Nach ich weiß nicht wie vielen Stunden, wache ich vom Gesang
des Muezzin langsam auf. Ich öffne meine Augen und sehe fast nichts. Im Zimmer
ist es sehr dunkel. Wie lange habe ich denn geschlafen? 24 Stunden etwa? Ist es
morgen? Ich fühle mich viel zu müde um aufzustehen und bleibe im Bett liegen.
Die Stimme des Muezzins wirkt einschläfernd und entführt mich wieder ins Reich
des Morpheus.
Irgendwann reißt mich das Läuten des Telefons aus dem
Schlaf. Willkommen im Jahre 1435. Kein Witz! Hier gibt es eine andere
Zeitrechnung, nach Mohamed dem Propheten. Es ist Anes mein Filipino. Er meint,
dass er es nicht rechtzeitig schafft mich abzuholen und statt 16 Uhr kommt er so
gegen 18:30 Uhr. Kein Problem, umso besser. Er ruft noch mal an, sagt er
und legt auf. Ich gehe ins Bad und fühle mich auf einmal klein in dem großen
Raum. Das Bad wirkt so leer. Rechts befindet sich das Waschbecken mit Spiegel,
vor mir links die Kloschüssel, gegenüber die Dusche. Später bemerke ich, dass
es kein Klopapier gibt und mir kommt eine von Harald Schmidts Kolumnen für den
Focus in den Sinn. Darin beschreibt er einen Geschäftsreisenden der für ein
großes Unternehmen mit Klangvollem Namen ständig auf Achse ist und er sich in
den Lounges der Flughäfen dieses Welt wohler fühlt als bei sich zu Hause. Beim
Besuch einer Flughafentoilette versucht er alles mögliche zu tun um nicht
schmutzig zu werden und gleichzeitig vieles auf einmal zu machen, wie z.B. auf
E-Mails zu antworten. Er zwängt seinen Aktenkoffer irgendwie zwischen den
Beinen damit er vom schmutzigen Boden nicht versaut wird, etc. Irgendwann, nach
getanen Geschäft und als es schon zu spät ist, lächelt ihm der Karton der
Klorolle entgegen. Bei mir gibt es nicht mal einen Karton zu sehen. Dafür eine
Dusche an der Wand. (Bild unten). Aha! So geht das also hier. Andere Länder,
andere Sitten.
Ich geh wieder schlafen und wache etwa eine Stunde später
auf. Anes ist wieder am Telefon und meint, dass es noch ein wenig später wird.
Kein Problem, denke ich mir. Von mir aus braucht er heute nicht zu kommen.
Morgen ist auch ein Tag.
Ich gehe zum Fenster und versuche den Vorhang aufzumachen.
Geht nicht. Spinnen die Araber? Dann sehe ich ein paar Kordeln links und
rechts. Ziehe an der einen und der dünne Vorhang geht zur Seite. Ziehe an der
Anderen und der Dicke öffnet sich. Dazwischen aber gibt es noch eine
Plastikplane die das Licht draußen hält. Ziehe an der dritten Kordel und das
Plastikding geht nach oben. Endlich Licht! Merke aber, dass a) das Fenster
klein ist und b) das Glass milchig ist. Der 40" Fernseher ist an einer
Digitalbox angeschlossen und ich brauche ein paar Minuten um damit zurecht zu
kommen. Ich zappe durch die gut 900 Kanäle (unglaublich!) und muss feststellen,
dass alle aus dem Arabischen und dem Afrikanischen Raum sind. Ein paar
Türkische Sender sind dabei. Sogar Euronews, CNN und BBC sind auf Arabisch.
Schalte die Glotze wieder aus, nehme den Lift und gehe nach unten. Der Herr am
Empfang ist derselbe wie am morgen und begrüßt mich herzlich. Draußen empfangen
mich die langsam untergehende Sonne und ein kühler Wind. Es ist tatsächlich
frisch. Kaum zu glauben. Man denkt immer hier ist immer Sommer. Pustekuchen!
Kalt ist es!
Vor mir befindet sich eine extrabreite Straße mit
Verkehrsinsel in der Mitte und auf der gut drei Autos nebeneinander in jede
Richtung passen. Gegenüber ist ein unbebautes Grundstück und dahinter befindet
sich eine breite Straße mit Hotels wie meines. Zur Linken befinden sich ein
Bürogebäude und ein paar der größeren Hotels die ich am morgen sah. Zur Rechten
geht das unbebaute Grundstück in die Länge und auf der Seite meines Hotels sehe
ich weitere Neonlichter die auf Hotels schließen lassen. Auf dem Gehweg der
anderen Straßenseite laufen ein paar Jogger der Abendsonne entgegen und viele
Frauen im Ninjalook gehen Spazieren. Dass, die Araber keinen Sport im Freien
machen und keine kurzen Hosen tragen scheint hiermit ein Märchen zu sein. Dass
die Frauen nie ohne Männerbegleitung aus dem Haus gingen, auch. Einige sind in
Gruppen und manche alleine unterwegs. Mir fällt ein, dass ich in der Früh einen
kleinen Supermarkt gesehen habe und mache mich in dessen Richtung. Ich habe
keine Riyal, dafür aber Kreditkarten. Ich betrete den Laden und sehe zwei
asiatische Angestellte. Frage ob die Englisch können. Können sie nicht. Winke
mit meiner Kreditkarte, geben mir zu verstehen, dass die nicht auf Plastikgeld
stehen. ATM? Verstehen sie nicht. Bank? Ein hoffnungsvolles Glitzern in deren
Augen macht sich breit. Ich schnappe mir einen Kuli und ein Stück Papier von
der Theke und zeichne einen Bankautomaten. Der eine der beiden malt ein großes
X auf meine Zeichnung, was bedeutet, dass es keinen gibt. Mist!
Mit knurrenden Magen geht es zurück zum Hotel. Ich biege
irgendwo falsch ab und komme an einer Moschee vorbei. Ein paar Kinder die auf
der Straße spielen schauen mich verwundert an und kommen auf mich zu. Eines
spricht ein paar Brocken Englisch und fragt nach meinen Namen und Herkunft. Mit
Greece kann der Junge nichts anfangen, aber als ich Yunan, also Griechenland
auf Arabisch sage, entfaltet sich bei allen ein Lächeln bis zu den Ohren. Ich
nehme die Visitenkarte des Hotels aus meiner Tasche und zeige sie den Kindern.
Sie können mir den Weg nicht erklären, bringen mich aber bis vor die
Hoteltür. Kaum drin, schaut mich der Herr am Empfang an und wedelt mit dem
Telefonhörer. Anes ist dran. So gegen 20 Uhr wird er kommen, sagt er. Ich darf
im Hotel essen und trinken was ich will, alles auf Kosten der Firma. Gut. Ein
Sandwich und einen Tee, bitte.
Um 20:30 Uhr klopft es an der Zimmertür. Der kleinwüchsige
Filipino ist da. Wir steigen in sein Auto ein und fahren eine gute halbe Stunde
durch die Gegend. Er rast über die Autobahn als ob der Teufel hinter ihm her
wäre, er überholt mal links, mal rechts und ich fühle mich wieder im PS-Spiel
Burnout. Irgendwann biegt er ab, es geht durch bewohntes Gebiet und irgendwann
erreichen wir eine Straße mit Geschäften. Er parkt und wir gehen ein paar
Schritte. Das Restaurant ist groß, sieht auf dem ersten Blick wie ein
Schnellimbiss aus, weil es Kassen hat vom Schlag eines McDoof oder eine der
anderen Burgerbratereien, ist aber alles andere als ein Schnellrestaurant. Er
bestellt etwas für uns beide, danach gehen wir ins Bad um uns die Hände zu
waschen. Auf dem Weg ins Bad bemerke ich keine Stühle und Tische. Stattdessen
ist entlang der Wand ein Bereich wie ein Podium, ca. halben Meter vom Fußboden
hoch und mit grünem Teppich ausgelegt. Darauf sitzen Männer in kleinen Gruppen
und essen. Nach dem Händewaschen setze ich mich zwischen zwei Gruppen auf dem
Boden, während er nach draußen zum telefonieren geht. Einer der Männer rechts
von mir spricht mich irgendwann mal an und wir fangen ein Gespräch an.
Irgendwann kommt der Kellner und fragt was ich trinken möchte. Pepsi Light
versteht er nicht ganz und bringt mir ein 7Up. Der Englisch sprechende Araber
erklärt es ihm und sofort ist meine Pepsi da. Irgendwann kommt auch Anes und
kurz darauf breitet ein Kellner einen Plastiktischbezug auf dem Boden aus. Dann
kommt auch das Essen. Reis mit Hähnchen in kleinen Stücken und etwas Gemüse.
Dazu Fladenbrot und eine Flasche scharfer Soße. Gegessen wird mit den Fingern,
Besteck gibt es keines. Ich bin kurz davor meine Kamera oder mein BlackBerry zu
zücken um das Essen und den Laden zu fotografieren, muss es mir leider verkneifen,
weil ich den Eindruck habe, jeder schaut auf uns und es kommen mir wieder
Knastszenen aus ‚Im Juli’ und ‚Midnight Express’ in den Kopf. Mist!
Wir steigen ins Auto ein und fahren wieder eine halbe
Stunde. Anes erzählt, dass es in Riad kaum alte Häuser gibt. Riad war noch vor
ein paar Jahrzehnten ganz klein habe ich gelesen und ist boom artig gewachsen.
Das sagt auch mein Filipino. Und es wächst ständig weiter. Es wird überall
gebaut und täglich ändert sich was. Wir fahren zu einem der Wolkenkratzer der
Stadt, in dem ein Hotel, ein paar Firmen, Cafés und Restaurants beherbergt sind
und drehen dort eine Runde in dem Komplex. Auf dem Weg vor den ganzen Gebäuden
stehen lauter Luxuskarossen. Hier sehe ich zum ersten Mal in meinem Leben weiße
Ferraris. Was habt ihr eigentlich für eine Macke mit weißen Autos? Frage ich.
Weiß ist schick, hält im Sommer die Hitze fern, darauf sieht man den Wüstensand
nicht so stark, etc. Praktisch, denke ich mir.
Wir fahren weiter zu einer Straße mit Cafés, Restaurants und
verschiedenen Geschäften. Auf insgesamt sechs Fahrspuren ist um Mitternacht die
Hölle los. Es handelt sich um den Corso der Stadt. Hier kommen alle um sich zu
zeigen und fahren ihre PS spazieren. Eigenartig, meint Anes. Hier herrscht zwar
immer Verkehr, aber Stop and Go um die Uhrzeit? Schon bald finden wir die
Ursache heraus. Polizeiblockade. Beide, normale und Religionspolizei stehen
mitten auf der Straße und kontrollieren die Autos auf Papiere und Zucht und
Ordnung. Ich zeige meinen Reisepass samt Visa. Yunani? Fragt der Polizist und
lächelt bis zu den Ohren. Ja, Grieche, sage ich und lächle mindestens so breit
wie er. Wir dürfen weiterfahren und parken ein Stückchen weiter vor einem Café.
Obwohl es nach Mitternacht ist, ist es noch angenehm und die Leute sitzen
draußen. Wieder etwas was nicht stimmt. Mir wurde erzählt, dass es in diesem
Land keine Cafés gibt wie wir sie kennen und man setzt sich nie draußen, weil
es draußen keine Tische gibt. Gelogen! Wir sind an Starbucks und ein paar
anderen Ketten und Arabischen Cafés vorbeigefahren und viele hatten Tische auf
dem Bürgersteig. Wir gehen rein und bestellen uns Tee und Kuchen. Um uns herum
sitzen lauter Araber in ihren Gewändern und unterhalten sich, lachen und
amüsieren sich. Wie in einem Lokal in der westlichen Welt. Nur der Anblick ist
etwas befremdlich. Knappe Dreiviertelstunde später macht der Wirt die Lichter
aus und wir müssen gehen. Anes fährt mich noch ein wenig durch die Gegend und
schließlich ins Hotel.
Dort angekommen finde ich heraus, dass Viber nicht
funktioniert. Zensur. 'The Hand', wie es im Buch ‚Alif the Unseen’ heißt.
Im Bett rasen die Bilder, Eindrücke und Gefühle der letzten
48 Stunden wie wild vor meinen Augen. Irgendwie fühle ich mich sehr eigenartig.
Es ist eine mir fremde Welt. Zum ersten Mal in meinem Leben befinde ich mich in
einem Land dessen Schrift ich nicht lesen kann. Ich bin schon mein ganzes Leben
Ausländer, egal wo ich mich befinde, damit habe ich kein Problem, aber hier ist es
noch mal anders. Das fiel mir in Ägypten auf. Als ich im Flughafen auf die
Toilette wollte, öffnete man mir die Tür, mir wurde der Weg bis zum Klosett
gezeigt, Seife, Papiertücher und Parfüm gereicht. Wie bei Harrods in London.
Alle sind extrem freundlich und heißen mich im Land willkommen. Die Gedanken
und Bilder rasen weiter und ich ertrinke in Gefühlen und schlafe ein.
P.S. Das Bild ist nicht vom Hotel, sondern von meiner Wohnung. Rechts ist die Dusche und links...
wahnsinn .... sag bescheid wenn Teil 4 raus ist :-)
AntwortenLöschenDanke, mach' ich!
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