Samstag, 25. Oktober 2014

Riad Teil 2

Der Fahrer nimmt mein Gepäck aus dem Kofferraum und trägt es rein ins Hotel. Ich verharre noch ein wenig auf den Stufen des Hoteleingangs und schaue in die Nacht. Es ist warm, trocken und die Luft fühlt sich sandig an. 
“It’s 5 o’clock somewhere” sagte mal ein Barman zu Slash als er um 11 Uhr morgens ein Glas Whisky bestellte während er irgendwo in den US und A auf seinen Flug wartete. Der ehemalige Guns’n’Roses Gitarrist Slash, machte diesen Satz zum Titel seines ersten Soloalbum. 

Jetzt ist es 5 Uhr und ich wünschte ich hätte ein Glas Whisky. Oh Harry, wo bist du denn nun mit deiner erlesenen Auswahl an feinen Tropfen? “Dry county….” höre ich Bon Jovi wieder singen. “Ich habe dich gehört John, nun schleich dich aber!” 
“Dry county, we’re swimming in the sand…” 
Das tun wir hier wirklich John! Jetzt schleich dich aber! Weg! Weg! Und bevor er und seinen Mannen in die sandige Nacht entschweifen, nimmt John sein Mikro voller Passion in die Hand und singt noch mal inbrünstig die erste Zeile des Refrains: “Dry county, we’re swimming in the sand…”
Was macht man wenn man nichts zu trinken bekommen kann? Zündet man sich eine an? Kann es nicht machen. Habe das Rauchen vor vielen Jahren aufgegeben.
Der Fahrer kommt wieder heraus, verabschiedet sich, steigt in sein Auto ein und fährt weg. Ich drehe mich um und gehe in Richtung Rezeption wo mein Gepäck auf mich wartet. Der Herr am Empfang erklärt mich, dass im Paket ein Frühstück und ein Mittag- oder Abendessen enthalten sind und ich es mir aussuchen kann wann ich was essen möchte. Frühstück ist von 8 bis 11, Mittag von 12:30 bis 4 und Abendessen von 7 bis 10. Es ist ein Büffet und ich kann so viel essen wie ich will und kann. Er zeigt mir den Weg zum Restaurant und ruft dann einen Angestellten um mein Gepäck aufs Zimmer zu bringen. Vierter Stock in einem fünf Sterne Hotel. Es Zimmer ist nichts besonderes, ein Standardzimmer und viel zu klein für hiesige Verhältnisse. Es hat die Größe eines europäischen Hotelzimmers. Es ist einkalt im Zimmer und ich schalte deswegen die Klimaanlage aus. Straßenlärm ist zu hören. Das Zimmer schaut direkt auf die Autobahn. Das kann ja heiter werden! Gott sei dank habe ich Ohrenstöpsel dabei. Das ist eine Motorradfahrergewohnheit. Motorradfahrer haben bei längeren Autobahnfahrten wegen der enormen Geräuschkulisse meistens Ohrenstöpsel dabei. 
Ich entdecke den Kühlschrank und öffne ihn. Drin finde ich eine kleine Flasche Apfelsaft. Ist zwar kein Whisky, hat aber eine ähnliche Farbe. Es ist schon hell draußen als ich mich so gegen 6 Uhr schlafen lege, aber dank der extrem dicken Vorhänge ist es im Zimmer dunkel. 
Ich wache so gegen 13 Uhr auf, weil ich das komische Gefühl habe nicht alleine im Zimmer zu sein. Mag sein dass es ein Traum und nicht Wirklichkeit ist, aber als ich die Augen aufmache entdecke ich den Putzmann am ende des Bettes. Wir erschrecken uns beide und er entschuldigt sich und berichtet, dass ihm gesagt wurde, dass dieses Zimmer frei geworden und bereit zum Saubermachen ist. Er nimmt sein Zeug und geht. 
Ich stehe langsam auf und mache mich langsam fertig. Dusche erstmal sehr lange und wenn ich fertig bin, gehe ich runter ins Restaurant zum Mittagessen. Das Restaurant geht in die Länge und in die Breite und in der Mitte befindet sich das Büffet, das den Raum in zwei teilt. Rechts davon ist der Männerabschnitt und links davon der Frauen-, Paare- und Familienabschnitt. Die Dekoration ist mediterran angehaucht, mit hellblauen und cremigen Farben und Vögeln und Muscheln, etc. Das Büffet ist sehr üppig. Es stehen sechs Hauptgerichte zur Auswahl, dazu einige Beilagen, verschiedene Brote, Vorspeisen, Salate, Nachspeisen und Getränke. Ein Kellner kommt und fragt mich was ich zu trinken haben möchte, da er kein Getränk auf meinen Tisch sieht. Ich frage nach eine Pepsi Light und kaum eine Minute später steht der Kellner vor mir mit einer Dose in der Hand. Nicht viele Leute sind um die Uhrzeit hier. Ich schaue mich um und sehe ein paar arabisch aussehende Männer auf meiner Seite und ein paar Paare auf der anderen. Nur ein Paar ist weiß. 
Nach meinem ausgiebigen Mittagessen gehe ich durchs Hotelgelände spazieren. Bevor ich mich auf die Reise nach Saudi gemacht habe, hat mir der HR Mensch eine E-Mail geschickt in der stand, dass er ein Zimmer für mich im Madareem Crown gebucht hat. Weil mir der Name komisch vorkam, dachte ich er hätte da was durcheinander gebracht und meint vielleicht das Mandarin Oriental. Nach einer Recherche im Internet fand ich heraus, dass es in Saudi kein Mandarin Oriental gibt, und dass der HR Mensch recht hatte. Schade! Auf der Seite des Madareem Crown sah ich dass es sich um ein riesiges fünf Sterne Hotel handelt. Der Pool sah auf den Fotos vielversprechend aus, in der Realität ist er aber recht klein. Dafür entdecke ich einen zweiten, der im Internet nicht erwähnt wird. Im Garten des Hotels gibt es zudem einen Blumenladen, einen Kiosk, ein Cafe, ein Fischrestaurant mit den zweiten Pool und die Villas für die besonders betuchten die sich keine Standardzimmer oder Suiten antun möchten. 
Ich verschwende noch einige Zeit mit auf dem Hotelgelände Herumgehen und gehe dann auf mein Zimmer und gucke etwas Fern. Es gibt nichts in der Nähe und man kann nirgendwo Spazieren gehen. Ich rufe einen ehemaligen Kollegen aus Ar’ar an der auch hier ist und wir machen aus, dass er mich abholen kommt. Da er erst seit kurzem in der Stadt ist und sich nicht auskennt und auf Google Maps auch nicht wirklich Verlass ist, dauert es eine Weile bis er da ist. Wir umarmen uns als er endlich da ist. Er hat zwei neue Kollegen mitgebracht. Sie wollen nicht im Hotel etwas trinken, weil sie der Meinung sind, dass es zu teuer ist. So entscheiden wir uns irgendwo in der Stadt etwas trinken zu gehen. Zu einem der großen Einkaufszentren. Es ist Freitag Abend und was kann man in Saudi machen? Sicherlich nicht saufen und tanzen. Man kann entweder in ein Cafe, einem Restaurant oder in ein Einkaufszentrum wo man beides findet. 
Wir gehen zum Hotelparkplatz wo ziemlich viele große Autos und Luxuskarossen stehen. Ich frage: “Welches ist deins?” und erwarte dass er auf einen KIA, Hyundai oder ähnliches zeigt. Aber sein Finger zeigt auf einen Mercedes 280 SE in hellblau!!! Oh wie ich meinen Herrn Benz vermisse! Ich besitze einen 260er SE in dunkelblau. 
Weil wir uns verfahren, brauchen wir eine Zeitlang bis wir an der Riyadh Gallery ankommen. Es handelt sich nicht um eine Kunstgalerie wie der Name vermuten lässt. Es ist ein Einkaufszentrum. Der Parkplatz ist voll, aber nach ein paar Runden im selbigen finden wir eine Lücke. Kaum aus dem Benz raus, meint einer, es hat das Gefühl, dass es Familientag ist. Echt jetzt? Ja. Mist! Es ist Familientag! Als wir den Eingang erreichen lässt uns der Wachmann nicht rein, weil wir einzelne Männer sind und keine Frauen dabei haben. 
Gegenüber der Riyadh Gallery befindet sich die Marina Mall. Wir versuchen unser Glück dort, haben aber auch dort kein Glück. Es scheint in der ganzen Stadt Familientag zu sein. Familientag bedeutet, wie der Name vermuten lässt, Eintritt nur für Frauen, Kinder, verheiratete Paare und Familien. Männer ohne weibliche Begleitung müssen draußen bleiben.
Wir fragen den Wachmann ob es auf der Außenseite ein Cafe gibt und er weist uns den Weg dahin. Das Cafe ist nichts besonderes, ist aber sehr teuer. Vier Getränke (ein Espresso, ein großer Kaffee und zwei Shakes) kosten 17 Euro. Für diese Summe kann man in Ar’ar mit der ganzen Familie im Restaurant essen. Ich mache keine Spaß. Wir sind mal zu dritt in ein türkisches Restaurant essen gewesen, das sogar zu den teueren gehört und ich habe für alle drei 19 Euro inklusive Trinkgeld bezahlt. Wir hatten soviel zu essen, dass wir nicht alles aufessen konnten. 
Auf dem Rückweg geht es schneller und ich gehe sofort ins Bett.
Samstag früh. Ich stehe kurz vor 11 Uhr auf und gehe frühstücken. Da ich nicht weiß wann ich wieder etwas zu essen finde, esse ich soviel ich kann um durch den Tag zu kommen. Da ich mich immer noch müde fühle, lege ich mich wieder schlafen. Ich habe ja Zeit bis um 14 Uhr wenn der Fahrer kommt um mich abzuholen und zu meiner Wohnung zu bringen. Ich stelle den Wecker auf 13 Uhr. Um 13 Uhr jedoch klingelt das Telefon. Der Herr vom Empfang ist am Apparat und teil mir mit, dass mein Fahrer schon da ist. Jesses! Hat er nicht 14 Uhr gesagt? Ich dusche und packe schnell und geh runter zur Rezeption. Dort werde ich gefragt ob ich etwas aus der Minibar hatte. 
“Ja, warum?”
“Sie müssen dafür bezahlen mein Herr!”
“Echt? Ist das nicht umsonst? Sie haben gestern nichts erwähnt und es hängt nirgendwo eine Preisliste.”
“Es tut mir wirklich sehr leid mein Herr, aber es ist nicht umsonst. Was hatten Sie?”
Gute Frage. Außer einer Dose Pepsi und einer kleinen Flasche Wasser, habe ich sie leergetrunken. Aber das erzähle ich ihm nicht. 
“Ich hatte die große Flasche Wasser, die zwei Schokoriegel, eine Dose Orangenlimo und etwas anderes and das ich mich nicht erinnere. 
“Wir schicken jemanden aufs Zimmer um nachzuschauen und lassen Sie es wissen.”
“Wo ist der Fahrer?”
“Irgendwo im Cafe.”
Ich bekomme eine SMS vom HR Menschen der mir mitteilt, dass sie hier sind. Ich gehe ins Cafe und sehe sie bei Kaffee und Kuchen. “Wir warten schon seit einer geschlagenen halben Stunde.”
“Sie, der Fahrer und der Herr am Empfang haben mir 14 Uhr gesagt. Jetzt ist es 13:40, also bin ich 20 Minuten zu früh da. Ich bin fast fertig. Muss noch die Rechnung unterschreiben und die Minibar bezahlen.”
Auf der Rechnung für die Minibar stehen 69 Rial. Ich zahle mit einen Hunderter und bekomme 33 zurück. Wie geht das? Ich frage was ich außerdem noch bezahle und er meint den Apfelsaft. Gott sei dank haben sie nicht bemerkt, dass die Red Bull Dose und ein paar andere Dosen fehlen.  
Der HR Mensch erzählt mir, dass ich jetzt zur meiner Wohnung und zu einem Supermarkt gefahren werde. Der Fahrer wird mir auch zeigen wo der Bus zur Arbeit hält und er sagt mir auch die Abfahrtszeiten. Dann nimmt der Fahrer mein Gepäck und platziert es in einen Ford Taurus. Der HR Mensch steigt in sein Auto ein und fährt weg. Wir fahren zuerst gen Süden und dann dreht der Fahrer um und fährt gen Norden. Was wird das?
“Sind Sie sich sicher, dass dies der richtige Weg ist?”
“Ja, ja.”
Vielleicht will er Staus im Zentrum vermeiden und fährt außen herum. Aber nach nicht mal einer Viertelstunde biegt er in eine Gegend ab die sich noch im Bau befindet. Eine riesige und einzige Baustelle sehe ich vor mir. Es schaut dreckig, schlecht und mondhaft aus. Ich frage wo wir sind und er meint “Yasmin Quarter”.
“Warum Yasmin? Sollte ich nicht ins Diplomatische Viertel?”
“Noch nicht fertig!”
Mist!
Wir fahren zu einem Minimarkt. Mir wird gesagt, dass es die einzigen Geschäfte in der Gegend sind. Ich schaue mich um und sehe: zwei Minimärkte, zwei Reinigungen, drei Läden die ich nicht ausmachen kann was sie sind und zwei Esslokale mit bengalischer und pakistanischer Küche.
Nach einem kurzen Besuch im Minimarkt, fahren wir für eine Minute weiter und halten vor einem brandneuen Gebäude. Wir gehen zum ersten Stock, der Fahrer öffnet die Tür und gehen in die Wohnung rein. Es ist eine riesige, über 100qm große möblierte Wohnung. Sie riecht sogar neu. Trotz der Möbel, sieht sie leer aus. 

Kein Internet sagt der Fahrer bevor er geht und die Tür hinter sich zu macht. Ich sinke auf die Couch.








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