Der Gesang des Imam weckt mich sanft, ich öffne die Augen
und bleibe noch im Bett und warte bis der Wecker klingelt. Verschiedene
Gedanken und Szenen gehen mir durch den Kopf. Der Supermarktbesuch war, wie
eine gute Freundin sagt, wie ein Fenster ins Leben der lokalen Bevölkerung. Man
sieht den Menschen bei etwas alltäglichen, etwas banalen zu und lernt einiges
dazu. Ich war jedenfalls überrascht Bier zu sehen – alkoholfreies in vielen
verschiedenen Geschmacksrichtungen die es bei uns nicht gibt. Einige westliche,
darunter auch deutsche Brauereien, aber auch einige asiatische verkaufen hier
Bier mit verschiedenen Früchten die bei uns gar nicht erhältlich sind. Was noch
positiv aufgefallen ist, ist die Tatsache wie zivilisiert und freundlich die
Leute sind. Als die Durchsage mit dem Hinweis zur Betenszeit kam und die
Lichter langsam ausgingen, schritten die Leute langsam zu den Kassen und
hetzten nicht. Bei uns würden, kurz bevor der Supermarkt seine Pforten schließt
und die entsprechende Durchsage gemacht worden ist, die Massen zu den Kassen rennen
und alle würden wie die Verrückten durch den Supermarkt hetzen um ja alles
einzukaufen und um als erster an der Kasse anzukommen. Diese Szenen habe ich
öfters im Tengelmann in Giesing und im Supermarkt im Perlacher Forst live
miterlebt.
Etwas anderes war, dass die Männer auch Kinderwägen schieben
und Kinder auf den Schultern tragen. In weiten Teilen Europas spricht man von
verweichlichten Männern die ihre Männerrolle vergessen haben. Na ja.
Aber eine Angst bleibt. Die Angst Frauen anzuschauen. Was
willst du denn sehen? Fragt mein Unterbewusstsein, sind doch eh alle
verschleiert. Stimmt, aber ich habe immer noch Angst, dass wenn mein Blick auf
eine Frau gerichtet wird, ein kleinwüchsiger Araber von irgendwoher auf mir
springt, mich zu Boden reißt, irgendwas auf Arabisch schreit und ich mich in
einem Kerker bei Wasser und Brot wiederfinde.
Bilder von Riad schießen mir durch den Kopf und wie sauber
es dort war. In Ar’ar musste ich feststellen, dass es leider nicht so sauber
ist. Man sieht Müll auf den Straßen liegen.
Ob heute meine Reisetasche kommt?
Als ich die Treppe runtergehe strahlt wieder die Sonne durch
die Eingangstür und erhellt den Korridor in sanftem Orange. Draußen ist die
Luft klar, kühl und trocken. Die Fahrt mit dem klapprigen Bus ist wieder ein
Genuss. Auch heute werde ich den ganzen Tag im Büro verbringen.
Als ich in einer der Pausen raus gehe um Tee zu trinken und
Luft zu schnappen, kommen einige Studenten auf mich zu, begrüßen mich und
wollen sich mit mir fotografieren lassen. Es werden unheimlich viele
BlackBerries und iPhones gezückt und schon machen die Bilder ihre Runde auf
Instagram. Wie war das noch mal mit dem Fotografierverbot? Dass die Araber so
technisch versiert sind wusste ich vorher nicht. Man denkt immer an Wüste, an
Beduinen, an ein zurückgebliebenes Volk, an Taliban, Al Qaida, etc. Erfreulich,
dass es nicht so ist.
Mein ägyptischer Kollege ruft beim Flughafen an und
erkundigt sich beim Pakistaner nach meiner Reisetasche. Er meint, dass sie
immer noch in Ha’il ist und er nicht wisse wann sie kommt. Aber er bleibt dran.
Zu Mittag gehen wir in die Cafeteria zum Essen. Auf dem
Schild über dem Eingang steht Cafetaria, hihihi!
Als Lehrkraft darf man an den wartenden Studenten vorbei. Ich
will das nicht und möchte mich hinten anstellen, aber die Studenten lassen mich
nicht. Sie fordern mich auf nach vorne zu gehen und treten demonstrativ zur
Seite. Ich bin wirklich gerührt. Meine Kollegen gehen automatisch an den
Studenten vorbei. Bei manchen wirkt das arrogant, andere bedanken und
entschuldigen sich bei den Studenten.
Das Angebot ist, wie soll ich es formulieren? RIESIG!!! Es
gibt zwei Arten von Salat, Reis ohne etwas, Reis mit Soße und entweder mit
Fleischstückchen oder Gemüse, Hähnchen (jeden Tag anders zubereitet: gekocht,
gebraten, etc), Frühlingsrollen, Suppe, eine Gemüsebrühe die man entweder als
Suppe essen kann oder man gießt sie aufs Essen als Soße, Fladenbrot, Nachtisch,
Obst und Getränke. All das für 5 Rial – weniger als 1 Euro!!!
Wir Lehrer haben einen abgetrennten Raum für uns, der ist
aber klein und meistens frostig und mit schlechter Luft, sodass einige
Lehrkräfte draußen mit den Studenten sitzen. Auch das Management hat einen
abgetrennten Raum zur Verfügung.
Am Nachmittag gehe ich mit einem Kollegen zur nahe gelegenen
Tankstelle. Dort befindet sich auch ein Lebensmittelladen in dem man so
ziemlich alles, außer Obst und Gemüse finden kann. Was mich erstaunt, sind
wieder die Preise. Obwohl es ein Tankstellenmarkt ist, sind die Preise ähnlich
oder dieselben wie im Supermarkt. Schmunzeln muss ich als ich feststelle, dass
ein Liter Wasser soviel kostet wie ein Liter Benzin: 45 Halala, ca. 10 Cent.
Bilder gibt es hier: (Öffnet in neuem Fenster)
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