Lawrence war gestern, heute ist Theo J
Koffer abgegeben, durch die Passkontrolle gegangen, die
Gefühle fahren Achterbahn und ich frage mich immer noch ob ich das Richtige
tue. Innerlich zerrissen, einerseits will ich diese Erfahrung unbedingt machen,
andererseits macht mir all das Gelesene und Gehörte Angst.
Lange habe ich mich auf diese Reise vorbereitet. Vor einem
Jahr dachte ich wieder mal nach wohin die Reise gehen sollte. Am Scheidepunkt
angelangt, in vielerlei Hinsicht, machte ich mir an Weihnachten 2012 Gedanken
wie mein Leben in Zukunft aussehen und sich entwickeln sollte.
Eine Weltkarte wurde ausgebreitet und die Gedanken nahmen
freien Lauf. So manche Länder kamen nicht in Frage (zu weit weg, uninteressant,
keine beruflichen Perspektiven, zu kalt, zu heiß, zu unsicher, usw.). Nach
langem Grübeln legte ich einige Kriterien fest: nicht zu weit weg, gutes Klima,
guter Verdienst, exotisch. Und so machte Saudi Arabien das Rennen. KSA, wie es
eigentlich heißt klingt nach Orient, nach Verschlossenheit, nach Exotik, nach
Abenteuer, nach Mystik, nach leckerem Essen und nach Düften. Aber auch nach strikter
Lebensweise und extrem heißen Sommern.
Egal. Das es sich um ein verschlossenes Land handelt, reizt
es einen umso mehr dieses Land zu erleben und kennenzulernen. Viele Infos
findet man leider nicht. Auf den ganzen Blogs liest man vieles, vieles ist aber
auch widersprüchlich und am Ende weiß man nicht was man glauben soll.
Reiseführer gibt es kaum und Bilder gibt es noch weniger.
Ich habe mir viele Bücher gekauft und etliche Blogs gelesen,
nach einem Jahr bin ich endlich hier und muss feststellen, dass es doch anders
ist, als ich es mir vorgestellt und überall gelesen habe. Wenn man sich durch die Lektüre über dieses Land liest, alles geschrieben von Ausländern und nicht von Saudis oder sonstigen Arabern, bekommt man den Eindruck vermittelt, dass es sich um einen Talibanstaat handelt, in dem es Männer mit langen Bärten gibt, Musik und alles was Spaß macht verboten ist und man unter ständiger Angst leben muss etwas falsch zu machen und dafür entweder in einem Kerker geworfen oder zu Tode gesteinigt wird. Vieles stimmt einfach
nicht und das Land ist liberaler als man glaubt.
Ein mulmiges Gefühl hatte ich und dachte mir auf was lasse
ich mich da ein und wäre es nicht besser das ganze abzublasen und daheim in
Europa zu bleiben? Obwohl ich seit meiner Kindheit kreuz und quer durch Europa
reise, ist dies mein erstes Mal überhaupt außerhalb des Kontinents. Die
Spannung stieg mit jedem Tag und besiegte die Angst in mir, einer Angst die ich
für mich behalten und mit keinem geteilt habe.
Nach einem mehrstündigen Flug über Kairo, kam ich um 3 Uhr
morgens in Riad an. Die Reise nach Kairo war zwar nicht ganz wie ein
innereuropäischer Flug, war jedoch nicht so außergewöhnlich. Unter den
Fluggästen gab es Afrikaner, Araber, Europäer, Männer, Kinder, Frauen die nicht
verschleiert waren. In der Wartehalle am Kairoer Flughafen änderte sich jedoch
das Bild. Viele voll verschleierte Frauen saßen neben mir und ließen ihre
Kinder spielen. Als ich meinen Blick vom iPad erhob und schweifen ließ, merkte
ich dass a) ich der einzige Weiße war, b) die Frauen nicht von Männern
begleitet wurden und c) nicht alle voll verschleiert waren. Somit schien die
Mär von der verschleierten Frau in der schwarzen Abaya die nie ohne männliche
Begleitung außer Haus geht wirklich eine Fantasie zu sein. Als die
herumtobenden Kinder merkten, dass ich mich nicht mehr mit dem iPad befasste, kamen
einige auf mich zu. Ein paar starrten mich an, wobei ich mir dachte, dass es ab
jetzt so sein wird, und andere sagten mir etwas auf Arabisch. Da ich nichts
verstand, antwortete ich auf Englisch, in der Hoffnung, dass eine der Mütter
etwas verstehen würde. Die wiederum lächelten mir zu und sagten nichts. Ein
Griff in meinen Rucksack brachte eine große Tüte Gummibärchen hervor. Zuerst
schauten die kleinen zögerlich der Tüte samt Inhalt misstrauisch und
argwöhnisch zu, weil sie wahrscheinlich nicht wussten was Goldbären sind, doch
nach anfänglichem Zögern nahm eines der Kinder die Tüte und rannte davon. Die
anderen hinterher. Es wurde aber gerecht geteilt und die Mütter bedankten sich
bei mir.
Irgendwann stiegen wir in den Flughafenbus mit dem wir zum
Flieger gebracht wurden. Im Flieger fiel mir sofort die Geschlechtertrennung
auf. Männer vorne, Frauen hinten und auf dem Weg zur Toilette bemerkte ich,
dass alle voll verschleiert waren. Die Stewardessen jedoch waren westlich
gekleidet und trugen nicht mal Kopftuch. Unfreundlich waren sie aber.
Vielleicht lag es an der späten Zeit, so gegen Mitternacht.
Um 3 Uhr morgens kamen wir in Riad an. Mit Pass mit Visum in
der Hand ging’s aus dem Flieger in den Bus und zum Flughafengebäude. Dort
folgte ich allen anderen die zu scheinen wussten wohin es ging. Nach einem
langen Gang bogen wir in eine Halle ein in der schon viele Menschen warteten.
Darüber gab es drei Schilder: Re-entry, First-time-entry und irgendwas
dazwischen was mir jetzt entfällt. Ich ging zur First-time-entry Schlange und
reihte mich ein. Mit den ganzen Horrorstorys die ich monatelang las, wagte ich kaum
mich umzuschauen. Irgendwas in mir sagte mir, dass falls ich jetzt eine falsche
Bewegung mache oder jemanden anschaue, meinen Blick auf eine Frau werfe, sich
ein Beamter auf mich stürzen, etwas auf Arabisch schreien und ich mich in einem
Kerker wiederfinden würde. Szenen vom den Filmen 'Midnight Express – 12 Uhr
Nachts', und 'Im Juli' schossen mir durch den Kopf. Irgendwann traute ich mich
umzuschauen und merkte wie schön der Flughafen doch ist. Kein grauer Beton wie
bei uns. Überall Marmor in verschiedenen Gelbtönen und eine freundliche
Architektur. Nichts Tristes und Beklommenes das Depressionen hervorruft.
Auf einmal ging es auf der anderen Seite der Halle schnell
voran, dort wo hauptsächlich Saudis standen. Wir mussten warten. Auch hier
Geschlechtertrennung. Vor mir ein Italiener, hinter mir ein paar Spanier. Gott
sei Dank war ich nicht alleine. Ich fang ein Gespräch mit dem Italiener an. Wir
sprachen leise und schauten dem Treiben zu. Um uns herum waren lauter Asiaten
(Inder, Bengalen, Pakistaner, Filipinos) und ein paar Afrikaner. Ein paar
Reihen weiter standen junge Asiatinnen die wahrscheinlich als Hausmädchen
arbeiten. Es ging alles schleppend voran und die Grenzbeamten tranken Tee und
gingen hin und her. Irgendwann kapierten wir, dass das System nicht
funktionierte und es deshalb dauerte. Ein Experte wurde gerufen, kam, machte
etwas und es ging für ein paar Minuten weiter. Danach war das System wieder im
Eimer.
Wenn man zum ersten Mal ins Königreich einreist, muss man
seinen Pass samt Visum vorzeigen. Darüber hinaus wird ein Foto gemacht und die
Finger gescannt. Dass die Iris auch gescannt wird, ist ein Märchen. Über eine
Stunde in der Schlange und kaum vorwärts gekommen, bemerkte ich wie die Frauen
schon durch die Kontrolle waren und um mich herum nur Männer standen. Noch mal
45 Minuten später winkte mich und den Italiener ein Grenzbeamter nach vorne.
Wir durften an allen vorbei! Ich gab meinen Pass ab, meine Details wurden
eingegeben, meine Finger gescannt und ein Foto wurde gemacht. Da versagte das
System wieder und ich musste warten. Auf meine Frage ob ich fertig sei, kam
eine unverständliche Antwort. Vielleicht lag es auch an meiner Müdigkeit, dass
ich nicht verstand. Ich frage „bitte?“ und bekam ein harsches „System down!“
entgegengeschmettert. Oha! Willkommen in der Steinzeit, sagte mir mein
Unterbewusstsein und am liebsten würde ich den nächsten Flug nach Hause nehmen.
Ein paar Minuten später bekam ich meinen Pass und durfte
durch die Kontrolle. Meine Reisetasche fand ich neben dem Band auf dem Boden.
Auch gut. Dann musste mein Gepäck noch einmal gescannt werden ehe ich raus
durfte.
Auf der anderen Seite wartete Anes, ein in Arabien geborener
Filipino, den meine Firma geschickt hat um mich abzuholen und sich um mich zu
kümmern. Als wir zum Parkhaus gingen sah ich zu 90% weiße Autos. Wir stiegen in
einem weißen Hyundai ein und fuhren raus. Anes steuerte die erste Tankstelle
an, die aber zu war. Kurz nach 5 in der Früh, Betenszeit, die erste von fünf.
Willkommen in Arabien, einem islamischen Königreich. Nicht nur in Bayern gehen
die Uhren anders lieber Franz Josef!
hey Theo! ich wünsche dir einen guten Start in Arabien! Für mich als Frau käme das Land nicht infrage, aber ich freue mich wirklich auf deine Berichte! viele Grüße aus München, Sandra
AntwortenLöschenDanke Dir!
AntwortenLöschenBald kommt mehr und mit Bildern.
Hört sich superspannend an, super dass du´s gewagt hast!!
AntwortenLöschenAlso falls du mal die Gelegenheit hast mit lokalen Frauen zu sprechen oder es andere Europäerinnen gibt, würde mich auch interessieren wie sie leben. Viele Grüße, Nina
Das mit den lokalen Frauen geht leider nicht. Man darf sie nicht mal anschauen. Aber ich kenne zwei Araberinnen (eine in Riad, eine seit kurzem in England) und eine Griechin die 4 Jahre in Jeddah verbracht hat. Die sehe ich zu Ostern und werde sie ausfragen. Im Sommer treffe ich die andere in England, die in Riad wird mir kaum Infos geben.
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