Noch ein Tag mit Büroarbeit steht mir bevor. Wieder den
ganzen Tag Exceltabellen füttern. Hört sich zwar langweilig an, ist es aber
nicht. Ich höre den ganzen Tag Musik, Leute kommen und gehen, kann meine Pausen
machen, etc. In einer Pause nehme ich meinen Tee und gehe im Gelände des
Polytechnikums spazieren. Dabei werde ich von vielen Studenten angeredet und
fotografiert. Mal alleine, mal mit denen zusammen und in verschiedenen Posen.
Mein ägyptischer Kollege ruft beim Flughafen in Ha’il an um
nach meinem Gepäck zu fragen, aber es geht keiner ran. So beschließen wir nach
dem Mittagessen zum Flughafen in Ar’ar zu fahren um beim Pakistaner
anzuklopfen. Gesagt, getan. In ein paar Minuten kommen wir da an und müssen
feststellen, dass er zu ist. Wir gucken uns an und wundern uns, dass ein
Flughafen zugesperrt wird. Der Sicherheitsbeamte vor Ort erzählt uns, dass der
Flughafen nur auf hat, wenn Flugzeuge landen oder starten, ansonsten ist hier
alles dicht. Bloß, die Öffnungszeiten erzählt er uns nicht. So schauen wir im
Internet nach wann es Flüge gibt und rechnen uns die Zeiten aus. Am Nachmittag
und Abend gibt es Flugbewegungen, da probieren wir es wieder.
Die Fahrt mit dem klapprigen Bus nach Hause ist wieder ein
Genuss. Die Sonne knallt, die Kollegen sind ruhig, einer schläft sogar. Als es
Betenszeit ist, meldet sich das Handy des Ägypters. Es gibt Anwendungen für
Handys die die Betenszeiten anzeigen. Da sich die Betenszeiten von Tag zu Tag
ändern, weil die Tage entweder länger oder kürzer werden, geht die App mit der
Zeit und meldet sich immer zur korrekten Zeit. Wenn man den Ort wechselt, kann
man die App auf den neuen Ort einstellen, falls sie sich nicht automatisch einstellt.
Jeder Ort hat andere Betenszeiten. Das kommt davon, dass es nicht überall
gleichzeitig hell wird. Viele dieser Anwendungen haben auch einen integrierten
Kompass, damit der Gläubige weiß in welche Richtung Mekka liegt. Außerdem
bekommt man einen Überblick über sämtliche Betenszeiten des Tages und weiß
somit wann die Geschäfte auf- und zumachen. Während der Betenszeit hört man
einem Imam zu. Man kann sich die Moschee auswählen. Der Kollege hat Mekka
eingestellt. So erklingt bei jeder Betenszeit die Stimme eines Imams aus Mekka.
Die Fahrt an sich hat für mich etwas exotisches, dazu kommt
der Gesang des Imams und lässt mich in andere Welten entschweben. Es ist wie im
Märchen, wie in einem Film. Und als wir über eine staubige Straße holpern ist
das Märchen von 1001 Nacht perfekt.
Am Nachmittag muss ich mit einem der pakistanischen Kollegen
zum Polytechnikum. Der Chef von Ma’aden soll kommen und es steigt eine Feier.
Das Management wird da sein, einige Studenten auch, die University of Missouri
Truppe, der pakistanische Kollege und ich.
Mohammed unser Fahrer kommt um uns zwei abzuholen. Weil wir
nur so wenige sind, nehmen wir nicht den Bus, stattdessen fahren wir in seinem
Privatauto. Ein 6-Liter GMC-SUV. Das Ding ist so groß wie eine Wohnung. Es
bietet massig Platz und man braucht eine Leiter um einzusteigen. Drinnen fühlt
man sich wirklich wohl. Die Ledersitze sind äußerst bequem, man genießt eine
Beinfreiheit wie in der Businessklasse eines Flugzeugs und die Federung ist
allererste Sahne. Kaum sind wir losgefahren, öffnet Mohammed das Handschuhfach
und deutet auf ein breites Angebot an Parfüms. Dann öffnet er das Fach der
Mittelkonsole und bietet uns noch mehr Parfüm an. Die Araber, das weiß ich von
meinem arabischen Nachbarn zuhause, stehen total auf Parfüm. Er nimmt
verschiedene Flaschen und sprüht uns voll. Auf einmal duftet das ganze Auto und
ich komme mir vor wie in einem Parfümladen.
Als wir ankommen, gehen wir rüber zum Hauptgebäude wo schon
ein paar der Manager warten. Dann werden wir alle in einer Reihe aufgestellt.
Zuerst ein paar Leute vom Management, dann die Missouri Truppe, dann der
Kollege und ich und danach ein paar Studenten. Ein paar Minuten später kommt
ein Auto durch die Einfahrt, fährt um den Springbrunnen herum, hält an und ein
paar Leute steigen aus. Dann werden Hände geschüttelt und man stellt sich vor.
Als die Entourage beim Pakistaner und mir ankommt, bleiben die Leute etwas
länger stehen, inhalieren die ganzen Düfte und lächeln uns besonders freundlich
zu. Das gleiche passiert noch einige Male, denn es kommen noch mehr Autos aus
denen Leute aussteigen und denen wir uns vorstellen und deren Hände wir
schütteln.
All diese Leute werden vom Management durchs Gelände geführt
ehe es in die große Aula geht. Dort sitzen ganz vorne die Missouritruppe,
einige vom Management, wir zwei und hinter uns gut hundert Studenten.
Dann folgen einige sehr emotionale Reden. Irgendwann wird es
mir schwindelig von der Atmosphäre da drin und von den ganzen Düften, meine
Augen werden rot, meine Kontaktlinsen fangen an zu schmerzen und ich kann mich
gar nicht auf den Sitz halten. Ich bete darum, dass das ganze bald ein Ende
nimmt und wir nach draußen entlassen werden. Tut es aber nicht. Einer nach dem
anderen nimmt das Mikro in die Hand und hält einen quälend langen Monolog. Ich
nehme ein Fläschchen Tränenflüssigkeit aus meiner Tasche und kippe mir das Zeug
massenweise in die Augen. Es hilft immer nur für ein paar Minuten. Als der
letzte der Runde seine Rede zu Ende bringt, denke ich mir ‚Hallelujah’ und will
aufstehen und gehen. Denkste! Dann werden die Kameras gezückt und die Leute von
Ma’aden fotografieren sich mit den Studenten, denn wie sie vorher gesagt haben,
die Studis sind die Zukunft des Unternehmens.
Mein Eindruck ist, hier wird Ma’aden ein Bär aufgebunden.
Ich dachte, nur die Griechen sind Meister im Inszenieren und Märchenverkaufen.
Oh wie ich mich getäuscht habe! Die Araber sind auch Meister in dieser
Disziplin!
Als es endlich vorbei ist, stürze ich raus in die kühle Luft
und versuche wieder zu mir zu kommen. Einige Studenten sind besorgt und folgen
mir. Nach ein paar Minuten geht’s mir wieder gut.
Danach gehen wir in die Cafeteria zum Essen. Heute ist sie
besonders geschmückt und festlich und das Essen schmeckt auch besser.
Mit dem 6-Liter GMC-SUV geht es wieder nach Hause. Mein
ägyptischer Kollege wartet auf mich und berichtet mir, dass er mit jemanden in
Ha’il gesprochen hat, der ihm versichert hat, dass meine Reisetasche in der
Früh um 6 in Ar’ar sein wird. Wirklich? Wie kann das sein? Der erste Flieger
der hier ankommt, erreicht den Flughafen um 7:30 Uhr. Der Kollege meint, er
hätte dies dem Beamten gesagt, aber der Beamte blieb bei seiner Behauptung,
dass mein Gepäck in der Früh um 6 da sein würde. Da ich es irgendwie nicht
glauben mag, frage ich dem Kollegen, ob er Lust hat in der Früh mit mir nach
Ha’il zu fahren um die Reisetasche abzuholen.
Danach gehe ich mich duschen um den ganzen Parfümgeruch
loszuwerden.
Bilder vom Polytechnikum gibt es hier: (öffnet im neuen Fenster)
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