Irgendwann im Morgengrauen höre ich zuerst den Muezzin und
dann den Imam. Es ist betörend und ich schlafe selig weiter. Als mich um 6 Uhr
der Wecker aus den Träumen reißt, fällt es mir schwer aufzustehen. Musste lange
nicht mehr so früh aufstehen.
Um 7:20 Uhr gehe ich die Treppe runter zum Erdgeschoss und
blicke auf eine vor der Sonne orange erleuchtete Eingangstür. Wahnsinn! Am
Sicherheitspersonal vorbei, herzlichst gegrüßt und begrüßt und raus in die
Frische der Wüste. ´Ar´ar ist eine kleine Stadt mit ca. 240.000 Einwohnern
mitten in der Wüste im Nordosten des Königreichs. Den Namen bekam die Stadt von
einem ehemaligen Ölfeld namens „Feld RR“. Die Stadt wurde 1951 gegründet,
nachdem die Aramco Ölpipeline fertig konstruiert worden war. Anfangs war es nur
eine Ölpumpstation mit einem Gesundheitszentrum und es lebten nur wenige
Arbeiter dort. Langsam wuchs der Ort zu einer Stadt, der größten der
Nordgrenzregion. Der Name ´Ar’ar bedeutet ‚Wacholder’ auf Arabisch. Irak ist in
60 Km Entfernung und Jordanien ist auch nicht weit. Durch die Wüste ist das
Klima sehr trocken und in der Nacht ist es recht frisch.
Ich stehe vorm Eingang, schaue auf die Wüste gegenüber,
genieße den Sonnenschein und die klare Luft. Die Kollegen kommen so langsam und
wir begrüßen uns. Auf einmal kommen ein paar Afrikaner und ich wundere mich wer
sie sind. Mir wird erklärt, dass das die University of Missouri Leute sind, die
die Studis im zweiten Jahr unterrichten. Sie kommen aus Ghana und promovieren
in den Staaten. Das hier ist Teil ihrer Promotion.
Auf einmal höre ich eine Stimme aus einem der parkenden
Autos kommen und sagen:
„Guten Morgen Theo, du bist der Neue, nicht wahr?“
Oha, noch ein Gesicht das ich nicht kenne!
Es ist Doktor Suha. Der Doc ist Türke, lebt seit sehr vielen
Jahren in den Staaten, hat zwei Doktortitel und ist Leiter der Missouri-Truppe.
Doktor Suha ist einer der besten Menschen die ich je kennengelernt habe. Er
verteilt sogar Umarmungen an meine Kollegen und jeder liebt ihn.
Dann kommt Mohammed, unser Fahrer. Wir steigen in einen
klapprigen Nissan-Bus der vorm Haus steht ein und fahren los. Die Fahrt geht
quer durch die Stadt. Auf einer Stadtautobahn zwar, man kann jedoch einiges von
der Stadt sehen. Ich bin begeistert und kann vom Anblick gar nicht genug
bekommen. Eine Viertelstunde später kommen wir an und verteilen uns. Ein paar
gehen in die Cafeteria zum Frühstücken, der Rest ins Haupthaus in die Küche.
Dort gibt es Kaffe, Tee und Mineralwasser umsonst und soviel man will. Noch
etwas Positives in diesem Teil der Welt.
Ich folge Murray ins Büro und dann in einen Unterrichtsraum.
Eine Stunde schaue ich zu und dann habe ich Gelegenheit die Studenten
kennenzulernen und zu Unterrichten. Es ist gar nicht leicht die jungen Männer
in Zaum zu halten. Sie sind voller Energie und Leben und wollen so ziemlich
viel über mich erfahren. Außerdem haben sie nicht wirklich Lust auf Unterricht.
Obwohl sie zwischen 18 und 23 Jahren alt sind, habe ich das Gefühl eine Horde
Dreizehnjähriger vor mir zu haben.
Nach einer Stunde geht’s wieder ins Büro. Die nächsten paar
Tage werde ich Büroarbeit machen, Anwesenheiten der Studenten in Excel Dateien
eintragen.
Um 15:30 kommt Mohammed der Fahrer wieder und es geht zurück
im klapprigen Bus.
Kaum zu Hause, verschwinden alle in ihre Wohnungen.
Am späten Nachmittag fahre ich mit ein paar Kollegen zu
einem Supermarkt. Kaum drin, komme ich aus dem Staunen nicht mehr raus. Zuerst
gibt es einen Bereich indem Mobiltelefone, Laptops, Tablets, etc. verkauft
werden. Die Preise sind supergünstig, weil es hier keine MwSt. gibt. Alles,
aber wirklich alles, ist steuerfrei. Ein BlackBerry Q10 kostet hier 240 Euro,
ein iPad Mini 250 Euro, ein iPhone 5S weniger als 500. Danach geht es in den
eigentlichen Supermarkt. Alles gibt es in großen Portionen. Reis gibt es
ausschließlich in Säcken, ab 5 Kilo. Nichts darunter. Die 500gr Packung die wir
kennen, gibt’s hier nicht. Der größte Sack wiegt 50Kg. Waschpulver nur in sehr
großen Kartons und in einer Ecke gibt es ein paar sehr kleine Packungen
zwischen 90gr und 190gr. Wasser gibt es im Becher! In Flaschen und Behälter ab
3 bis 20 Liter. Hab mir gleich einen 20 Liter Behälter gekauft. Da man das
Leitungswasser auf gar keinen Fall trinken oder zum Kochen verwenden kann, gibt
es auch Wasser zum Kochen zu kaufen. Die Fleischtheke ist mager. Außer
Mortadella (Hähnchen und Rind) in verschiedenen Geschmacksrichtungen (mit
Oliven, Pfeffer, etc.) gibt es nichts anderes. Dasselbe mit dem geriebenen
Käse. Nur Mozzarella. Auch Zucker gibt es in größeren Verpackungen als bei uns.
Beim Obst- und Gemüsestand kann man Gott sei Dank ganz normal einkaufen. Ich
fühle mich mit meinen drei Äpfeln und fünf Orangen zwar etwas dämlich zwischen
den Arabern die auch hier alles in größeren Mengen kaufen, aber egal. Ich werde
positiv überrascht, als ich entdecke, dass es auch normales Brot gibt und nicht
nur Fladenbrot. Bei den Säften ist die Auswahl größer als bei uns und außerdem
gibt es viele mit exotischen Früchten, wie Guave, etc. Ich brauche etwas länger
als meine Kollegen, nicht nur weil ich mich erstmal zurechtfinden muss, sondern
weil mir die arabische Schrift und die Zahlen zu schaffen machen. Interessant
finde ich, dass es eine Theke mit Nüssen, Körnern, usw. gibt. Das Teeregal ist
zwar reichlich bestückt, aber von der Auswahl bin ich etwas enttäuscht. Lipton
wird hier gern getrunken merke ich. Gab’s in der Küche in der Arbeit auch
reichlich. Es gibt Gott sei dank nicht nur Lipton, sondern auch marokkanischen
und arabischen Tee und einen mit deutscher Expertise.
Als ich so durch die Gänge gehe, sehe ich viele Frauen die
alleine Unterwegs sind und einige die mit ihren Männern da sind. Positiv ist,
dass meistens die Männer den Wagen schieben und die Paare gemeinsam entscheiden
was gekauft werden soll.
Irgendwann kommt eine Durchsage, die Lichter gehen aus und
alle rennen zu den Kassen. Was ist los? Einer meiner Kollegen sieht mich und
meint: „Schnell, zur Kasse! Gleich ist Betenszeit und der Laden schließt. Wenn
du es nicht rechtzeitig schaffst, müssen wir warten bis die Betenszeit um ist.“
Also mache ich mich auf zur Kasse und schaffe es rechtzeitig
aus dem Supermarkt.
Während der Betenszeit schließt hier alles. Wenn man sich
gerade in einem Supermarkt befindet, sollte man wenn die Ansage kommt, sich
schleunigst auf dem Weg zur Kasse begeben. Da die Leute vom Supermarkt wissen,
wann Betenszeit ist, wird die Ansage entsprechend zeitig gemacht, damit alle es
rechtzeitig schaffen. Braucht man jedoch etwas länger, oder man schafft es
nicht rechtzeitig zu bezahlen, muss man seinen Einkaufswagen stehen lassen,
sich nach draußen begeben und warten bis der Laden wieder aufmacht. Irgendwo
habe ich mal gelesen, dass sich das Personal auf dem Boden wirft und betet und
die Leute warten lässt. Das ist Schwachsinn! Keiner wirft sich auf dem Boden um
zu beten, weder das Personal, noch die Konsumenten. Die Tür wird zugesperrt,
alle werden nach draußen gebeten und wer mag, kann in eine Moschee zum beten.
Das gleiche gilt auch für Restaurants. Nicht jedoch für
Hotelcafés und Hotelrestaurants. Da Hotels nicht schließen können, wird die Bar,
bzw. die Küche zugemacht und es wird nicht serviert. Aber natürlich gibt es
auch Ausnahmen. Ich größeren Städten wo es sehr viele Expats gibt, so wie in
Dammam, wird die Tür des (westlichen) Restaurants zugesperrt, die Vorhänge
werden zugemacht und drinnen wird normal gegessen und bedient. Dort scheint die
Mutawa – die Religionspolizei, beide Augen zuzudrücken. Nicht so in ´Ar’ar.
Hier wird kontrolliert und es werden saftige Strafen verhängt. Deswegen gehen
die meisten Leute entweder am frühen Nachmittag raus, weil die Spanne zwischen
der dritten und der vierten Betenszeit groß ist, oder nach der letzten des
Tages. Da die Läden um 23 Uhr zumachen, hat man genügend Zeit.
Ich schaffe es rechtzeitig zu bezahlen und wundere mich,
dass ich so wenig zahlen muss. Das Leben hier ist wirklich sehr günstig! Trotz
aller Hektik, findet der Kassierer ein wenig Zeit um mit mir zu plaudern. Er
kann etwas Englisch und nachdem er gefragt hat woher ich komme und was ich hier
mache, heißt er mich in der Stadt und im Land willkommen. Ich fühle mich geehrt
und gerührt.
Rasant geht es über die Stadtautobahn wieder zurück nach
Hause. An die hiesige Fahrweise muss ich mich noch gewöhnen.
Bilder gibt es hier. (Öffnet im neuen Fenster)
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