhaus. Alles edel da drin, eine ganz andere Welt. Eine westliche Welt, nicht so wie in Ar’ar. Auch die Preise sind eher westlich orientiert. Mit ca. 12 – 13 Euro pro Person ist es immer noch günstiger als in Europa, aber wesentlich teurer als in Ar’ar. Danach fahren wir zum Compound wo er wohnt. Es ist mein erstes Mal in einem Compound. Ich habe viel darüber gelesen und gehört, aber jetzt muss ich sagen bin ich enttäuscht. Schön einen Pool vor der Haustür zu haben, eventuell ein Fitnesscenter, einen Billardraum, etc, aber das ganze wirkt zu steril. Außerdem leben hier nur Westler. Kontakt zu Arabern und zur arabischen Welt hat man kaum bis gar nicht. Nicht so wie wir es in Ar’ar hatten, wo wir mit den Arabern gelebt haben.

Die nächsten zwei Tage vergehen ruhig. Da mein Kumpel arbeiten muss. Bin ich bis zum frühen Nachmittag alleine. Ich gehe ein wenig in der Gegend spazieren, entdecke aber nichts Interessantes.

Am Nachmittag gehen wir in ein Restaurant essen. Westliche Kette, Namen möchte ich nicht verraten. Hier sehe ich einen gewaltigen Unterschied zu Ar’ar. Als es Betenszeit ist, werden wir nicht aufgefordert das Lokal zu verlassen. Die Tür wird verriegelt, die Vorhänge werden zugezogen, und drinnen wird weiterserviert. Oha! Dasselbe erlebe ich einen Tag später wieder. Anscheinend ist das hier normal.

Dann treffen wir einen Freund meines Freundes. Wir holen ihn beim Sheraton Hotel ab. Während wir auf dem Parkplatz warten bestaunen wir all die Ferraris, Maseratis, Porsches, Lamborghinis, alle in weiß. Als der Freund endlich da ist fahren wir Spazieren, gehen Kaffee, bzw. Teetrinken und fahren zur Corniche und durch eine Villengegend. Alle Achtung was hier für Paläste stehen! Da es in der östlichen Provinz das meiste Öl gibt, leben hier sehr viele Reiche und Superreiche. Ich fühle mich etwas eigenartig. Bis vorgestern war ich in einer arabischen Kleinstadt mitten in der Wüste und heute bin ich von Luxus umgeben. Irre das ganze! Und faszinierend. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr raus.

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