Teil 1
Hier bin ich wieder an einem Donnerstagnachmittag im Athener Flughafen. Ich schreite durch die Halle Richtung Passkontrolle mit meinem Rucksack an den Schultern, derselbe Rucksack der mich auf meinen Reisen in den vergangenen Jahren begleitet hat. I schaue mich noch mal um und sehe wie meine Liebste und meine Liebsten weinen und möchte am liebsten den Tränen freien Lauf lassen. Ich winke noch mal zurück ehe ich um die Ecke durch die Passkontrolle gehe und aus dem Blickfeld verschwinde.
Saudi ruft. Ein neues Abenteuer ist dabei zu beginnen, oder hat es schon längst angefangen? Dieses mal ist es kein Trip ins Ungewisse, es ist eine Reise in ein neues Abenteuer, einer neuen Erfahrung. Neuer Job, neue Stadt, neue Studenten, alles neu. Riad ruft. I habe versucht nicht dahin zu ziehen, ich wäre viel lieber entweder zurück nach Ar’ar oder in eine andere kleine Stadt gegangen. Ich mag Riad nicht. Schon vom ersten Augenblick war mir die Stadt unsympathisch. Zu groß, zu chaotisch, zu modern. Die Stadt hat keinen Charakter. Es ist eine große Baustelle mit sehr modernen Gebäuden. Überall Glaspaläste, Einkaufszentren, hohe Gebäude und dazwischen riesige Straßen, Ringe, Stadtautobahnen auf denen gerast wird und man als Fußgänger kaum eine Chance hat sie zu überqueren. Die ganze Stadt scheint eine einzige Baustelle zu sein und ist ständig am wachsen. Es gibt kaum alte Gebäude und historische schon gar nicht. Es siehe alles sehr westlich aus. Da kann man gleich zu Hause bleiben. Wenn man was typisches arabischen sehen und erleben möchte muss man in die Provinz. Dort gibt es so gut wie keine modernen Bauten, keine Einkaufszentren und keine Glaspaläste.
Noch aus einem anderen Grund wollte ich nicht nach Riad. Wie im ganzen Land, gibt es auch in der Hauptstadt keine öffentliche Verkehrsmittel. Man braucht ein Auto. Ohne ist man aufgeschmissen. Und genau da fängt der Spaß an. Sein eigenes Auto darf man nur unter zwei Vorraussetzungen mitbringen: a) es ist unter drei Jahre alt und b) man hat eine IQAMA, eine Art Sozialversicherungsnummer.
Glücklich ist, wem ein Auto von der Firma zur Verfügung gestellt wird und einen internationalen Führerschein besitzt. Der EU Schein allein reicht nicht aus. Eines mieten geht nicht so einfach. Es kommt auf das Visum an das man hat. Eines kaufen geht nur mit IQAMA. Auch wenn man ein Auto fahren, bzw. kaufen oder mieten kann, wird man es nicht genießen. Schon mal in Neapel Auto gefahren? Hier ist es x-mal schlimmer. Die Saudis haben eine Fahrstill unter aller Sau. Sogar als Mitfahrer macht man sich in die Hosen. Blinker? Was ist das? Tempolimits? Kinderkram. Es wird überholt was das Zeug hält und von allen Seiten. Auf drei Fahrspuren passen gut fünf Autos nebeneinander. Die meisten Autos sind auch deswegen zerbeult oder quasi Schrott. Durch den deutschen TÜV kommen die sicherlich nicht. Auch nicht wenn man den Prüfer schmiert.
Ein weiteres Problem ist sich zurechtzufinden. Auf Google Maps kann man nicht zurückgreifen, weil die Pläne nicht aktuell sind. Es gibt zwar Navis zu kaufen, aber ob die Software mit dem Wachstumstempo der Stadt mithalten kann mag ich bezweifeln.
Ohne Auto fühlt man sich wie ein Gefangener. Gefangen in seinen vier Wänden. Man ist sehr begrenzt. Wo kann man denn auch hingehen? Um den Block, in die nähere Umgebung? Und was macht man im Sommer bei 45 Grad im Schatten? In einer Kleinstadt kann man, außer in den heißen Sommermonaten, überall zu Fuß oder mit dem Fahrrad gelangen.
Ein Taxi zu nehmen ist eine Option. Bloß, die meisten Taxifahrer sprechen kein Englisch, kennen sich nicht so gut aus und wie soll man einem den Weg erklären wenn man a) kein Arabisch kann, b) sich selber nicht auskennt und c) viele Schilder auf Arabisch sind? Außerdem versuchen die Fahren einen mit dem Fahrpreis zu bescheißen. Als Weißer hat man die Arschkarte gezogen, da zahlt man am meisten. Trost ist, dass es immer noch spottbillig im Vergleich zu uns ist.
Gehe durch die Passkontrolle und den Duty-Free-Bereich zum Gate. Ich wollte mein Ticket upgraden aber es ging nicht. Die dafür nötigen Ausrüstung gibt es nicht ab Flughafen. Man kann nur einchecken, Tickets kaufen geht nicht. 24 Stunden vorher übers Telefon wäre ein Upgrade möglich gewesen. Also nix ist mit flauschiger Lounge und Nektar schlürfen.
Der Flug mit Gulf Air ist ganz angenehm. Ich habe einen Fenstersitz neben dem Notausgang der mir Extraplatz zum Ausstrecken beschert. Der Flieger ist zwar nicht völlig ausgebucht, aber dennoch ziemlich voll. Neben mir sitzen zwei Burschen die arabisch aussehen, aber einen amerikanischen Akzent haben. Sie unterhalten sich ein wenig am Anfang und dann schalten sie die Bildschirme vor sich ein und gucken sich Filme an. Ich lese den Spiegel bis zum Abendessen. ‘Es gibt Reis, Baby’ wie Helge Schneider sagen würde. Ein kleiner Vorgeschmack aufs Kabsazeigl das mich erwartet. Wenigstens wird es wahlweise mit Kalbfleisch serviert. Nach dem Abendessen schaue ich mir einen Film an.
Kaum ist der Film zu ende, sind wir auch schon in Bahrain. Ich war noch nie in Bahrain und wollte schon immer mal hin, schade dass die 3,5 Stunden Aufenthalt nicht ausreichen um in die Stadt zu gehen. Vielleicht verbringe ich hier meinen nächsten Urlaub.
Ich schlendere durch die Duty-Free Zone und schaue mir die Geschäfte an. Dann entdecke ich in einem Geschäft einen blauen Porsche Carrera 4S. Die majestätische Schönheit dieses Autos zieht mich magisch an und ich betrachte es von der Nähe. Da kommt eine Verkäuferin auf mich zu und meint: Wenn Sie eine Anzahlung leisten, verschiffen wie es kostenlos in Ihr Land und sie zahlen den Restbetrag später. Sauber!!! Da kein Preisschild zu sehen ist und mein Jahressalär sicher nicht reicht, lächle ich der Dame zu und meine: Es ist ein sehr schönes Auto und es würde mir schmeicheln es zu besitzen, aber ich stehe eher auf Motorräder und würde gerne eine BMW 1200er GS Adventure kaufen.
Nachdem ich durch alle Geschäfte gegangen bin, finde ich eine wifi - Ecke in der Nähe meines Gates und setze mich hin. Ich nehme mein iPad raus, höre Musik und schreibe ein paar Mails. Plötzlich entdecke ich einen Schatten auf dem Boden vor meinen Füßen und höre eine weibliche Stimme durch meine Ohrhörer. Ich nehme die Stöpsel raus, hebe meinen Kopf, sehe drei Sicherheitsleute vor mir stehen, frage ‘Bitte?’, sie antworten aber nicht, zucken nur mit den Schultern und gehen weiter. Was war das denn?
Ich schreibe weiter an meinen E-Mails und um 2:35 in der Früh wird das Gate geöffnet und wir dürfen in den Flieger. Nicht viele Menschen wollen um die Uhrzeit nach Riad fliegen. Es sind hauptsächlich asiatische Männer, ein paar Saudis und wenige Frauen und Kinder. Ein paar Frauen reisen alleine.
Dieses Mal habe ich einen Gangsitz. Neben mir sitzen zwei Pakistaner, mir gegenüber zwei Inder. Noch bevor wir aufs Rollfeld fahren, zuckt einer der Inder mit seinen Reisepass, einem Zettel und einem Kuli und sagt mir etwas was ich nicht verstehe. Ich kapiere aber was er möchte. Der Zettel kommt mir bekannt vor. Es ist das Formular, das man bei der ersten Einreise ins Königreich ausfüllen muss. Ich nehme seinen Pass und fülle den Zettel aus. Stelle ihm ein paar Fragen nach Angaben die nicht im Pass stehen. Bei der Frage nach der Religion muss ich schmunzeln. Soll ich Pastafari, Jude, Atheist oder etwas anderes hinschreiben, das die arabischen Grenzbeamte garantiert nicht witzig finden? Ich entscheide mich zu fragen und schreibe seine Religion hin. Danach möchte der andere Inder, dass ich den Bogen für ihn ausfülle und danach die zwei Pakistanis neben mir.
Auf einmal fühle ich mich um viele Jahre zurückversetzt und erinnere mich an eine Geschichte die mir mein Grundschullehrer erzählte. Am Anfang seine beruflichen Karriere wurde er in ein entlegenes Dorf zum Unterrichten geschickt. Dort konnten die meisten Dorfbewohner weder lesen noch schreiben. Jedes Mal wenn sie einen Brief bekamen oder einen schreiben wollten, klopften sie an die Tür des Lehrers. Jahrzehnte später finde ich mich in derselben Situation wider.
Der Flug dauert etwas über einer Stunde und verläuft ganz angenehm. Als wir ankommen geht es durch denselben Gang wie beim ersten Mal als ich im Königreich gelandet bin. All die Erinnerungen schießen mir durch den Kopf. Dieses mal jedoch ist so ziemlich alles anders. Da gibt es Beamte die einen zur richtigen Schlange dirigieren, sodass man nicht suchen und fragen muss. Es sind viel weniger Leute da und es gibt auch kein ‘System down!!!’
Ich marschiere nach ganz vorne in der re-entrz Schlange und als ich vorne ankomme dirigiert mich ein Beamter zu einen Schalter an dem keiner steht. Dort kann mir aber aus irgendeinen Grund nicht geholfen werden, deswegen nimmt mich der Beamte zu einem anderen Schalter mit an dem Leute stehen. Er schickt sie weg zum Schalter wo ich vorher gewesen bin und ich werde sofort bedient. Mein Pass und Visa werden kontrolliert, meine Finger gescannt und nach nicht mal einer Minute darf ich durch zum Gepäckband. Das war’s! Keine zwei Stunden Wartezeit wie beim ersten Mal und kein ‘System down!!!’
In anderen Ländern nimmt man sein Gepäck in Empfang und geht einfach raus. Nicht so in Saudi. Hier geht die Gaudi weiter. Man muss sein Gepäck noch einmal durch die Röntgenmaschine jagen. Erst danach darf man raus. Ich schieb alles rein, nehme meine Sachen auf der anderen Seite wieder in Empfang und mache mir plötzlich Gedanken wie mich der HR Mensch denn erkennen wird. Wird er professionell mit einem Blatt Papier auf dem mein Name geschrieben ist hinter der Glastür stehen und auf mich warten, oder wird er es wie der Filipino beim letzten Mal machen, der nach Gefühl gegangen ist? Ehe ich durch die Tür schreite, schaue ich mich um und sehe, dass ich der einzige Weiße bin. Was mache ich mir Sorgen!
Tatsächlich steht jemand mit einem Blatt auf dem mein Name geschrieben ist und wartet auf mich. Es ist aber nicht der HR Mensch, sondern der Fahrer. Er nimmt meinen Rollkoffer mit der einen Hand und zückt sein Handy mit der anderen. Ein flüchtiger Blick auf sein Handy löst eine Verwunderung in mir aus. Es handelt sich um ein sehr einfaches Gerät mit einfarbigem Display und Tasten. Ich dachte in Zeiten in denen jeder mit einem schicken Smartphone durch die Gegend rennt, wären die Dinger nicht mehr erhältlich.
Wir gehen Richtung Rolltreppe und dort erscheint ein riesiger Mann. Das ist der HR Mensch auf den ich gewartet habe. Wir gehen die Treppe runter zum Parkplatz und der Fahrer verschwindet mit meinem Gepäck.
‘Keine Angst, er holt nur den Wagen’, sagt der HR Mensch.
Wir unterhalten uns kurz und nach nicht mal einer Minute fährt der Fahrer vor. Er öffnet die Tür für mich, ich steige ein, verabschiede mich vom HR Menschen, wir fahren durch die Schranke und entschwinden in die Nacht.
Die Fahrt ended ein paar Minuten später beim Hotel. Die Fahrt zum Hotel kommt mir bekannt vor. Hier bin ich auch beim letzten Mal entlang gefahren worden. Das Hotel in das mich der Filipino brachte liegt in der Nähe.
Es ist 5 Uhr früh, ich bin müde und fühle mich plötzlich als ob ich einen Whisky trinken wollte. Von irgendwoher höre ich Bon Jovi ‘Dry County’ singen. Ja John, es ist ein trockenes Land und es wird lange dauern bis ein alkoholisches Getränk über meine Lippen den Gaumen runter fließt.
Und plötzlich vermisse ich meinen Sommer in Hull.
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