Die letzten Worte des Fahrers hallen noch durch die Wohnung: “Kein Internet, Sir!” Ich sitze immer noch noch auf der großen Couch im Wohnzimmer und denke mir: ‘Was ist das für ein Scheißstart!’ Hier sitze ich nun ganz allein in einem brandneuen, möblierten, 100 oder so qm Haus, das trotz der Möbel sich leer anfühlt und auch so ausschaut. Es hallt wenn man ein Geräusch macht. I gehe durch die Räume und schaue was da alles steht und gibt. Ein Schlafzimmer mit einem etwas breiteren Einzelbett, ein zweites Schlafzimmer mit einem Doppelbett, eine große Küche, das Wohnzimmer, ein Esszimmer und zwei Badezimmer. In einem der beiden steht eine Waschmaschine. Sie steht direkt vor der Dusche. Essen idiotische Idee war das denn? Wird sie jedes mal mitgeduscht wenn ich dusche? Wird sie nicht rosten? Was ist mit der Elektrik? Ich beschließe meine Nachbarn kennenzulernen und sehen wer sie sind. Ich klingle an der Tür nebenan. Nach einer halben minute öffnet ein arabisch ausschauender Mann die Tür. Ich stelle mich vor und wir beginnen ein Gespräch. Er scheint ein guter Mensch zu sein und gibt mir jede Menge Informationen. Er ist auch sehr geduldig und antwortet alle mein Fragen. Er hält die ganze Zeit die Tür so angelehnt, dass man nicht in seine Wohnung reinschauen kann. Das ist was man hier ‘Die Familie beschützen’ nennt. Man wird nie jemandes Frau kennenlernen. Man lernt die Kinder nur kennen, solange sie klein sind oder sie dasselbe Geschlecht haben wenn sie älter sind. Wenn man schon über Kinder spricht, einer seiner Söhne lugst durch die Tür und kommt nach draußen und stellt sich mir vor.
Nach ein paar Minuten verabschiede ich mich und klingle an einer anderen Tür. Keiner Antwortet. Ich klingle an der letzten der vier Türen auf meinem Stockwerk und nach etwa einer halben Minute öffnet ein arabisch ausschauender Mann in den Dreißigern. In beiden Fällen handelt es sich nicht um Saudis, aber um Leute aus der Region. Der Mann lächelt und begrüßt mich herzlich, scheint es aber etwas eilig zu haben und unser Gespräch endet nach einer Minute. Oh wie ich mir wünsche zurückk in Ar’ar oder irgendwo im Vereinigten Königreich zu sein! Dort wird man zum Tee eingeladen und speziell in Yorkshire wird einem mit was auch immer man braucht geholfen und die Leute dort haben kein Problem damit einem die ganze Familie vorzustellen.
Zurück in meiner Wohnung gehe ich nochmal durch sämtliche Zimmer und schaue in den Schränken und Schubladen. Kein Bügeleisen, kein Bügelbrett, kein Wäscheständer, kein Wischmob. Gott sei dank gibt es Teller, Besteck, Gläser, Kopfkissen und eine Steppdecke. Ich gehe zu den Fenstern um zu sehen was für eine Aussicht ich habe. Überhaupt keine. Die gegenüberliegenden Gebäude befinden sich in Reichweite und deren Fenster befinden sich direkt gegenüber meinen. Ich verstehe die Leute nicht. Zuerst machen sie einen Riesenaufstand um die Privatsphäre, bauen hohe Mauern um die Häuser herum, damit keiner in den Garten reinschauen und Blicke auf Frauen und Kinder erhaschen kann und dann kommen sie in einem Neubaugebiet und bauen die Häuser sehr dicht beieinander.
Ich schalte den Fernseher an der an der Wohnzimmerwand hängt und zappe durch die gut 1500 Kanäle. Nicht ein einziger Sender ist auf Englisch. Sogar BBC, Euronews und CNN sind auf Arabisch. Ich halte bei einem pakistanischen Sender an der Cartoons zeigt. Tom & Jerry. Dann beschließe ich auszupacken. Das wird eine schwierige Zeit werden.
Es gibt große Kleiderschränke in die die Ausstattung einer großen arabischen Familie schlucken können, aber keine Kleiderbügel. Ich stelle fest, dass es auch keine Möglichkeit gibt Hand- und Badetücher in Bad und Küche aufzuhängen. Ich werde improvisieren müssen. Während ich auspacke und all meine Sachen in den Schränken und Schubladen tue, rieche ich Essen. Jemand kocht etwas sehr leckeres und der Geruch kommt durch die Küche. Ich habe Hunger, aber ich habe nichts essbares da. Außerdem braucht man Tafelwasser zum Kochen und das einzige Wasser das ich habe ist die 1,5 Liter Flasche aus dem Hotelkühlschrank. Leitungswasser in diesem Land, bin mir nicht sicher ob es in der gesamten Region auch so ist, ist nicht zum Kochen und Trinken geeignet. Es ist nur zum Waschen gut. Es gibt ein spezielles Wasser zum Kochen, oder man kauft sich Tafel- oder Mineralwasser zum Trinken und zum Kochen. Es hört sich zwar nach vielem Schleppen von schweren Wasserflaschen an, ist es aber nicht. Es gibt Firmen die sich darauf spezialisiert haben Wasser zu liefern. Man ruft sie an, registriert sich, sie kommen an einem bestimmten Tag, zu einer bestimmten Zeit, in diesem Haus wurde mir gesagt ist es Samstag um die Mittagszeit, man zahlt ca. 30 Euro beim ersten Mal und bekommt seine erste Flasche und ein Heft mit 20 Gutscheinen. Sie kommen einmal in der Woche vorbei, immer am selben Tag, zur selben Uhrzeit. Man muss nicht einmal da sein. Man stellt einfach die leere 19 Liter Flasche mit einem Gutschein vor die Haustür und sie wird mit einer vollen getauscht. Sehr praktisch für Familien.
Ich gehe eine Weile durch meine Wohnung. Sie wirkt kalt und charakterlos. Obschon sie sehr modern und brandneu ist, fühlt sie sich wie ein Gefängnis an. Nicht komfortabel, warm und kuschelig. Liegt es an den Farben, an der Größe, an der Leere? Bin nur ich es der so fühlt oder sind es die anderen auch? Ich sitze auf der Couch und schaue mir ein paar Cartoons an. Nach einer Weile beschließe ich ins Bett zu gehen. Trotz des großen und guten Bettes kann ich nicht schlafen.
Die Stimme des Muezzins weckt mich früh am Morgen auf. Ich mache mich sehr langsam fertig und um 7:20 Uhr gehe ich runter vors Haus. Der Bus kommt eine Minute später an. Bus? Eher ein Van. Ich stelle mich dem Fahrer vor. Sein Name ist Ruel und er kommt aus den Philippinen. Er ist schon seit acht Jahren im Land und kann auch Arabisch sprechen. Nicht so gut, wie er gesteht. Es gibt noch einen Van vorm Eingang des Nachbarhauses. Der ist für die Frauen. Die anderen Lehrer kommen, wir stellen uns vor und alle steigen ein. Das ist der Moment in dem es still wird. Keiner spricht. Wir sind zu siebt und fünf von Lehrer haben Kopfhörer auf und hören Musik. Außer mir hört der Kollege der ganz hinten sitzt keine Musik. Ich werde mich auf dem Nachhauseweg neben ihm setzen. Wenigstens haben wir hier keinen Projektmanager der rumschreit so wie in Ar’ar. Die Fahrt dauert nicht lange. Etwa zehn Minuten später kommen wir an der Al Yamamah Universität an. Wir fahren durch die Pforte, der Sicherheitsmann steht auf und begrüßt den Fahrer und wir halten direkt vorm Hauptgebäude an. Einer der Lehrer öffnet die seitliche Schiebetür und jeder verschwindet sofort im Gebäude und geht Richtung Aufzüge. Ich folge ihnen. Wir fahren rauf zum zweiten Stock und ich finde die Tür nach der ich suchen muss. Der HR Mensch ist noch nicht da, also warte ich. Als er kommt, zeigt er mir als erstes mein Büro. Büro? Ich bin schockiert als ich sehe was er ein Büro nennt. Es handelt sich um einen Kubus mit einem kleinen Schreibtisch und drei Stühlen. Kein Fenster, kein PC, keine Regale, schlechtes Licht und wenn man die Arme ausbreitet berührt man die Wände. Am Fenster an der Tür wurde ein Papier mit meinem Namen geklebt. Der HR Mensch erklärt mir, dass diese Büros brandneu sind. Sie wurden diesen Sommer gebaut und fertiggestellt, um die neuen Lehrkräfte unterzubringen. Es gibt mehr Lehrer dieses Jahr und deswegen mussten auch neue Büros her. Der HR Mensch ist stolz und hat ein breites Grinsen bis zu den Ohren. Ich kann seine Freude nicht teilen und täusche eins vor. Ich kann mir nicht vorstellen viel Zeit hier drin zu verbringen.
Dann beginnen wir mit dem Papierkram des Anmeldeprozesses und um 9 Uhr muss ich zum Training. Training dauert vier Tage und es geht um die Methode und System der Uni und um Kultur, Gewohnheiten und Gepflogenheiten des Landes. So gegen Mittag lerne ich auch meinen Koordinator kennen. Ein Amerikaner der schon seit einigen Jahren hier ist. Er zeigt mir die Cafeteria und ein paar andere Orte die ich kennen muss. Ich bin von der Cafeteria enttäuscht. Es gibt ein Lokal das Dr. Coffee heißt und ein Subway. Kein Restaurant, kein richtiges Essen. Er lässt mich hier und geht zurück in sein Büro. Weil ich vor Hunger sterbe, begnüge ich mich mit Subway. Ich habe sehr lange versucht die amerikanische “Essenskultur” zu meiden, und jetzt bin ich hier an einer Uni in Saudi und bestelle ein “Footlong Sandwich”.
Nach dem “Mittagessen” versuche ich zurück zum Büro meines Koordinators zu finden, verirre mich aber. Zwei meiner Kollegen sehen mich und zeigen mir den Weg. Ich finde meinen Koordinator und er stellt mich einigen Kollegen vor. Ich kann mir all diese Namen nicht merken und sie mit den richtigen Gesichten assoziieren. Zu viel Info auf einmal. Information Overload wie ein befreundeter Computeringenieur sagt.
Die Hälfte des Teams scheint aus den Staaten zu sein und die andere Hälfte aus anderen Ländern, hauptsächlich aus dem arabisch sprechenden Raum. Ein paar kommen aus Pakistan, einer aus Indien und zwei Griechen sind auch dabei.
Was alle gemeinsam haben und was eine der Voraussetzungen war um hier einen Job zu bekommen, ist ein Hintergrund im englischsprachigen Raum. Man muss dort studiert und/oder als Englischlehrer gearbeitet haben. Wenn ich mir meine Kollegen näher betrachte, bemerke ich, das der schreiende Projektmanager aus Ar’ar recht hatte. Er pflegte zu sagen: Wer kommt in diese Region, geht aber auch in andere Länder wie China oder Japan um zu unterrichten? Der ganze Abschaum. Es sind all die Westler die es zu Hause zu nichts bringen können oder es zu nichts gebracht haben und geldgeil sind. All die die zu Hause arbeitslos sind oder keine Arbeit finden können, weil sie unterqualifiziert sind. Wenn ich mir diese Kreaturen um mich herum anschaue, meinen Koordinator inklusive, muss ich sagen, ja mein ehemaliger Projektmanager hatte hier recht. Schau wie sie ausschauen, wie sie angezogen sind. Schäbig, ärmlich, unansehnlich. Jetzt fange ich alles zu glauben was er uns damals erzählte und auch dieses beliebte Spielt unter den Amerikanern, wer kann mit weniger als 100 Dollar im Monat auskommen, scheint wahr und keine Erfindung seines Wahns zu sein. Die stilvollsten sind die Ägypter und die Pakistaner. Sie sind auch die am besten ausgebildeten. Das ist etwas was ich in anderen Ländern und auch in Ar’ar festgestellt habe. Kein Wunder, dass Menschen in bestimmten Ländern keine Menschen aus bestimmten Ländern mögen. Wenn man einen schäbig aussehenden muttersprachigen Englischlehrer vor sich hat, dessen einziges Ziel ist Geld zu verdienen und er sich nicht um Traditionen, Bräuche und Gepflogenheiten schert und nach mehreren Jahren im Land kein einziges Wort der lokalen Sprache kann, welches Bild wird den Schülern und Studenten denn übermittelt?
Weil ich nichts anderes zu tun habe, setze ich mich draußen in den Schatten und genieße die frische Luft. Ich kann nicht den ganzen Tag drinnen mit der Klimaanlage sein. Während ich hier sitze überlege ich mir, wie soll ich Arabisch lernen? Ich habe kein Auto, es gibt keine öffentliche Verkehrsmittel, die Person die mir die Sprache beibringen soll wohnt am anderen Ende der Stadt und ich bin mir sicher, sie wird bestimmt nicht stundenlang durch die Gegend fahren wollen. Und ich habe kein Internet. Auch wenn ich es hätte, ist die Verbindung dermassen schlecht, dass sie ständig abbricht. Ton und Bild sind von schlechter Qualität. Ich muss mir was ausdenken oder einen anderen Lehrer suchen.
Wohnungseingang
Bad 1, Teil 1, links vom Eingang.
Bad 1, Teil 2, immer noch links neben dem Eingang.
Esszimmer, Teil 1, rechts neben dem Eingang.
Esszimmer, Teil 2, immer noch rechts neben dem Eingang.
Wohnzimmer
Gang zum großen Bad und den zwei Schlafzimmern.
Küche
"Kleines" Schlafzimmer
Kleiderschrank und Klima im "kleinen" Schlafzimmer.
Großes Schlafzimmer.
Großes Bad. Waschmaschine direkt vor der Dusche.
Wohngebäude mit weißem Van der uns zur Uni bringt.
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