Donnerstag, 26. Juni 2014

Teil 19

Nach einem äußerst schwierigen und anstrengenden Arbeitstag, komme ich nach Hause und lege mich ins Bett. Ein paar Stunden später weckt mich der Gesang des Muezzins ganz sanft. Da es noch hell ich beschließe ich einen Spaziergang zu machen.
Ich trete vor die Tür, atme tief ein, die Luft ist klar und rein und sehr erfrischend. Da es noch Betenszeit ist fast keiner unterwegs. Die breite Straße vor unserer Residenz ist wie leergefegt. An der nahegelegenen Tankstelle stehen ein paar Autos und Menschen die darauf warten, dass der Tankwart wieder aufsperrt und sie tanken und einkaufen können. Mein Weg führt mich an einer Stelle vorbei, an der sehr viele LKWs wie im Foto unten stehen. Ich bin hier öfters vorbeigekommen, habe mich aber nie getraut näher ran zu gehen um zu sehen was sie da machen. Eigentlich weiß ich es schon, bloß aus der Nähe habe ich es noch nie gesehen. Jetzt ist keine Menschenseele da, also nähere ich mich. Es ist eine Quelle aus der Wasser sprudelt. Die LKWs werden mit Wasser befühlt, das dann zu den Haushalten der Stadt gefahren wird. In Saudi gibt es kein fließend Wasser aus der Leitung wie sonst wo. Das Wasser kommt altmodisch aus einer Quelle. Deswegen kann man und sollte man es auf gar keinen Fall trinken, sonst bekommt man Magenschmerzen und Durchfall. Auch darf man damit nicht kochen. Man benutzt es nur zum Waschen. Wasser zum Trinken und zum Kochen gibt es im Supermarkt zu kaufen.
Jedes Haus hat auf dem Dach einen Wasserbehälter in dem das Wasser reinkommt und wenn es fast aufgebraucht ist, wird der Behälter wieder vollgemacht. So wie das Wasser zu den Häusern transportiert wird, wird auch das Abwasser von den Häusern transportiert. Deswegen fahren sehr viele dieser LKWs durch die Gegend.
Als ich vom Gelände wieder rausgehe, sehe ich ein besonders schönes Exemplar am Straßenrand stehen. Ein gelber LKW mit schöner Deko. Ich gehe einmal herum und stelle mich dann davor und bewundere das Fahrzeug. Dann nehme ich mein BlackBerry aus der Tasche und mache ein Foto. Irgendwann höre ich jemanden rufen:
„Doktor!“
Ich drehe mich um und sehe niemandem.
„Doktor!“ schreit wieder diese Stimme. „Hier!“
Ich schaue auf die andere Straßenseite und sehe wie fünf junge Leute mir zuwinken.
Kann es sein, dass es unsere Studenten sind die mich ‚Doktor’ nennen? Unser Projektmanager hat allen Studenten erzählt, dass sämtliche Lehrkräfte promoviert haben und einen Doktortitel tragen. Beim Nähertreten merke ich, dass es sich nicht um unsere Studenten handelt. Als ich vor ihnen stehe, fragt mich der eine wer ich bin, woher ich komme und was ich hier mache. Dann übersetzt er alles für die anderen.
„Gefällt dir der LKW?“ fragt er.
„Ja, sehr!“ sage ich.
„Er gehört mir“, erwidert er.
„Sehr schickes Teil.“
Wir reden noch eine Weile und ich bin erstaunt wie gut sein Englisch doch ist.
„Woher kannst du so gut Englisch? Wo hast du es gelernt?“ frage ich ihn.
„Vom Fernsehen“, antwortet er.
„Sauber!“ erwidere ich ganz Bayer.
„Ha?“ fragt er.
„Fantastisch!“ sage ich dann auf Englisch.
Nach ein paar Minuten geht hinten beim Haus auf dem Hügel eine Tür auf und eine Frau schreit einen Namen. Alle fünf drehen sich um, erwidern etwas und sagen mir: „Mama hat gerufen, das Essen ist fertig. Wir müssen leider gehen.“
Wir geben uns zum Abschied die Hände und jeder geht seinen Weg. Als ich an der nächsten Ecke gedankenverloren ankomme, denke ich mir, schade dass du kein Foto von denen gemacht hast! Ich drehe mich um, aber es ist keiner mehr da. Nur der gelbe LKW parkt stumm am Straßenrand.
Leere Straße vorm Haus.
 
Wasserdistribution

 
                                                                    Schöner LKW



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